Ein­stei­ger­mo­dell für Fort­ge­schrit­te­ne

FAHR­BE­RICHT Der Ca­dil­lac ATS ist der Nach­fol­ger des un­säg­li­chen BLS – Über­ra­schend fahr­ak­tiv – Test der Ver­si­on 2.0T Pre­mi­um mit All­rad­an­trieb

Finanz und Wirtschaft - - AUTOMOBIL - DA­VE SCHNEI­DER

Gleich zwei Nach­barn spre­chen mich auf die «Lu­xus­li­mou­si­ne» in der Ga­ra­ge an – und bei­de schau­en ver­wun­dert, als ich von Mit­tel­klas­se spre­che. Ein Ca­dil­lac, das ist hier­zu­lan­de eben noch im­mer ein ein­deu­ti­ges State­ment – und tat­säch­lich wirkt der an­ge­spro­che­ne Pro­band we­sent­lich grös­ser, mäch­ti­ger, als sei­ne Ab­mes­sun­gen in Wahr­heit sind.

Ca­dil­lacs Kleins­ter, der ATS, ist 4,65 m lang, 1,8 m breit und 1,42 m hoch – da­mit ist er kür­zer als ein Au­di A4, schma­ler als ein 3er-BMW und fla­cher als ei­ne Mer­ce­des-Benz-C-Klas­se; Mo­del­le, mit de­nen der ATS di­rekt kon­kur­riert. Doch of­fen­sicht­lich wird der Ca­dil­lac als grös­ser emp­fun­den, was um­so mehr er­staunt, wenn man den Rad­stand be­trach­tet: A4 und 3er ha­ben ei­nen iden­ti­schen Achs­ab­stand von 2,81 m, der Ca­dil­lac liegt mit 2,77 m dar­un­ter. Es muss folg­lich am De­sign lie­gen, und da­mit protzt der Ami gross auf: Die selbst­be­wuss­te, schnör­kel­lo­se, sehr ei­gen­stän­di­ge Form­ge­bung von Ca­dil­lac ver­leiht dem ATS ei­ne enor­me Prä­senz. Was der schi­cke Ame­ri­ka­ner der deut­schen Kon­kur­renz sonst noch al­les ent­ge­gen­zu­set­zen hat, zeigt un­ser Fahr­be­richt der Ver­si­on 2.0T AWD Pre­mi­um.

Nicht ganz aus­ge­reift

Als mir der Pres­se­spre­cher bei der Test­wa­gen­über­ga­be de­zent ein ein­ge­schweiss­tes Fri­sche­tüch­lein über­reich­te, warf ich ei­nen ra­schen Kon­troll­blick über mein Er­schei­nungs­bild. Doch nein, das Rei­ni­gungs­tuch war nicht für mich; es sei ge­dacht, um zwi­schen­durch den Touch­screen zu rei­ni­gen. Was mir vor­erst et­was pe­dan­tisch er­schien, er­klär­te sich nur we­nig spä­ter: Auf dem be­rüh­rungs­emp­find­li­chen Bild­schirm so­wie auf den schwarz glän­zen­den Flä­chen drum her­um trüb­te bald ein «Ge­schmie­re» von Fin­ger­ab­drü­cken die Sicht und auch die Freu­de – ele­gant und hoch­wer­tig wirkt das nicht.

Über­haupt hin­ter­lässt das top­mo­der­ne In­fo­tain­ment­sys­tem CUE ei­nen zwie­späl­ti­gen Ein­druck. Für die Be­die­nung der ver­schie­de­nen Sys­te­me geht Ca­dil­lac ei­nen neu­en Weg, was grund­sätz­lich löb­lich ist. Der Me­nüauf­bau gleicht dem ei­nes Smart­pho­ne, vie­les ist in­tui­tiv be­dien­bar, vie­les ist va­ria­bel kon­fi­gu­rier­bar. Den­noch: Aus­ge­reift wirkt das Sys­tem nicht. Wie­so kann ei­ne über TP ein­ge­spiel­te Ver­kehrs­mel­dung nicht so­fort lei­ser ge­stellt wer­den? War­um wur­den in ei­ni­gen Un­ter­me­nüs die Re­tour-Tas­te ver­ges­sen? Und was soll die­se um­ständ­li­che Adressein­ga­be im – sonst sehr gu­ten – Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem?

