Deutsch­lands Ver­fas­sungs­rich­ter prü­fen die EZB

Die An­hö­rung in Karlsruhe steht ganz im Zei­chen der An­lei­hen­käu­fe – Zwei­fel an der Zu­stän­dig­keit des Ge­richts

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ANDRE­AS NEIN­HAUS

Bringt das deut­sche Ver­fas­sungs­ge­richt den Eu­ro zu Fall? Seit Mo­na­ten wird dar­über spe­ku­liert, wie das seit ver­gan­ge­nem Som­mer of­fe­ne Ver­fah­ren aus­ge­hen wird. Ein de­fi­ni­ti­ves Ur­teil ist erst für Herbst zu er­war­ten, aber am Di­ens­tag hat der ers­te Teil ei­ner zwei­tä­gi­gen öf­fent­li­chen An­hö­rung in Karlsruhe statt­ge­fun­den. Nach ei­nem Tag Fra­gen und Ant­wor­ten wird plötz­lich klar, dass nicht nur of­fen ist, wie das Ge­richt ent­schei­det, son­dern auch, wor­über es über­haupt ur­tei­len darf.

Wor­um geht es? Letz­ten Som­mer hat­ten deut­sche Par­la­men­ta­ri­er un­ter­schied­li­cher Frak­tio­nen Kla­gen ge­gen den Eu­roret­tungs­schirm ESM und den zur Kon­trol­le der na­tio­na­len Staats­haus­hal­te be­schlos­se­nen Fis­kal­pakt ein­ge­reicht. Bei­de wür­den ge­gen das Grund­ge­setz ver­stos­sen, weil das Par­la­ment zu sehr an fis­kal­po­li­ti­scher Sou­ve­rä­ni­tät ein­büs­se. Das Ge­richt ent­schied «sum­ma­risch» Mit­te Sep­tem­ber: Die Ein­wän­de wies es über­wie­gend ab. Das end­gül­ti­ge Ur­teil steht zwar noch aus, aber die Haupt­punk­te sind ge­klärt. ESM und Fis­kal­pakt tra­ten in Kraft.

Al­les wä­re da­mit er­le­digt ge­we­sen, hät­te nicht die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank we­ni­ge Ta­ge vor dem Vor­ab­ur­teil an­ge­kün­digt, künf­tig un­be­grenzt An­lei­hen von an­ge­schla­ge­nen (aber im­mer noch ka­pi- tal­markt­fä­hi­gen) Eu­ro­staa­ten auf­zu­kau­fen, die sich ei­nem wirt­schafts­po­li­ti­schen Re­form­pro­gramm im Rah­men des ESM un­ter­zie­hen: Ou­t­right Mo­ne­ta­ry Tran­sac­tions (OMT). Die Karls­ru­her Rich­ter kün­dig­ten an, das neue Ret­tungs­ve­hi­kel in ih­rem aus­ste­hen­den Haupt­ver­fah­ren ge­nau un­ter die Lu­pe zu neh­men.

In­zwi­schen, so scheint es, geht es in Karlsruhe nur noch um die OMT. Und das ist be­denk­lich, denn kei­ne an­de­re EZB-Ak­ti­on hat die Eu­ro­kri­se so wirk­sam ein­däm­men kön­nen wie die­se von den Fi­nanz­märk­ten und den Öko­no­men be­ju­bel­te Ba­zoo­ka. Je­der Zwei­fel an ih­rem künf­ti­gen Ein­satz könn­te er­neut Ängs­te vor dem Aus­ein­an­der­bre­chen der Wäh­rungs­uni­on schü­ren und lies­se die Kur­se am An­lei­hen­und am De­vi­sen­markt ein­stür­zen.

