Wie geht das Ex­pe­ri­ment?

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - GM

Im Früh­jahr 2010 lan­cier­te die ETH Zü­rich das so­ge­nann­te «Fi­nan­ci­al Bub­b­le Ex­pe­ri­ment» (FBE). Mit dem FBE möch­ten Pro­fes­sor Di­dier Sor­net­te und sein Team in ei­nem Feld­ver­such be­wei­sen, dass Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen er­kannt wer­den kön­nen und sich auch der Zeit­rah­men für de­ren Plat­zen vor­aus­sa­gen lässt. Soll­te dies tat­säch­lich der Fall sein, lies­sen sich Bla­sen un­ter Um­stän­den ver­mei­den. Dies hät­te wie­der­um ein sta­bi­le­res und we­ni­ger schock­an­fäl­li­ges Fi­nanz- und Wirt­schafts­sys­tem zur Fol­ge, Kri­sen wür­den sel­te­ner.

Nach Sor­net­tes Auf­fas­sung ent­ste­hen Fi­nanz­bla­sen ähn­lich wie epi­lep­ti­sche An­fäl­le oder Erd­be­ben. Sich selbst ver­stär­ken­de Pro­zes­se – die For­scher spre­chen von Rück­kop­pe­lun­gen oder Feed­back-Lo­ops – füh­ren zum Kul­mi­na­ti­ons­punkt. Auf die Fi­nanz­märk­te über­tra­gen heisst das: Die An­le­ger kau­fen ein Wert­pa­pier haupt­säch­lich des­halb, weil es im Preis ge­stie­gen ist. Durch den Preis­auf­trieb er­schlies­sen sich im­mer brei­te­re Käu­fer­schich­ten, ein Her­den­trieb ent­steht. Da­durch stei­gen die Kur­se nicht mehr mit kon­stan­ter Ra­te, son­dern klet­tern über­ex­po­nen­ti­ell. Markt­tech­ni­ker spre­chen von stei­gen­dem Mo­men­tum. Im Ge­gen­satz zu al­ter­na­ti­ven Mo­del­len ge­hen Sor­net­te und sein Team da­von aus, dass die Pha­se mit über­ex­po­nen­ti­el­lem Wachs­tum tem­po­rär ist. Spä­tes­tens wenn die Wachs­tums­ra­te ge­gen un­end­lich ten­diert, muss die Bla­se plat­zen. Die­ser Punkt kann be­stimmt wer­den. Mit­tels Wahr­schein­lich­keits­ver­tei­lung kann das Zeit­fens­ter de­fi­niert wer­den, in dem die Bla­se platzt.

Die bis­he­ri­gen Er­fol­ge las­sen auf­hor­chen. Schon vor dem Start des FBE ge­lang es Pro­fes­sor Sor­net­te, den Hö­he­punkt der US-Häu­ser­markt­bla­se im Jahr 2006, der Öl­no­tie­run­gen im Som­mer 2008 und des chi­ne­si­schen Ak­ti­en­markts Mit­te 2009 rich­tig zu pro­gnos­ti­zie­ren. Es folg­ten kor­rek­te Vor­her­sa­gen zu den Wen­de­punk­ten beim Gold- und Sil­ber­preis, an der bra­si­lia­ni­schen Bör­se, beim Fran­ken und jüngst beim ame­ri­ka­ni­schen S&P 500 (vgl. Haupt­text).

Soll­te der Be­weis ge­lin­gen, wür­de die ETH Aus­sa­gen von wich­ti­gen No­ten­ban­kern wi­der­le­gen, die sich im­mer wie­der auf den Stand­punkt stel­len, Bla­sen sei­en erst nach de­ren Plat­zen iden­ti­fi­zier­bar. Mit die­ser Be­grün­dung er­klärt sich die asym­me­tri­sche Geld­po­li­tik der meis­ten Zen­tral­ban­ken, die nichts ge­gen die Aus­bil­dung al­ler Ar­ten von Bla­sen un­ter­nimmt – oder die­se so­gar noch för­dert wie das Fed im Fal­le des US-Im­mo­bi­li­en­markts – und erst die wirt­schaft­li­chen Fol­gen des Plat­zens be­kämpft. Kri­ti­sche Markt­be­ob­ach­ter se­hen in die­ser Vor­ge­hens­wei­se ei­nen der Grün­de für die ge­häuft auf­tre­ten­den Ver­wer­fun­gen an den Fi­nanz­märk­ten, die oft in Wirt­schafts­kri­sen mün­den.

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