Der Stimm­bür­ger wird hin­ter­gan­gen

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - PE­TER MORF

Das Par­la­ment ver­rät die Sa­nie­rung der IV – das ist ein Skan­dal Im Ge­brauch von star­ken Wor­ten ist grund­sätz­lich Zu­rück­hal­tung an­ge­bracht – bis­wei­len al­ler­dings kommt man nicht um sie her­um. Das ist der Fall in der Sa­nie­rung der In­va­li­den­ver­si­che­rung (IV): Das Ver­hal­ten des Par­la­ments in die­sem Ge­schäft ist skan­da­lös. Der zwei­te Teil der 6. IV-Re­vi­si­on, ur­sprüng­lich als Spar­vor­la­ge und letz­ter Schritt zur Sa­nie­rung der So­zi­al­ver­si­che­rung ge­dacht, bringt noch ein «Spar­vo­lu­men» von un­ter 100 Mio. Fr. Der Streit zwi­schen Na­tio­nal- und Stän­de­rat, ob das Vo­lu­men nun 95 oder 55 Mio. Fr. be­tra­gen soll, ist läp­pisch – we­gen der Ir­re­le­vanz, denn ur­sprüng­lich hat­te der Bun­des­rat für die­sen Teil der Sa­nie­rung ein Spar­vo­lu­men von über 700 Mio. Fr. ins Au­ge ge­fasst. Lei­der woll­te er spä­ter da­von nichts mehr wis­sen. Im Ver­lauf der Ver­hand­lun­gen wur­de das Spar­vo­lu­men denn auch im­mer stär­ker zu­sam­men­ge­drückt bis auf jetzt eben na­he null.

Man er­in­nert sich: Im Jahr 2009 hat­te das Stimm­volk ei­ne Zwi­schen­fi­nan­zie­rung für die hoch de­fi­zi­tä­re IV gut­ge­heis­sen. Ih­re Schuld ge­gen­über dem AHV-Fonds be­trug schon da­mals knapp 14 Mrd. Fr. – und droh­te den Fonds aus­zu­höh­len. Die Zwi­schen­fi­nan­zie­rung war Teil ei­nes Sa­nie­rungs­plans für die not­lei­den­de Ver­si­che­rung. Sie ver­lang­te, dass die Mehr­wert­steu­er be­fris­tet bis 2017 um 0,4 Pro­zent­punk­te er­höht wer­den soll. Die­ser Schritt wur­de dem Stimm­bür­ger mit dem Ver­spre­chen schmack­haft ge- macht, die IV über Spar­mass­nah­men bis dann zu sa­nie­ren. Das Par­la­ment hält sich nun nicht an sein ei­ge­nes Ver­spre­chen und hin­ter­geht da­mit Stimm­bür­ge­rin­nen und -bür­ger. Hin­ter­grund ist die ver­meint­lich bes­se­re Fi­nanz­la­ge der IV: Sie er­wirt­schaf­te­te 2012 ei­nen Über­schuss von knapp 600 Mio. Fr. Das ist er­freu­lich, war aber nur mög­lich we­gen der Zu­satz­fi­nan­zie­rung. Oh­ne sie, die jähr­lich rund 1,1 Mrd. Fr. ein­trägt, hät­te ein wei­te­res De­fi­zit von 500 Mio. Fr. re­sul­tiert. Wenn die Zu­satz­fi­nan­zie­rung aus­läuft, wird die IV – ent­ge­gen al­len Ver­spre­chun­gen – al­so kei­nes­wegs sa­niert sein.

Dar­über hin­aus hat sich der Na­tio­nal­rat auch ge­gen die Ein­füh­rung ei­ner Schul­den­brem­se in der IV aus­ge­spro­chen; der Wil­le zur nach­hal­ti­gen Sa­nie­rung des So­zi­al­werks fehlt of­fen­bar. Das ist auch ein schlech­tes Zei­chen für die AHV, de­ren Sa­nie­rung im­mer drin­gen­der wird. Auch da wird die Ein­füh­rung ei­ner Schul­den­brem­se dis­ku­tiert, die au­to­ma­tisch greift und ein Ab­glei­ten in die Schul­den­wirt­schaft ver­hin­dert.

Dass das In­stru­ment funk­tio­niert, zeigt sich im Bun­des­haus­halt, der sich im We­sent­li­chen we­gen der Schul­den­brem­se in ein­wand­frei­em Zu­stand be­fin­det. Dass ein Au­to­ma­tis­mus nö­tig ist, be­le­gen die Par­la­men­ta­ri­er mit ih­rer kurz­sich­ti­gen Po­li­tik gleich selbst im­mer wie­der. Das Par­la­ment tut mit­un­ter al­les, um sein oh­ne­hin ram­po­nier­tes Image noch wei­ter zu ver­schlech­tern.

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