«Prio­ri­tät von Swiss Re ist, die Di­vi­den­de

MI­CHEL LIÈS Der Kon­zern­chef zeigt die Chan­cen im Ver­si­che­rungs­ge­schäft auf, spricht über Ide­en der Ver­wen­dung des über­mäs­sig ho­hen Ei­gen­ka­pi­tals und gibt Ein­blick in

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ -

Mit Mi­chel Liès hat der Ver­wal­tungs­rat von Swiss Re un­ter sei­nem Prä­si­den­ten Wal­ter Kiel­holz vor ei­nem gu­ten Jahr ei­nen er­fah­re­nen Un­ter­neh­mens-Doy­en an die Kon­zern­spit­ze ge­stellt. Ab­ge­löst wur­de da­mals Ste­fan Lip­pe, dem – auch er ein «RückUr­ge­stein» – die Stra­te­gie der Rück­be­sin­nung auf die Kern­ak­ti­vi­tät auf­ge­tra­gen wor­den war. Un­ter der Ägi­de von Mi­chel Liès soll die seit 150 Jah­ren be­ste­hen­de Swiss Re wie­der ex­pan­si­ver agie­ren. Herr Liès, spre­chen wir zu­erst über Geld. Swiss Re hat viel da­von. Das Ei­gen­ka­pi­tal sum­miert sich auf 33,7 Mrd. $. Ge­mäss Be­rech­nun­gen von J. P. Mor­gan wer­den per En­de 2014 bis über 7 Mrd. $ mehr vor­han­den sein als not­wen­dig. Was möch­ten Sie mit den Mit­teln am liebs­ten tun? Ein Ka­pi­tal von 3 bis 5 Mrd. $ über dem für un­ser AA-Ra­ting be­nö­tig­ten Ni­veau wol­len wir hal­ten, um Gross­er­eig­nis­se kurz­fris­tig ab­zu­de­cken. Lang­fris­tig ist es in un­se­rer Bran­che ja so, dass Scha­den­zah­lun­gen durch spä­te­re Preis­er­hö­hun­gen kom­pen­siert wer­den. Aber Sie wol­len si­cher auch Wachs­tum fi­nan­zie­ren. Un­se­re Prio­ri­tät ist die Di­vi­den­de, und zwar ei­ne wach­sen­de Di­vi­den­de. Dann kom­men In­ves­ti­tio­nen in un­ser Ge­schäft, zum Bei­spiel in den Erst­ver­si­che­rungs­be­reich Cor­po­ra­te So­lu­ti­ons, un­se­re Ver­si­che­rungs­lö­sun­gen für in­dus­tri­el­le Gross­kun­den. Das ist ei­ner un­se­rer Wachs­tums­mo­to­ren. Ka­pi­tal brau­chen wir schliess­lich auch in den Pha­sen, in de­nen wir un­ser mil­li­ar­den­schwe­res In­vest­ment­port­fo­lio neu aus­ba­lan­cie­ren. In wel­cher der vier Spar­ten – Sach­rück­ver­si­che­rung, Le­ben­rück­ver­si­che­rung, Erst­ver­si­che­rung und Le­ben­po­li­cen­ab­wick­lung – sind Über­nah­men ge­plant? In der Rück­ver­si­che­rung sind wir pro­dukt­mäs­sig und geo­gra­fisch gut po­si­tio­niert. Dort ha­ben wir kei­nen Ak­qui­si­ti­ons­be­darf, aber ge­nug Ka­pi­tal, um den Kun­den mehr De­ckungs­ka­pa­zi­tät an­zu­bie­ten. In der Po­li­cen­be­stand­ab­wick­lung, auch Ad­min Re ge­nannt, sind Über­nah­men Teil des Ge­schäfts­mo­dells. Und die Erst­ver­si­che­rungs­ak­ti­vi­tä­ten sol­len von der­zeit 3,5 Mrd. bis 2015 auf 4 bis 5 Mrd. $ Prä­mi­en wach­sen, al­len­falls auch mit klei- ne­ren Über­nah­men. Un­ser der­zei­ti­ger Markt­an­teil ist noch ge­ring. Die Le­ben­rück­ver­si­che­rung ren­tiert nur noch we­nig. Lohnt sich das Ge­schäft über­haupt noch? Wä­ren wir über­zeugt, es sei ein hoff­nungs­lo­ses Seg­ment, müss­ten wir zu ra­di­ka­len Lö­sun­gen grei­fen. Das ist nicht der Fall. Das Le­ben­ge­schäft hat ei­ne Zu­kunft. Doch klar, der­zeit sind wir mit der Ren­di­te nicht zu­frie­den. Die Spar­te hat 2012 bloss 18% zum Ge­samt­ge­winn bei­ge­tra­gen. Wie lässt sie sich ren­ta­bi­li­sie­ren? Sor­gen be­rei­tet uns vor al­lem ein Port­fo­lio von To­des­fall­ri­si­ko­kon­trak­ten in Nord­ame­ri­ka, das