Eben­falls ei­gen­stän­dig und nicht ganz aus­ge­reift sind die Be­die­nungs­tas­ten in der ele­gan­ten, schwarz glän­zen­den Mit­tel­kon­so­le. Die silb­ri­gen, sehr schlan­ken «Strei­fen» soll­ten auf Be­rüh­rung und ganz oh­ne Druck funk­tio­nie­ren – was sie aber längst nicht im­mer tun. Um bei­spiels­wei­se die Laut­stär­ke des Ra­di­os zu ver­rin­gern, kann im ATS nicht wie in sol­chen Sys­te­men ge­wohnt an ei­nem Reg­ler ge­dreht wer­den, son­dern man legt die Fin­ger­kup­pe auf das ent­spre­chen­de Tas­ten­feld und hofft in­stän­dig, dass der Be­fehl aus­ge­führt wird. So plärr­te wäh­rend ei­ner Aus­weis­kon­trol­le am Zoll in Genf Led Zep­pe­lins «Da­zed and con­fu­sed» in vol­ler Laut­stär­ke aus der her­vor­ra­gen­den Bose-Sound- an­la­ge, wäh­rend ich ver­zwei­felt ver­such­te, dem Zöll­ner klar­zu­ma­chen, dass ich ger­ne lei­ser stel­len wür­de – er war ganz of­fen­sicht­lich kein Led-Zep-Fan.

Schö­nes Fahr­ver­hal­ten

Sie fra­gen sich, wie­so ich auf sol­chen Klei­nig­kei­ten her­um­rei­te? Aus zwei Grün­den: Ers­tens darf von ei­ner Pre­mium­mar­ke Per­fek­ti­on bis ins De­tail er­war­tet wer­den – da fal­len sol­che är­ger­li­chen Klei­nig­kei­ten ins Ge­wicht. Zwei­tens aber ha­be ich sonst nichts ge­fun­den, das es zu be­män­geln gä­be. Der Vier­zy­lin­der-Tur­bo­ben­zi­ner (2 l Hu­b­raum, 203 kW/276 PS; 353 Nm zwi­schen 1700 und 5500 U/min) läuft ge­schmei­dig und bie­tet tol­le Fahr­leis­tun­gen. Das Sechs­gang-Au­to­ma­tik­ge­trie­be ist har­mo­nisch und kann mit Schalt­wip­pen be­dient wer­den. Die Len­kung: wun­der­bar di­rekt und an­ge­nehm prä­zis. Die Fahr­werk­ab­stim­mung ist al­les an­de­re als ty­pisch ame­ri­ka­nisch: Die Fe­de­rung/Dämp­fung ist kom­for­ta­bel ab­ge­stimmt, oh­ne da­bei schwam­mig zu wir­ken. Dank der na­he­zu idea­len Ge­wichts­ver­tei­lung und des sport­lich-straf­fen Fahr­werks lässt sich Ca­dil­lac ATS Test­wa­gen­lie­fe­rant: der ATS ger­ne auch flott um Kur­ven len­ken, wirkt da­bei äus­serst wil­lig und gut­mü­tig. Die Aus­stat­tung ist auf dem Stand der Zeit und lässt kaum Wün­sche of­fen.

Ein gros­ser Plus­punkt, be­son­ders für den Schwei­zer Markt, ist der All­rad­an­trieb. Lei­der er­höht sich mit die­ser An­triebs­art auch der Ver­brauch: Wir ha­ben ei­nen Schnitt von 10,5 l/100 km er­mit­telt – ge­mäss Her­stel­ler soll der All­rad­ler mit 8,4 l aus­kom­men, was ei­nem CO2-Aus­stoss von 195 g/km ent­spricht.

Der Ca­dil­lac ATS ist ein gross­ar­ti­ges Au­to­mo­bil, das dem Kon­kur­renz­kampf mit den eta­blier­ten deut­schen Mo­del­len ge­las­sen ent­ge­gen­se­hen kann – lei­der wird er hier­zu­lan­de den­noch nur ei­ne Aus­sen­sei­ter­rol­le spie­len. Nicht nur die Fahr­qua­li­tä­ten, auch die Aus­stat­tung ist be­mer­kens­wert: Ein tol­les He­ad-up-Dis­play, ei­ne her­vor­ra­gen­de Sound­an­la­ge, fei­ne Ma­te­ria­li­en und die neu­es­ten Si­cher­heits­fea­tures sind in der von uns ge­fah­re­nen Topver­si­on Pre­mi­um se­ri­en­mäs­sig an Bord. Der Ca­dil­lac ATS ist ab 50 710 Fr. zu ha­ben, das von uns ge­fah­re­ne Mo­dell kos­tet ab 68 910 Fr.

Das ei­gen­stän­di­ge De­sign un­ter­streicht den Exo­ten-Cha­rak­ter des Ca­dil­lac ATS. Auch des­halb ist er ei­ne tol­le Al­ter­na­ti­ve zu den Deut­schen.

Fei­ne Ma­te­ria­li­en, schö­ne Gestal­tung im In­nen­raum. Die Be­dien­tas­ten sind ein Är­ger­nis.

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