Wei­chen­stel­lung für den Fi­nanz­platz Schweiz

Die bun­des­rät­li­che Weiss­geld­stra­te­gie dürf­te nie in­te­gral um­ge­setzt wer­den. Ei­ne Ex­per­ten­grup­pe schlägt vor, den au­to­ma­ti­schen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch ak­tiv zu un­ter­stüt­zen. Sie ist der Mei­nung, so die Glaub­wür­dig­keit des Fi­nanz­plat­zes zu stei­gern.

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Wie sich doch die Zei­ten än­dern: Erst vor we­ni­gen Mo­na­ten hat­te der Bun­des­rat sei­ne Weiss­geld­stra­te­gie prä­sen­tiert. Nun dürf­te sie, wenn es nach den Vor­schlä­gen der Ex­per­ten­grup­pe Bru­n­et­ti geht, in wich­ti­gen Tei­len schon zur Ma­ku­la­tur ge­wor­den sein. Die bun­des­rät­li­che Stra­te­gie ruht auf den drei Pfei­lern der Amts­hil­fe ge­mäss OECDMus­ter­ab­kom­men, der Ab­gel­tungs­steu­er so­wie der er­wei­ter­ten Sorg­falts­pflicht der Ban­ken. Die Ex­per­ten­kom­mis­si­on schlägt vor, den au­to­ma­ti­schen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch (AIA) zu über­neh­men, und zwar be­vor er glo­ba­ler Stan­dard ist. Die Grup­pe um den Ber­ner Öko­no­mie­pro­fes­sor und frü­he­ren Se­co-Chef­öko­no­men Ay­mo Bru­n­et­ti ist im De­zem­ber 2012 vom Fi­nanz­de­par­te­ment ein­ge­setzt wor­den, mit dem Auf­trag, die Fi­nanz­markt­stra­te­gie wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

In dem am Frei­tag vor­ge­stell­ten Be­richt kon­zen­triert sich die Grup­pe auf die grenz­über­schrei­ten­de Schwei­zer Ver­mö­gens­ver­wal­tung – für den Fi­nanz­platz ein zen­tra­les Ge­schäft. Der Be­richt nimmt zu­nächst ei­ne um­fas­sen­de Ana­ly­se der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on vor. Da­bei zeigt er auf, wie stark sich das in­ter­na­tio­na­le Um­feld in­ner­halb nur we­ni­ger Mo­na­te ver­än­dert hat. So ist das Ab­gel­tungs­steu­er­ab­kom­men mit Deutsch­land ge­schei­tert, und Lu­xem­burg so­wie Ös­ter­reich, wich­ti­ge Ver­bün­de­te der Schweiz in Sa­chen Bank­kun­den­ge­heim­nis, ha­ben er­klärt, zum AIA über­ge­hen zu wol­len.

In­ter­na­tio­na­le Trends

Im April ha­ben die G-20-Mi­nis­ter be­kräf­tigt, rasch den Über­gang zum AIA an­zu­stre­ben, und ha­ben der OECD den Auf­trag er­teilt, ei­nen ent­spre­chen­den Stan­dard aus­zu­ar­bei­ten. Im Mai schliess­lich hat die EU ein Ver­hand­lungs­man­dat zur Aus­wei­tung des Zins­be­steue­rungs- ab­kom­mens mit Dritt­staa­ten, dar­un­ter der Schweiz, ver­ab­schie­det.

Po­li­tik ist be­kannt­lich die Kunst des Mög­li­chen. Die aus­ge­prägt in­ter­na­tio­nal ver­netz­te Schweiz kann sich die­sen Trends nicht ent­zie­hen. Der Be­richt kommt denn auch zum Schluss, dass die auf der Ab­gel­tungs­steu­er ba­sie­ren­de Schwei­zer Stra­te­gie «in Zu­kunft ei­nen deut­lich schwe­re­ren Stand ha­ben wird».