vor 2004 ein­ge­gan­gen wur­de. Das der­zeit ne­ga­ti­ve Er­geb­nis der Ver­trä­ge be­ein­träch­tigt den Spar­ten­ge­winn spür­bar. Für ei­ni­ge der Ver­trä­ge gibt es bei­spiels­wei­se die Mög­lich­keit, den Preis mit den Kun­den neu zu ver­han­deln. Ein zwei­ter He­bel für ei­ne bes­se­re Spar­ten­ren­di­te ist Wachs­tum in den auf­stre­ben­den Län­dern. Über de­tail­lier­te Mass­nah­men wer­den wir am In­ves­to­ren­tag am 24. Ju­ni be­rich­ten. Stich­wort Po­li­cen­ab­wick­lung, wo es um ei­ne ef­fi­zi­en­te Be­ar­bei­tung und Zah­lung in Leis­tungs­fäl­len so­wie um die best­mög­li­che An­la­ge der ge­bun­de­nen Ver­mö­gen geht. Das ist mit Blick auf die nied­ri­gen Zin­sen al­les an­de­re als ein­fach. Die­se Ak­ti­vi­tät ist ein Le­ben­ver­si­che­rungs­ge­schäft, und der­zeit ist völ­lig klar: Sach­ver­si­che­run­gen ren­tie­ren für uns bes­ser. Doch wir glau­ben an das Ge­schäfts­mo­dell der Po­li­cen­ab­wick­lung bzw. Ad­min Re. Wir er­war­ten, die kom­men­den stren­ge­ren Sol­venz­vor­schrif­ten in Eu­ro­pa un­ter der Be­zeich­nung Sol­vency II wer­den zur Fol­ge ha­ben, dass ei­ni­ge Erst­ver­si­che­rer ei­nen Teil des Le­benge­schäfts ab­stos­sen, weil sie es nicht mehr ren­ta­bel ge­nug mit Ka­pi­tal un­ter­le­gen kön­nen. Bis­lang hat sich das Ge­schäft aber auch für Swiss Re nicht sehr ge­lohnt. Wir sind zum Schluss ge­kom­men, dass wir die­se Port­fo­li­os zur Ab­wick­lung nicht sys­te­ma­tisch al­lein fi­nan­zie­ren müs­sen. Wir su­chen für Ad­min Re ei­ne Lö­sung mit Dritt­ka­pi­tal von lang­fris­ti­gen In­ves­to­ren. Ein Vor­teil der vor ei­nem Jahr ein­ge­führ­ten Hol­ding­struk­tur liegt dar­in, dass wir das Ka­pi­tal ein­fa­cher dort ein­set­zen kön­nen, wo die Ren­di­te hoch ist. Da­her in­ves­tie­ren wir die Mit­tel lie­ber in die Sach­rück­ver­si­che­rung. Und war­um soll­te für Dritt­in­ves­to­ren ei­ne ka­pi­tal­mäs­si­ge Be­tei­li­gung an Ih­rem Po­li­cen­ab­wick­lungs­ge­schäft at­trak­tiv sein? Der gros­se Vor­teil des Ge­schäfts ist, dass es über Zeit Cash ge­ne­riert. Das dürf­te für ge­wis­se In­ves­to­ren in­ter­es­sant sein. Der Plan lau­tet, 2013 bis 2016 aus dem Ab­wick­lungs­ge­schäft min­des­tens 1 Mrd. $ net­to Geld­über­schuss zu er­wirt­schaf­ten. Kom­men wir zur Erst­ver­si­che­rungs­spar­te. Ge­rät Swiss Re mit An­ge­bo­ten für Fir­men nicht in di­rek­te Kon­kur­renz zu den Ver­si­che­rern, die ih­re Rück­ver­si­che­rungs­spar­ten als Kun­den hal­ten wol­len? Wir wa­ren uns be­wusst, dass ei­ni­ge Ver­si­che­rer uns fra­gen wür­den: Seid Ihr nun ein Erst- oder ein Rück­ver­si­che­rer? Aber da kann ich nur sa­gen: Vie­le die­ser Kun­den ha­ben uns auch nicht um Er­laub­nis ge­fragt, als sie ent­schie­den, ih­rer­seits Rück­ver­si­che­rung an­zu­bie­ten. Was ist denn aus Kon­zern­sicht an der Erst­ver­si­che­rung in­dus­tri­el­ler Gross­kun­den at­trak­tiv? Wir kön­nen wett­be­werbs­fä­hig an­bie­ten und da­bei ei­ne Ei­gen­ka­pi­tal­ren­di­te von 10 bis 15% an­stre­ben. Pro­fi­lie­ren wol­len wir uns durch In­no­va­ti­on. Wir sind er­staunt, wie we­nig in­no­va­tiv un­se­re Bran­che manch­mal ist. Wie gross soll der An­teil der so­ge­nann­ten Cor­po­ra­te So­lu­ti­ons am Ge­samt­kon­zern denn mal wer­den?