«Wenn je­des Land klag­te»

Der Di­ens­tag­mor­gen war den Rechts­par­tei­en vor­be­hal­ten. Auf der Sei­te der Klä­ger ver­schie­de­ne Ju­ra­pro­fes­so­ren und An­wäl­te, u. a. der Lin­ken-Frak­ti­ons­chef Gre­gor Gy­si und der Tü­bin­ger Öko­nom Joa­chim Star­bat­ty. Die an­ge­klag­te Re­gie­rung schick­te ih­ren Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le vor. Er be­ton­te, dass die EZB nicht ge­gen ihr Man­dat ver­stos­se, und stell­te die Zu­stän­dig­keit der deut­schen Rich­ter in Fra­ge. Es sei schwer vor- stell­bar, dass na­tio­na­le Ge­rich­te über die Recht­mäs­sig­keit von Mass­nah­men der EZB ent­schei­den, wur­de er von an­we­sen­den Me­di­en­ver­tre­tern zi­tiert. Wä­re dem so, lie­fe die EZB Ge­fahr, von un­ter­schied­li­chen na­tio­na­len Ge­rich­ten un­ter­schied­li­che Vor­ga­ben zu er­hal­ten.

Da­mit ver­wies Schäu­b­le auf ei­nen Schwach­punkt des Ver­fah­rens. Ju­ris­ten be­zwei­feln, dass Deutsch­lands Ver­fas­sungs­ge­richt über das EZB-Man­dat ur­tei­len kann. Als in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­ti­on un­ter­liegt sie eu­ro­päi­schem Recht. Zu­stän­dig wä­re der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof, aber er ist bis­her nicht in­vol­viert.

Mit an­de­ren Wor­ten: Nicht die EZB droht ih­re Kom­pe­ten­zen zu über­schrei­ten, son­dern die Karls­ru­her Rich­ter. Und das ist nicht ein­mal die ein­zi­ge Gren­ze, die der Ge­richts­hof der­zeit voll aus­tes­tet. Der Ber­li­ner Staats­recht­ler In­golf Per­nice be­ton­te am Mon­tag in ei­nem Interview auf Ver­fas­sungs­blog.de ein wei­te­res No­vum im Vor­ge­hen der Rich­ter: In Sa­chen OMT ge­be es bis­her nur ei­ne An­kün­di­gung der EZB. Ein po­li­ti­scher Spruch des Prä­si­den­ten, der ei­ne Ab­sicht ver­kün­de – mehr nicht. Nor­ma­ler­wei­se über­prüf­ten Ge­rich­te recht­lich er­heb­li­che Hand­lun­gen, da­mit ha­be man es im Fal­le der OMT je­doch nicht zu tun. Per­nice: «Das heisst, dass ei­gent­lich das Ver­fah­ren in die­ser Hin­sicht ge­gen­stands­los ist.»

Am Di­ens­tag­nach­mit­tag ging es dann end­lich auch um in­halt­li­che Punk­te wie den Sou­ve­rä­ni­täts­ver­lust durch die Hin­ter­tür. «Sie bie­ten dem Bür­ger we­nig an, wie er ein­grei­fen kann, wenn ei­ne un­ab­hän­gi­ge eu­ro­päi­sche In­sti­tu­ti­on Wohl­stand um­ver­teilt», for­der­te Ge­richts­prä­si­dent Andre­as Voss­kuh­le den Rechts­ver­tre­ter des Deut­schen Bun­des­tags her­aus. Die­ser ant­wor­te­te ge­mäss Me­dien­be­rich­ten: Bür­ger be­fän­den sich in der EU in der Tat in ei­nem be­schränk­tem Sys­tem.

Die Zeu­gin der An­kla­ge

Dass die­se Spit­ze ge­gen die EZB auf der Li­nie des Prä­si­den­ten der Bun­des­bank, Jens Weid­mann, liegt, ist ei­ne wei­te­re Ku­rio­si­tät des Pro­zes­ses ge­gen die EZB. Die Bu­ba tritt näm­lich als Zeu­gin der An­kla­ge auf. Weid­mann wie­der­hol­te sei­ne be­kann­ten Vor­be­hal­te ge­gen die Staats­an­lei­hen­käu­fe. Sie sind in sei­nen Au­gen ei­ne Büch­se der Pan­do­ra, die den Weg zu un­kon­trol­lier­ter zwi­schen­staat­li­cher Haus­halts­fi­nan­zie­rung öff­net.

EZB-Di­rek­to­ri­ums­mit­glied Jörg As­mus­sen kon­ter­te, bei den OMT sei­en die Par­la­men­te via ESM ein­ge­bun­den. Die EZB hand­le voll im recht­li­chen Rah­men. Er be­zog sich da­bei al­ler­dings auf das EU-Recht, um das es in Karlsruhe doch gar nicht geht.

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