«Die Gross­wet­ter­la­ge spricht für Ak­ti­en»

MITT­WOCHS­IN­TER­VIEW THO­MAS ST­EI­NE­MANN An­la­ge­chef der Pri­vat­bank Bel­le­ri­ve

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - INTERVIEW: HAN­SPE­TER FREY

Herr St­ei­ne­mann, den Bör­sen ist der Schwung nach kräf­ti­gem An­stieg ab­han­den ge­kom­men. Die meis­ten Stra­te­gen spre­chen von ei­ner will­kom­me­nen und ge­sun­den Kor­rek­tur. Sie auch? Das Bör­sen­ral­ly seit Som­mer ver­gan­ge­nen Jah­res ist be­ein­dru­ckend: Der Schwei­zer Blue-Chip-In­dex SMI schnell­te bei­na­he 50% hoch, und ein Ti­tel wie Ro­che sprang fast 70% nach oben. War­um ist ein Un­ter­neh­men wie Ro­che in so kur­zer Zeit so viel mehr wert, was hat sich ge­än­dert? Ha­ben sich die Ge­win­ne oder die Mar­gen ver­dop­pelt? Dar­auf gibt es grund­sätz­lich zwei Ant­wor­ten: Ent­we­der wa­ren die Märk­te vor ei­nem Jahr deut­lich un­ter­be­wer­tet oder sie sind heu­te über­be­wer­tet. Wahr­schein­lich liegt die Wahr­heit da­zwi­schen. In­so­fern ist ei­ne Kor­rek­tur, wie wir sie zur­zeit se­hen, heil­sam. Wie stel­len Sie sich die Ent­wick­lung in den nächs­ten Mo­na­ten vor, sind Ge­winn­mit­nah­men noch rat­sam, oder bleibt es bei der Kor­rek­tur von ak­tu­ell rund 10%? Ich ge­he da­von aus, dass die der­zei­ti­ge Kor­rek­tur noch nicht ab­ge­schlos­sen ist. Was die Schweiz be­trifft, kommt die un­si­che­re po­li­ti­sche Ent­wick­lung im Streit mit den USA hin­zu. Wir wis­sen nicht, wie sie sie sich auf die Fi­nanz­ti­tel und die Bör­se ge­ne­rell aus­wir­ken wird. Bei ei­nem Nein im Par­la­ment zum Steu­er­de­al ist die Re­ak­ti­on kaum po­si­tiv, und falls noch an­de­re Län­der auf den Plan tre­ten, wird auch die UBS, die sich mit Ame­ri­ka ge­ei­nigt hat, im Fo­kus ste­hen. Für die zwei­te Jah­res­hälf­te bin ich für die Ak­ti­en­märk­te je­doch zu­ver­sicht­lich, auch wenn es kei­ne Ein­bahn­stras­se sein wird. Man­che In­ves­to­ren sind un­ter­in­ves­tiert oder ha­ben der Bör­se ganz den Rü­cken ge­kehrt. Da die zwei­te Jah­res­hälf­te bald an­bricht, wür­den Sie bei Kurs­schwä­chen kau­fen, mit Aus­nah­me von Bank­ak­ti­en? Mit kurz­fris­ti­gem Ti­ming Er­folg zu ha­ben, ist un­mög­lich, aus­ser, man geht grös­se­re Ri­si­ken ein. Mei­ne An­sicht ist, dass die jet­zi­ge Pha­se mit tie­fe­ren Kur­sen für An­le­ger, die aus ir­gend­wel­chen Grün­den zu we­nig Ak­ti­en ha­ben und lang­fris­tig ih­re Ak­ti­en­quo­te er­hö­hen wol­len, ei­ne gu­te Ein­stiegs­mög­lich­keit bie­tet. Kurz­fris­ti­gen Tra­dern wür­de ich ra­ten, noch zu­zu­war­ten.

Für die zwei­te Jah­res­hälf­te bin ich für die Ak­ti­en­märk­te po­si­tiv ein­ge­stellt.