Die­ses Jahr ha­ben wir mas­siv Ge­schäft von Berk­shire Hat­ha­way zu­rück­ge­holt – das ist à la per­fec­tion.

Das ist für uns kein zen­tra­ler Punkt. Wich­tig ist, dass wir aus Kun­den­sicht ei­ne Rol­le spie­len. Un­ser noch sehr ge­rin­ger Markt­an­teil ge­nügt ge­wiss nicht. Jetzt sind wir viel­leicht auf Rang 20 bis 25. Mit der Zeit möch­ten wir un­ter die vor­ders­ten zehn An­bie­ter von kom­ple­xen Kon­trak­ten für Gross­un­ter­neh­men kom­men. Wie schwer ist Swiss Re ge­trof­fen von den Schä­den der Über­schwem­mun­gen in Deutsch­land und Mit­tel­eu­ro­pa? Reicht das Scha­den­bud­get des Kon­zerns? Da die Sa­che noch nicht aus­ge­stan­den ist, kann ich der­zeit kei­ne ver­läss­li­che Scha­den­schät­zung ab­ge­ben. Wenn es in die­ser Ka­ta­stro­phe ei­nen po­si­ti­ven Aspekt gibt, dann den, dass in der be­trof­fe­nen Re­gi­on seit der letz­ten schwe­ren Flut 2002 mas­siv in Schutz­mass­nah­men in­ves­tiert wor­den ist – mit Er­folg, wie das Bei­spiel der Stadt Prag zeigt. Das ge­schah nicht zu­letzt aus der Ein­sicht, da­durch die Ver­si­cher­bar­keit ex­po­nier­ter Ob­jek­te zu ver­bes­sern und die von der As­se­ku­ranz ver­lang­ten Prä­mi­en ge­ring zu hal­ten. En­de 2012 ist der 20%-Ge­schäfts­ab­tre­tungs­ver­trag mit War­ren Buf­fetts Hol­ding­ge­sell­schaft Berk­shire Hat­ha­way aus­ge­lau­fen. Was ge­schieht nun? Dass wir nun wie­der das ge­sam­te Sach­rück-Neu­ge­schäft auf un­se­rer Bi­lanz hal­ten, kommt ei­ner 25%-Stei­ge­rung die­ses Seg­ments gleich. Es sind Kon­trak­te und Ri­si­ken die wir à la per­fec­tion ken­nen. Wir sind mit den Ge­fah­ren und Chan­cen die­ser Ver­trä­ge bis ins De­tail ver­traut. Wä­ren sol­che Aus­bau­mög­lich­kei­ten je­den Mo­nat mög­lich, wür­de ich je­de ein­zel­ne nut­zen. Auf der an­de­ren Sei­te wer­den auch mehr Ri­si­ken im Kon­zern be­hal­ten. Füh­len Sie sich wohl da­mit? Ja. Wir ha­ben ei­ne sta­bi­le Ba­lan­ce der Ka­pi­ta­li­en, die wir für die Fi­nan­zie­rung des Wachs­tums ein­set­zen und die in Form re­gu­lä­rer und zu­sätz­li­cher Di­vi­den­den an die Ak­tio­nä­re zu­rück­be­zahlt wer­den. Für bei­de Ver­wen­dungs­zwe­cke steht der Be­trag auf rund 3 Mrd. $. Wie er­gie­big ist das Ta­rif­ni­veau für Neu­ab­schlüs­se? Die Erst­ver­si­che­rer sind dank gu­ter