Kopf­las­tig­keit hilft ge­gen «1:12» we­nig

Rein ra­tio­na­le, öko­no­mi­sche Ar­gu­men­te rei­chen für die Ab­leh­nung nicht – Emo­tio­nen, Fair­nes­sprä­fe­renz und Sor­ge um den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt sind ernst zu neh­men. ROLAND WAI­BEL

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Vor­aus­sicht­lich im No­vem­ber wer­den wir über die «1:12»-Initia­ti­ve der Ju­so «für ge­rech­te Löh­ne» ab­stim­men. Sie for­dert, dass nie­mand mehr als zwölf­mal so viel ver­die­nen darf wie die Mit­ar­bei­ten­den mit dem nied­rigs­ten Lohn im sel­ben Un­ter­neh­men.

Das On­li­ne­markt­for­schungs­in­sti­tut Mar­ket­agent hat da­zu vom 3. bis 10. Mai im Auf­trag von «Schweiz am Sonn­tag» ei­ne Um­fra­ge bei 475 re­prä­sen­ta­tiv aus­ge­wähl­ten Per­so­nen durch­ge­führt. Da­nach wür­de ei­ne Mehr­heit von 55% der Be­völ­ke­rung der­zeit der «1:12»-Initia­ti­ve zu­stim­men. Da­ge­gen sind 28%, 17% ha­ben noch kei­ne Mei­nung. Der Ja-An­teil ist bei Frau­en und Äl­te­ren (50 bis 65) so­wie in der West­schweiz deut­lich hö­her.

Auch wenn die Er­fah­rung mit Volks­in­itia­ti­ven zeigt, dass in den Mo­na­ten vor der Ab­stim­mung ein Rück­gang von 10% üb­lich ist, soll­ten sich die Geg­ner der Vor­la­ge nicht zu­rück­leh­nen. Er­kennt­nis­se aus der Ver­hal­tens- und der Neu­ro­öko­no­mik las­sen er­war­ten, dass im Volks­ent­scheid star­ke Emo­tio­nen im Spiel sein wer­den. Mit pri­mär ra­tio­na­len Ar­gu­men­ten, mö­gen sie noch so über­zeu­gend sein, wird die po­li­tisch und wirt­schaft­lich breit auf­ge­stell­te Geg­ner­schaft nicht ge­win­nen kön­nen.

Nach­tei­le in Kauf ge­nom­men

Hin­wei­se dar­auf gibt ein wei­te­res Re­sul­tat der Um­fra­ge: Da­nach glaubt die Mehr­heit, dass gros­se Un­ter­neh­men die Schweiz ver­las­sen könn­ten, soll­te die Initia­ti­ve an­ge­nom­men wer­den. Ein­sich­tig dürf­te für die meis­ten sein, dass die Ab­wan­de­rung gros­ser Ge­sell­schaf­ten aus der Schweiz mit ge­samt­wirt­schaft­lich ne­ga­ti­ven Fol­gen ver­bun­den wä­re, ja so­gar per­sön­lich un­lieb­sa­me Kon­se­quen­zen ha­ben könn­te (z. B. all­ge­mein nied­ri­ge­res Lohn­ni­veau, dro­hen­der Ver­lust des ei­ge­nen Ar­beits­plat­zes durch Ab­wan­de­rung von Zu­lie­fer­ket­ten usw.). Den­noch scheint der­zeit die Mehr­heit be­reit, die Initia­ti­ve an­zu­neh­men.

Evi­denz für ein sol­ches Ver­hal­ten lie­fert das in der Öko­no­mie be­kann­te Ul­ti­ma­tum­spiel, wo­bei ei­ne be­stimm­te Men­ge Geld zwi­schen zwei Teil­neh­mern ver­teilt wer­den soll. Spie­ler eins gibt an, wie das Geld ver­teilt wer­den soll, Spie­ler zwei kann den Vor­schlag ak­zep­tie­ren (das Geld wird so auf­ge­teilt) oder nicht (bei­de ge­hen leer aus). Ei­ne rein ra­tio­na­le Lö­sung wä­re für Spie­ler zwei, je­des, al­so auch ein sehr ge­rin­ges An­ge­bot, zu ak­zep­tie­ren. We­nig ist schliess­lich bes­ser als gar nichts. In der Pra­xis zei­gen sich al­ler­dings durch­ge­hend zwei Er­geb­nis­se: Ers­tens schlägt et­wa die Hälf­te al­ler Spie­ler zwei die für sie un­güns­ti­gen An­ge­bo­te (wie zwei zu acht) aus. Und zwei­tens pro­pa­giert die Mehr­heit der Spie­ler eins ei­ne re­la­tiv fai­re Lö­sung (wie hal­be-hal­be oder sechs zu vier).