An­ders­wo hat die Stim­mung schon frü­her um­ge­schla­gen, im Gold, in Roh­stoff­wäh­run­gen, an Ja­pans Bör­se, in hoch­ver­zins­li­chen An­lei­hen. Al­les Ein­zel­er­eig­nis­se? Was braut sich da zu­sam­men? Da tref­fen ver­schie­de­ne Din­ge auf­ein­an­der. Ent­ge­gen der all­ge­mei­nen Dis­kus­si­on er­le­ben wir zur­zeit ei­ne de­fla­tio­nä­re und kei­ne in­fla­tio­nä­re Pha­se. Das gilt vor al­lem für Ja­pan, aber auch für Eu­ro­pa und die Schweiz, wo der In­fla­ti­ons­trend fällt. Das drückt auf die Roh­wa­ren­prei­se und auf Roh­stoff­wäh­run­gen wie den Aus­sie Dol­lar. Bei den Zin­sen ist es die Sor­ge der Märk­te, dass die US-No­ten­bank im Fall wei­ter ver­bes­ser­ter Ar­beits­markt­da­ten ihr Ob­li­ga­tio­nen­kauf­pro­gramm re­du­ziert. Die Li­qui­di­täts­flut der No­ten­ban­ken führt an den Ver­mö­gens­märk­ten zu Ver­zer­run­gen und Über­mut. Wo platzt die nächs­te spe­ku­la­ti­ve Bla­se, in den Ak­ti­en? Vie­le An­le­ger su­chen nach Qua­li­täts­ti­teln mit ho­her Di­vi­den­de. Das könn­te zu ei­ner Si­tua­ti­on wie da­mals in den Sech­zi­ger­jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts mit den Nif­ty-Fif­ty-Ti­teln in den USA füh­ren. Das wa­ren so­li­de, be­kann­te Ak­ti­en, die als Buy-and-hold-Ti­tel gal­ten. Es be­steht das Ri­si­ko, dass auch heu­te man­gels Al­ter­na­ti­ven die­se Ak­ti­en, nicht nur in den USA, mit der Zeit mas­siv über­be­wer­tet wer­den. So weit ist es aber noch nicht. Wes­halb fürch­ten die Märk­te ei­ne Ab­kehr der US-No­ten­bank von ih­rer ul­tra­lo­cke- ren Geld­po­li­tik? Ein sol­cher Schritt wür­de doch be­deu­ten, dass mit Ame­ri­ka die füh­ren­de Wirt­schaft wie­der Tritt ge­fasst hat. Ei­ne Dros­se­lung be­deu­te­te le­dig­lich ei­ne Re­du­zie­rung der An­lei­he­käu­fe durch das Fed. Das wä­re tat­säch­lich ein ers­ter Schritt in Rich­tung Nor­ma­li­sie­rung der Geld­po­li­tik. Re­strik­tiv ist sie des­halb noch lan­ge nicht. Trotz­dem wä­re es ei­ne Än­de­rung zum Sta­tus quo. Es wür­de die Ak­ti­en­märk­te vor­über­ge­hend un­ter Ab­ga­be­druck set­zen und selbst­ver­ständ­lich die Bond­märk­te. Mit­tel­fris­tig wür­de aber die sich auf­hel­len­de Wirt­schaft güns­tig auf die Ak­ti­en durch­schla­gen. In der Ver­gan­gen­heit hat­ten in Zins­er­hö­hungs­pha­sen die Sek­to­ren Tech­no­lo­gie, Ener­gie und Ge­sund­heit die Na­se vor­ne.

In­fla­ti­on ist kein The­ma, eher De­fla­ti­on.

