Der Weg zur Nor­ma­li­tät

Aus­tra­li­ens Roh­stoff­in­dus­trie muss mit nied­ri­ge­ren Prei­sen le­ben

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - URS WÄL­TER­LIN,

Aus­tra­li­ens Res­sour­cen­in­dus­trie fällt auf den Bo­den der Rea­li­tät zu­rück. Nach zehn Jah­ren des gröss­ten Roh­stoff­booms in der Ge­schich­te des Lan­des ver­liert das wich­tigs­te Kon­junk­tur­stand­bein an Kraft. Noch vor kur­zem schwärm­ten Op­ti­mis­ten von ei­ner «ein Jahr­hun­dert dau­ern­den Hausse». So re­agier­ten Ana­lys­ten mit Schock, als das staat­li­che Roh­stoff­for­schungs­in­sti­tut Aba­re jüngst mel­de­te, der Wert von be­schlos­se­nen Roh­stoff­pro­jek­ten wer­de in den nächs­ten Jah­ren dra­ma­tisch schrump­fen.

In den letz­ten Mo­na­ten wur­den Pro­jek­te im Wert von 150 Mrd. aus­tr. $ auf Eis ge­legt. Den spek­ta­ku­lärs­ten Rück­zie­her mach­te im April der Öl- und Gas­för­de­rer Wood­si­de Pe­tro­le­um. Das Un­ter­neh­men sag­te den im Nor­den von Westaus­tra­li­en ge­plan­ten Bau der gröss­ten Flüs­sig­gas­an­la­ge der Welt ab. Die von Um­welt­schüt­zern und Ur­ein­woh­nern hef­tig be­kämpf­te An­la­ge hät­te min­des­tens 20 Mrd. aus­tr. $ ge­kos­tet. Roh­stoff­gi­gant BHP Bil­li­ton leg­te Plä­ne für ei­nen ähn­lich auf­wen­di­gen Aus­bau von Olym­pic Dam in Süd­aus­tra­li­en in den Schrank, der po­ten­zi­ell gröss­ten Ur­an­mi­ne der Welt. Auch Rio Tin­to und Pe­abo­dy Ener­gy mot­te­ten in den letz­ten Mo­na­ten Pro­jek­te ein. Es ver­geht kaum ein Tag, an dem nicht auch klei­ne­re Fir­men neue Ver­schie­bun­gen oder Stor­nie­run­gen von Ex­pan­si­ons­plä­nen mel­den. Laut Aba­re könn­te der Ge­samt­wert der In­ves­ti­tio­nen in neue Roh­stoff­pro­jek­te bis 2018 von ge­gen­wär­tig über 200 Mrd. aus­tr. $ auf 25 Mrd. aus­tr. $ fal­len. Das ent­sprä­che der Hälf­te der In­ves­ti­tio­nen 2003, als die jüngs­te Roh­stoff­hausse be­gon­nen hat­te.

Kor­rek­tur und Vo­la­ti­li­tät

Die an­hal­ten­de Kor­rek­tur und die Vo­la­ti­li­tät der Prei­se für vie­le Mi­ne­ra­li­en sei­en der Haupt­grund, wes­halb Un­ter­neh­men ka­pi­tal­in­ten­si­ve Pro­jek­te in Aus­tra­li­en auf Eis le­gen, sa­gen Ana­lys­ten. Eben­so be­deu­tend sei­en zum Teil sub­stan­zi­el­le La­ger­be­stän­de von ver­schie­de­nen In­dus­trie­me­tal­len und die Er­war­tung ei­ner wei­te­ren Ab­küh­lung der Nach­fra­ge, vor al­lem im Haupt­ex­port­markt Chi­na.

Un­ter­neh­mens­ver­tre­ter se­hen je­doch noch an­de­re Grün­de, wes­halb Fir­men ih­re Plä­ne auf­schie­ben oder stor­nie­ren: «Als Fol­ge ei­ner Kom­bi­na­ti­on ho­her Kos­ten, rück­läu­fi­ger Pro­duk­ti­vi­tät, hö­he­rer Steu­ern und im­mer mehr Vor­schrif­ten ver­liert Aus­tra­li­en sei­ne At­trak­ti­vi­tät als Ge­schäfts­stand­ort», klagt Mitch Hook von der Roh­stoff­lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on Mi­ne­rals Coun­cil of Aus­tra­lia. Kri­ti­ker ent­geg­nen, Roh­stoff­för­de­rer in Aus­tra­li­en wür­den aus­ge­zeich­ne­te re­gu­la­to­ri­sche Be­din­gun­gen ge­nies­sen. Ein stär­ke­rer Fo­kus auf den Schutz der Um­welt sei aber drin­gend not­wen­dig. Der Ruf da­nach wird vor al­lem bei der För­de­rung von Na­tur­gas durch das um­strit­te­ne Fracking im­mer lau­ter. Da­bei wer­den Che­mi­ka­li­en in den Bo­den ge­pumpt, die das Grund­was­ser kon­ta­mi­nie­ren kön­nen.