Die Ex­per­ten­grup­pe macht ei­nen Stra­te­gie­vor­schlag, der auf fünf Eck­punk­ten ba­siert. Die ers­ten zwei Pfei­ler be­rei­ten Pro­ble­me. Ers­tens soll die Schweiz ak­zep­tie­ren, dass der AIA in Zu­kunft glo­ba­ler Stan­dard für die Si­che­rung der Steu­er­kon­for­mi­tät aus­län­di­scher Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­kun­den sei. Zu­dem soll sie nicht mehr ak­tiv dar­an ar­bei­ten, die Ab-

Öko­no­misch ist die För­de­rung der zweit­bes­ten Lö­sung, eben des AIA, ein Un­sinn.

gel­tungs­steu­er als Stan­dard zu eta­blie­ren. Zwei­tens soll die Schweiz im Rah­men der OECD an der Ent­wick­lung ei­nes glo­ba­len AIA-Stan­dards mit­ar­bei­ten. Da­bei sol­len al­le Rechts­for­men, in­klu­si­ve Trusts und Sitz­ge­sell­schaf­ten, er­fasst wer­den.

Die­se zwei Punk­te zu ak­zep­tie­ren, fällt dar­um schwer, weil sie die För­de­rung des der Ab­gel­tungs­steu­er klar un­ter­le­ge­nen AIA ver­lan­gen. Das ist re­al­po­li­tisch wohl nicht zu um­ge­hen, doch öko­no­misch ist die För­de­rung der zweit­bes­ten Lö­sung, eben des AIA, ein Un­sinn. Die Ab­gel­tungs­steu­er ist ef­fi­zi­ent und un­bü­ro­kra­tisch. Der AIA ist das ex­ak­te Ge­gen­teil da­von – das ist auch die Mei­nung der Ex­per­ten­grup­pe. Es wer­den, je nach De­fi­ni­ti­on, Mil­lio­nen von In­for­ma­tio­nen und Da­ten­sät­zen aus­ge­tauscht. Schon nur ih­re Bün­de­lung und Sich­tung er­for­dert enor­me bü­ro­kra­ti­sche Res­sour­cen. Der AIA wird denn auch von vie­len Ex­per­ten zu Recht als bü­ro­kra­ti­sches Mons­ter be­zeich­net.

Zu­dem ist sehr un­si­cher, ob be­son­ders die USA und Grossbritannien dem Ein­be­zug von Trusts zu­stim­men wer­den, be­her­ber­gen sie doch je Tau­sen­de sol­cher Ve­hi­kel in ih­ren ei­ge­nen Steu­er­oa­sen. Wie hoch die­se Hür­de sein dürf­te, zeigt Fatca, der For­eign Ac­count Tax Com­p­li­an­ce Act, mit dem die USA ein­sei­tig von al­len Län­dern In­for­ma­tio­nen über in den USA steu­er­pflich­ti­ge Per­so­nen ein­for­dern – selbst aber nicht Ge­gen­recht hal­ten.

Als drit­tes Ele­ment schlägt die Ex­per­ten­grup­pe vor, dass die Schweiz mit ho­her Dring­lich­keit die in­ter­na­tio­na­len Vor­ga­ben des Glo­bal Fo­rum um­set­zen müs­se. Da­bei geht es un­ter an­de­rem um die Amts­hil­fe­ab­kom­men nach dem Stan­dard der OECD. Die­se hat­te ge­rügt, die Schweiz sei in der Um­set­zung im Rück­stand. Vier­tens müs­se die Schweiz ge­gen­über der EU die Be­deu­tung ei­ner Mi­fid-II-Dritt­staa­ten­re­ge­lung be­to­nen (Richt­li­nie über die Märk­te für Fi­nanz­in­stru­men­te), die den heu­ti­gen Markt­zu­gang si­che­re. Gleich­zei­tig müs­se mit den wich­tigs­ten EU-Mit­glied­staa­ten ei­ne fai­re Re­ge­lung der Ver­gan­gen­heit in Sa­chen Steu­er­ehr­lich­keit ge­fun­den wer­den – hier dürf­te die Ab­gel­tungs­steu­er im Vor­der­grund ste­hen.