War­um fliesst dann noch im­mer Ka­pi­tal in Bonds, so wie es aus No­ten­bank­sta­tis­ti­ken her­vor­geht – trotz mi­ni­ma­ler oder re­al gar ne­ga­ti­ver Zin­sen und vor­wie­gend ge­rin­gen Ri­si­ko­prä­mi­en? Im Grun­de ist das schwer ver­ständ­lich. Es sind in­sti­tu­tio­nel­le An­le­ger, vor al­lem Ver­si­che­run­gen, die aus Si­cher­heits­über­le­gun­gen kau­fen. Die Vor­sor­ge­ge­set­ze le­gen es ih­nen na­he oder zwin­gen sie da­zu. Wo fin­det der Pri­vat­an­le­ger Si­cher­heit, ist Cash die Lö­sung, und für wie lan­ge? Wir zie­hen nach wie vor Qua­li­täts­ak­ti­en Cash­po­si­tio­nen vor. Re­ckitt Ben­ckis­ser zum Bei­spiel, ein Un­ter­neh­men aus Grossbritannien, das be­kann­te Haus­halt­ar­ti­kel wie zum Bei­spiel Cal­gon und Cler­asil her­stellt, konn­te auch in den Kri­sen­jah­ren 2008/2009 den Ge­winn um rund 20% stei­gern. Ent­spre­chend ver­lo­ren die Ak­ti­en in sehr schwie­ri­gem Markt­um­feld we­nig an Wert. Könn­te Gold wie­der zum The­ma wer­den? Wir ma­chen kei­ne Gold­pro­gno­sen. Aus Di­ver­si­fi­ka­ti­ons­grün­den hal­ten wir rund 6% Gold in den De­pots. Das Edel­me­tall dürf­te aber der­einst, wenn die De­fla­ti­ons­durch die In­fla­ti­ons­pha­se ab­ge­löst wird, wie­der ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le spie­len. Vor ein, zwei Jah­ren wird das aber kaum der Fall sein. Was spricht für Ak­ti­en? Die Gross­wet­ter­la­ge. Die wirt­schaft­li­che Ver­fas­sung ist we­der gut noch schlecht, so­dass die Li­qui­di­täts­flu­tung durch die Zen­tral­ban­ken vor­erst wei­ter­geht und da­mit die Kur­se vor­an­treibt. Die gros­se Mehr­heit der Un­ter­neh­men ist in be­wun­derns­wer­ter Form, schlank und auch bei ge­dämpf­ter Kon­junk­tur zu Wachs­tum fä­hig. Die Be­wer­tun­gen sind, wenn auch nicht bil­lig, so doch noch in Ord­nung. Es ist zu er­war­ten, dass wir in den kom­men­den ein bis zwei Jah­ren in ei­ne mas­si­ve Über­be­wer­tung ge­ra­ten wer­den, be­son­ders der Qua­li­täts­ti­tel. Bis es so weit ist, soll­te man al­ler­dings da­bei blei­ben. Wie ver­hal­ten sich Ak­ti­en in der De­fla­ti­on, die in Ih­ren Au­gen droht? Ver­gli­chen zum Ver­lauf bei In­fla­ti­on ent­wi­ckeln sich Ak­ti­en bei De­fla­ti­on eher schlecht, wo­bei es zu dif­fe­ren­zie­ren gilt. De­fen­si­ve Sek­to­ren lau­fen in ei­nem sol­chen Sze­na­rio am bes­ten. Als Buy and Hold für die nächs­ten paar Jah­re wür­den wir de­fen­si­ve Ti­tel den zy­kli­schen vor­zie­hen. Wie an­le­gen, in ETF, klas­si­sche Fonds oder in Ein­zel­ak­ti­en? Wir in­ves­tie­ren in ers­ter Li­nie di­rekt mit Ein­zel­ak­ti­en. Es ist un­be­strit­ten und hin­läng­lich be­wie­sen, dass selbst mit ein­fa­chen Qua­li­täts­kri­te­ri­en gu­te von schlech­ten Ak­ti­en ge­trennt wer­den kön­nen. Das geht je­doch nur, wenn man lang­fris­tig über Zy­klen hin­weg in­ves­tiert ist und Rück­schlä­ge durch­ste­hen kann. Für An­le­ger mit kür­ze­rem Zeit­ho­ri­zont sind ETF sinn­voll. Klas­si­sche Fonds set­zen wir op­por­tu­nis­tisch ein, um be­stimm­te In­vest­ment­the­men zu rea­li­sie­ren. Wel­ches sind die at­trak­tivs­ten Märk­te? Un­ser glo­ba­ler Ak­ti­en­fil­ter, der Ak­ti­en nach be­stimm­ten Qua­li­täts­merk­ma­len wie so­li­de Bi­lanz, star­ke Markt­po­si­ti­on, In­no­va­ti­on, Wachs­tum, gu­tes Ma­nage­ment und fai­re Be­wer­tung se­lek­tio­niert, lie­fert zur­zeit auf­fal­lend vie­le Ti­tel un­ter an­de­rem aus Chi­na und Hong­kong, Bra­si­li­en, Ja­pan so­wie Russ­land. Qua­li­täts­ti­tel aus sol­chen Re­gio­nen sind in­ter­es­san­te Bei­mi­schun­gen zu un­se­rem Kern­port­fo­lio, das nach wie vor ein kla­res Schwer­ge­wicht in Eu­ro­pa hat.

Un­ser glo­ba­ler Ak­ti­en­fil­ter lie­fert zur­zeit auf­fal­lend vie­le Ti­tel aus Chi­na, Bra­si­li­en, Ja­pan und Russ­land.

Wie fällt Ih­re Wahl zwi­schen Lar­ge und Small Caps aus, wer­den die klei­ne­ren Wer­te zu den gros­sen auf­schlies­sen? Wir be­hal­ten un­se­ren Fo­kus un­ver­än­dert auf den de­fen­si­ven Lar­ge Caps, al­so Ti­tel bei­spiels­wei­se aus Phar­ma und Kon­sum. Auch wenn sie von tie­fem Ni­veau schon mäch­tig ge­stie­gen sind, wer­den sie wei­ter­hin von Li­qui­di­täts­flut der No­ten­ban­ken, dem An­la­ge­not­stand und der noch kei­nes­wegs un­ge­trüb­ten Zu­ver­sicht der In­ves­to­ren pro­fi­tie­ren. In un­se­rem op­por­tu­nis­ti­schen Ak­ti­en­teil sind wir in aus­ge­wähl­ten Ti­teln in den Schwel­len­län­dern en­ga­giert. Ge­gen­wär­tig sind das Chi­na, Russ­land und Thai­land. Auf wel­che fünf Ak­ti­en, Schweiz oder Aus­land, wür­den Sie un­ter kei­nen Um­stän­den ver­zich­ten? Auf Nest­lé, Ri­che­mont und Ro­che und un­ter den aus­län­di­schen Ti­teln – wo­bei, was heisst hier Aus­land, es sind al­les glo­ba­le Kon­zer­ne – auf Re­ckitt Ben­cki­ser und auf Bri­tish Ame­ri­can Ta­bac­co – al­les de­fen­si­ve Klas­si­ker.

Tho­mas St­ei­ne­mann bleibt bei de­fen­si­ven Blue Chips, er­gänzt mit Em­Ma-Ti­teln.

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