Ka­pi­tal­aus­stat­tung we­ni­ger auf Rück­ver­si­che­rung er­picht. In den meis­ten Rück-Seg­men­ten sind die am Markt durch­setz­ba­ren Ta­ri­fe ver­nünf­tig. Ei­ne Preis­er­mäs­si­gung ist et­wa in Ja­pan für Na­tur­ka­ta­stro­phen­de­ckung zu ver­zeich­nen. Das ist aber ver­ständ­lich, da 2012 nach dem Erd­be­ben und Tsu­na­mi die Ta­ri­fe merk­lich ge­stie­gen wa­ren. Das Zu­rück­glei­ten ent­spricht dem, was wir er­war­tet hat­ten. Ge­wis­se Fi­nanz­ana­lys­ten mer­ken an, Swiss Re sei über­mäs­sig im Be­reich Na­tur­ka­ta­stro­phen­de­ckung ex­po­niert. Wir sind ein glo­ba­ler An­bie­ter, der die­se Ge­schäfts­spar­te re­gio­nal di­ver­si­fi­ziert hat, um die Ri­si­ken für uns ein­zu­däm­men. Für die De­ckung sol­cher Schä­den wird un­ser Un­ter­neh­men schliess­lich be­zahlt. Zu­dem be­gin­nen wir wie­der et­was mehr Haft­pflicht­de­ckung in den USA zu über­neh­men, da die Markt­be­din­gun­gen sich ver­bes­sern. In den Jah­ren zu­vor lies­sen wir dort aus Preis­grün­den et­wa ein Drit­tel des er­reich­ten Haft­pflicht­vo­lu­mens aus­lau­fen. Das Wie­der­ba­l­an­cie­ren von Sa­chund Haft­pflicht­ge­schäft ge­hen wir je­doch ge­dul­dig und sach­te an. Wir ha­ben Zeit. In­wie­weit hat der Kon­zern Spiel­raum für ei­nen ef­fi­zi­en­te­ren und kos­ten­güns­ti­ge­ren Be­trieb? Uns muss ge­lin­gen, aus den vie­len spe­zia­li­sier­ten Teams mehr her­aus­zu­ho­len, das heisst, be­ste­hen­de Ka­pa­zi­tät bes­ser aus­zu­schöp­fen und Kom­pe­ten­zen noch stär-

Als Ma­the­ma­ti­ker se­he ich, dass lo­cke­re Geld­po­li­tik zu In­fla­ti­on füh­ren muss. Des­halb schich­ten wir um.

ker zu nut­zen. Dar­auf in­sis­tie­re ich. Doch der Ef­fi­zi­enz­drang darf nicht so weit ge­hen, dass am En­de ei­ne Art Mas­sen­pro­duk­ti­on re­sul­tiert. Je mehr mass­ge­schnei­der­te Rück­ver­si­che­rungs­kon­trak­te wir an­bie­ten kön­nen, des­to eher ist es mög­lich, uns am Markt preis­lich zu dif­fe­ren­zie­ren. Das kann uns im Kun­den­kreis ei­ne Son­der­stel­lung si­chern. Swiss Re hält ein Ver­si­che­rungs­ver­mö­gen von 138 Mrd. $ in den Fi­nanz­märk­ten,

Je­weils 3 Mrd. $ sind für Wachs­tums­schrit­te und für Aus­schüt­tun­gen ver­wen­det wor­den. Die­se Ba­lan­ce will Mi­chel Liès bei­be­hal­ten.

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