Falls die EU und ih­re Mit­glied­staa­ten die­sen An­lie­gen ent­spre­chen und die Mi­fid-Re­ge­lung nicht pro­tek­tio­nis­tisch aus­fällt, soll die Schweiz, fünf­tens, ih­re Be­reit­schaft si­gna­li­sie­ren, in den Ver­hand­lun­gen mit der EU über das Zins­be­steue­rungs­ab­kom­men di­rekt den AIA an­zu­bie­ten. Wenn nicht, soll­te die Schweiz ge­mäss den Ex­per­ten mit der EU kei­ne ver­tief­te steu­er­li­che Zu­sam­men­ar­beit an­stre­ben. Mit die­ser Stra­te­gie könn­te die Schweiz ge­mäss Bru­n­et­ti ih­re Po­si­ti­on ver­bes­sern. Er wies be­son­ders dar­auf hin, dass die in­ter­na­tio­na­le Ak­zep­tanz der Schweiz er­höht und die Rechts­si­cher­heit ge­stei­gert wür­de. Und nicht ganz un­wich­tig: Das Bank­ge­heim­nis im In­land wür­de nicht in Fra­ge ge­stellt. Das­je­ni­ge ge­gen­über dem Aus­land wür­de da­für de­fi­ni­tiv hin­fäl­lig.

Vor­aus­ei­len­der Ge­hor­sam

Al­ler­dings hat die Stra­te­gie auch Nach­tei­le. Sie ent­spricht in Sa­chen AIA ei­nem vor­aus­ei­len­den Ge­hor­sam, denn noch ist ein in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ter Stan­dard fern. Ob dies der künf­ti­gen Ver­hand­lungs­po­si­ti­on wirk­lich zu­träg­lich ist, ist al­les an­de­re als si­cher, es könn­te die Po­si­ti­on der Schweiz auch schwä­chen.

Der Bun­des­rat hat vom Be­richt Kennt­nis ge­nom­men, ihn aber noch nicht ein­ge­hend dis­ku­tiert. Im­mer­hin hat er ent­schie­den, in ei­nem wich­ti­gen Punkt die Stra­te­gie der Ex­per­ten auf­zu­neh­men. Ge­mäss Bun­des­rä­tin Eve­li­ne Wid­merSchlumpf will er sich in die De­bat­ten in der OECD über die Ent­wick­lung ei­nes AIA-Stan­dards ein­brin­gen. Al­ler­dings müs­se ein der­ar­ti­ger Stan­dard ho­hen An­sprü­chen be­züg­lich des Da­ten­schut­zes, der Re­zi­pro­zi­tät und der Er­fas­sung al­ler Rechts­for­men ge­nü­gen. Der Weg da­hin sei weit und zeit­rau­bend, in der Schweiz wür­den Ge­set­zes­an­pas­sun­gen nö­tig.

In der Tat ist un­si­cher, ob ein der­ar­ti­ger Stan­dard über­haupt ge­fun­den wer­den kann. So ist nicht aus­zu­schlies­sen, dass der AIA schei­tern wird, zu­mal er sich in der Pra­xis als kaum zu hand­ha­ben ent­pup­pen dürf­te. Und wer weiss: Viel­leicht schlägt dann die St­un­de der Ab­gel­tungs­steu­er wie­der, von der ge­mäss Wid­merSchlumpf auch aus­län­di­sche Fi­nanz­mi­nis­ter sa­gen, sie sei ef­fi­zi­en­ter als der AIA. Das Mo­dell soll­te al­so nicht vor­schnell dem Ab­fall über­ant­wor­tet wer­den.

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