Die­ses Ver­hal­ten ist als Fair­nes­sprä­fe­renz wis­sen­schaft­lich breit be­legt. Men­schen ha­ben ei­ne nach­weis­ba­re Vor­lie­be für ei­ne «ge­rech­te» Auf­tei­lung wirt­schaft­li­cher Er­trä­ge. Da­bei spie­len Emo­tio­nen wie Neid- und Sta­tus­ge­füh­le, die bei­de eng mit­ein­an­der ver­wandt sind, ei­ne zen­tra­le Rol­le. Neid im­pli­ziert ei­ne Ab­nei­gung ge­gen Un­gleich­heit, ge­gen un­glei­chen Er­folg. Ne­ben vie­len, uns al­len be­kann­ten All­tags­er­fah­run­gen (Kin­der­neid, Kol­le­gen­neid usw.) gibt es über­zeu­gen­de wis­sen­schaft­li­che Evi­denz für die Be­deu­tung von Neid- und Sta­tus­ori­en­tie­rung. So sinkt die Zuf­rie­den­heit von Ar­beit­neh­mern, wenn das Ein­kom­men von Per­so­nen, mit de­nen sie sich ver­glei­chen, steigt. Zu­dem ha­ben Men­schen ei­ne star­ke Aver­si­on da­ge­gen, we­ni­ger Ein­kom­men als re­le­van­te Re­fe­renz­per­so­nen zu er­hal­ten.

Auf ei­ne sol­che, breit vor­han­de­ne Ten­denz hin deu­tet das Um­fra­ge­er­geb­nis auf die zwei­te Fra­ge, die den Be­frag­ten vor­ge­legt wur­de: «Ist es für Sie nach­voll­zieh­bar, dass Chefs gros­ser Un­ter­neh­men mehr als ei­ne Mil­li­on Fran­ken ver­die­nen?». Das Re­sul­tat ist deut­lich: Nur 31% der Be­frag­ten ant­wor­ten dar­auf mit «Ja» oder «eher Ja». Ei­ne star­ke Mehr­heit von 69% kann Sa­lä­re von mehr als ei­ner Mil­li­on «eher nicht» oder «über­haupt nicht» nach­voll­zie­hen.

Ver­glei­che sind ent­schei­dend

For­schun­gen zei­gen auf, dass Men­schen stark von so­zia­len Ver­gleichs­pro­zes­sen be­ein­flusst wer­den. Da­zu kommt, dass rein ei­gen­nutz­ori­en­tier­tes und ex­zes­si­ves Ver­hal­ten – so wer­den die «Ab­zo­cker» von vie­len Bür­gern wahr­ge­nom­men – die in­sti­tu­tio­nel­len Rah­men­be­din­gun­gen des Wirt­schaf­tens ge­fähr­det. Men­schen er­le­ben tag­täg­lich, dass das Funk­tio­nie­ren von so­zia­len In­sti­tu­tio­nen auf Fair­ness, Kom­pro­miss­be­reit­schaft, Mass­hal­ten, Aus­gleich und Ver­trau­en be­ruht. Durch die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­leb­te Mass­lo­sig­keit man­cher Ma­na­ger se­hen vie­le Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer die so­zia­le Ko­hä­si­on – ei­nes der höchs­ten Gü­ter in un­se­rem Land – in Ge­fahr. Um sie zu si­chern und der ei­ge­nen Fair­nes­sprä­fe­renz zum Durch­bruch zu ver­hel­fen, wird selbst ein ei­ge­nes Op­fer in Kauf ge­nom­men.

Geg­ner von «1:12» tun gut dar­an, in der Pla­nung ih­rer Kam­pa­gne dar­auf Rück­sicht zu neh­men. Pri­mär ra­tio­na­le, öko­no­mi­sche, wohl­stands­ba­sier­te Ar­gu­men­te wer­den dem Nein-Ko­mi­tee nicht zum Er­folg ver­hel­fen. Nur wenn es ge­lingt, Emo­tio­nen, Fair­nes­sprä­fe­renz und Sor­ge um den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt von vie­len Bür­ge­rin­nen und Bür­gern glaub­haft ernst zu neh­men, wer­den NeinAr­gu­men­te frucht­ba­ren Bo­den fin­den. Roland Wai­bel ist Pro­fes­sor für Be­triebs­wirt­schaft an der FHS St. Gal­len, Hoch­schu­le für An­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten, und lei­tet dort das In­sti­tut für Un­ter­neh­mens­füh­rung.

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