«Mehr­jäh­ri­ge An­pas­sung»

«Aus­tra­li­en steht vor ei­ner mas­si­ven, mehr­jäh­ri­gen An­pas­sung, wäh­rend sich die In­ves­ti­tio­nen im Berg­bau­sek­tor wie­der der Nor­ma­li­tät nä­hern», meint Kier­an Da­vies von Bar­clays. Die Kon­se­quen­zen der Rück­kehr zum Nor­mal­zu­stand sind be­reits lan­des­weit stark zu spü­ren. Was nicht er­stau­nen soll­te: Roh­stof­fe sind das wich­tigs­te Ex­port­pro­dukt. 20% der Aus­fuh­ren Aus­tra­li­ens im Ge­samt­wert von 200 Mrd. aus­tr. $ sind Ei­sen­erz, 15% sind Koh­le.

Berg­bau­un­ter­neh­men schrei­ben seit neus­tem Ent­las­sungs­brie­fe. Noch vor Mo­na­ten hat­ten sie ver­zwei­felt nach neu­en Mit­ar­bei­tern ge­sucht und sie mit ob­szö­nen Ge­häl­tern in die Mi­nen ge­lockt. Da­für be­gin­nen an­de­re Sek­to­ren der aus­tra­li­schen Wirt­schaft zö­gernd auf­zu­at­men. Nicht nur kom­men An­ge­stell­te zu­rück, die sie an die Roh­stoff­in­dus­trie ver­lo­ren ge­glaubt hat­ten. Sin­ken­de Leit­zin­sen ma­chen es auch wie­der ein­fa­cher, ei­nen Ge­schäfts­kre­dit auf­zu­neh­men. Nach vier An­pas­sun­gen im letz­ten Jahr steht der Kas­sa­satz am Geld­markt der­zeit bei his­to­risch tie­fen 2,75%.

Sin­ken­der Dol­lar

Mit wach­sen­der Freu­de be­ob­ach­ten Ex­por­teu­re der ver­ar­bei­ten­den In­dus­tri­en und aus dem Agrar­sek­tor die Ab­küh­lung der jah­re­lang über­teu­er­ten aus­tra­li­schen Wäh­rung. Tau­sen­de von Be­trie­ben sind in den letz­ten Jah­ren bank­rott­ge­gan­gen, weil sie als Fol­ge des un­güns­ti­gen Wech­sel­kur­ses mit ih­ren Pro­duk­ten im Aus­land nicht kon­kur­renz­fä­hig wa­ren. Doch jetzt kommt Hoff­nung auf. Kos­te­te der Aus­sie noch im April über 1.06 US-$, ist er bis auf 0.94 US- $ ge­fal­len, den tiefs­ten Stand in zwan­zig Mo­na­ten. Die ex­tre­me Vo­la­ti­li­tät des aus­tra­li­schen Dol­lars in den letz­ten Wo­chen ha­be aber nur teil­wei­se mit der Ab­küh­lung im Roh­stoff­sek­tor zu tun, sa­gen Ana­lys­ten. Wich­ti­ger sei das er­neu­te In­ter­es­se an der US-Wäh­rung. Die Au­gu­ren sind sich nicht ei­nig, in wel­che Rich­tung die Ent­wick­lung ge­hen wird. Ray At­trill von Na­tio­nal Aus­tra­lia Bank glaubt, der Aus­sie wer­de sich bis Jah­res­en­de bei 0.93 US- $ ein­pen­deln. Bill Evans von West­pac da­ge­gen meint, die aus­tra­li­sche Wäh­rung wer­de «wie­der Freun­de ge­win­nen, falls in den kom­men­den Wo­chen die US-Wirt­schafts­da­ten ent­täu­schen».

Aus­tra­li­ens Bör­se hat in den letz­ten Wo­chen den Ab­wärts­trend re­flek­tiert. Es ist zwar wahr­schein­lich, dass sich die Nach­fra­ge aus Chi­na wei­ter ab­küh­len wird. Da sie je­doch kaum zum Still­stand kom­men dürf­te, spre­chen ei­ni­ge Ana­lys­ten be­reits von ei­ner Über­re­ak­ti­on des Mark­tes. Aus­tra­li­en – vor der der Haus­tür Asi­ens ge­le­gen – ha­be un­schlag­ba­re Kon­kur­renz­vor­tei­le ge­gen­über an­de­ren Roh­stoff­för­der­län­dern bei Preis, Qua­li­tät und Trans­port­kos­ten. So sind Roh­stoff­ti­tel nach ei­ner ent­täu­schen­den Per­for­mance in den ers­ten drei Mo­na­ten des Jah­res wie­der auf dem Weg nach oben. Ver­schie­de­ne Ana­lys­ten se­hen ei­ne po­si­ti­ve Zu­kunft für den Sek­tor. «Ich wür­de im Roh­stoff­sek­tor kei­ne Über­ge­wich­tung ha­ben wol­len», re­la­ti­viert hin­ge­gen ein Ban­ker den En­thu­si­as­mus sei­ner Kol­le­gen.

Aus­tra­li­scher Dol­lar und Ak­ti­en

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