Ein Jahr nach der EM herrscht in Po­len noch im­mer Ka­ter­stim­mung

Wirt­schafts­wachs­tum auf 0,5% ge­fal­len – Hoff­nung auf Kon­sum­be­le­bung – Stand­ort­vor­tei­le in­takt

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - DO­MI­NIK FELD­GES

Vor ei­nem Jahr noch sonn­te sich Po­len als Co-Gast­ge­ber zu­sam­men mit der Ukrai­ne im Er­folg der Fussball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft. Stolz wur­den der Welt­öf­fent­lich­keit die vier neu er­rich­te­ten Sta­di­en so­wie die fer­tig er­stell­te Au­to­bahn von Ber­lin nach Warschau, mo­der­ni­sier­te Bahn­hö­fe und Flug­hä­fen vor­ge­führt. In­zwi­schen steckt die lan­ge Zeit wachs­tums­star­ke pol­ni­sche Wirt­schaft, die auch im Welt­kri­sen­jahr 2009 nicht in ei­ne Re­zes­si­on ge­ra­ten ist, in ei­nem hart­nä­cki­gen Tief.

Im ers­ten Quar­tal be­weg­te sich die Kon­junk­tur nur noch im Kriech­gang. Das Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) stieg ge­gen­über der Vor­jah­res­pe­ri­ode le­dig­lich um 0,5%. Das Aus­mass der Wachs­tums­ver­lang­sa­mung hat selbst den pol­ni­schen No­ten­bank­gou­ver­neur Marek Bel­ka über­rascht: «Die Ver­lang­sa­mung ist aus­ge­präg­ter, und sie dau­ert län­ger, als wir er­war­tet ha­ben», räum­te er ver­gan­ge­ne Wo­che an ei­ner Pres­se­kon­fe­renz zum jüngs­ten Zins­ent­scheid ein.

Leit­zin­sen un­ter 3%

We­gen der Wachs­tums­schwä­che und mit Blick auf ei­ne bei­na­he in­exis­ten­te In­fla­ti­on von zu­letzt 0,8% sah sich die pol­ni­sche Zen­tral­bank er­neut ge­nö­tigt, die Leit­zin­sen zu re­du­zie­ren. Der Satz wur­de um 25 Ba­sis­punk­te auf 2,75% ge­senkt. Vie­le Po­len rei­ben sich ver­wun­dert die Au­gen: «Der­art tie­fe Zin­sen ha­be ich mein gan­zes Le­ben noch nie ge­se­hen», kom­men­tier­te der aus Po­len stam­men­de Fonds­ma­na­ger An­drzej Bla­chut von Swiss & Glo­bal As­set Ma­nage­ment im Ge­spräch mit «Fi­nanz und Wirt­schaft».

An­ge­sichts der schwa­chen Ver­fas­sung, in der sich die Wirt­schaft der Län­der aus der Eu­ro­zo­ne be­fin­det, ist kei­ne schnel­le Be­le­bung der pol­ni­schen Kon­junk­tur in Sicht. Nach Ein­schät­zung der Re­gie­rung wird sich das BIP-Wachs­tum im lau­fen­den Jahr auf 1,5% und 2014 auf 2,5% be­schrän­ken. Po­len hat ei­ne star­ke In­dus­trie­ba­sis, doch über die Hälf­te der Aus­fuh­ren geht in Eu­ro­staa­ten (vgl. Ku­chen­gra­fik). Vie­le Öko­no­men sind gleich­wohl vor­sich­tig op­ti­mis­tisch: Der Tief­punkt rü­cke in Sicht­wei­te, mei­nen Ver­tre­ter des gröss­ten eu­ro­päi­schen Fi­nanz­in­sti­tuts HSBC. Sie stüt­zen ih­re Zu­ver­sicht auf die Tat­sa­che, dass Neu­auf­trä­ge, Um­satz und die Be­schäf­ti­gung in der pol­ni­schen In­dus­trie jüngst al­le­samt we­ni­ger stark als zu­vor ab­ge­nom­men ha­ben.

Mit ei­ner Kon­junk­tur­be­le­bung in der zwei­ten Jah­res­hälf­te rech­nen die Ex­per­ten des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) – vor­aus­ge­setzt, grös­se­re Tei­le Eu­ro­pas er­ho­len sich, La­ger wer­den wie­der auf­ge­füllt und die pol­ni­schen Kon­su­men­ten füh­len sich durch die Zins­sen­kun­gen zu Mehr­aus­ga­ben an­ge­spornt. Der Ein­fluss der knapp 38 Mio. pol­ni­schen Ver­brau­cher ist nicht zu un­ter­schät­zen. Ih­re Kauf­freu­de hat­te we­sent­li­chen An­teil dar­an, dass Po­len die Welt­wirt­schafts­kri­se 2009 oh­ne Re­zes­si­on über­stand.

Für Ve­r­un­si­che­rung sorgt der­weil die Re­gie­rung. Der li­be­ral­de­mo­kra­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter Do­nald Tusk, dem 2011 die Wie­der­wahl ge­lang, ver­schaff­te in den letz­ten sechs Jah­ren dem pol­ni­schen Wirt­schafts­stand­ort viel Ver­trau­en un­ter In­ves­to­ren. Doch Tusk hat noch kei­nen Nach­fol­ger auf­ge­baut. In Mei­nungs­um­fra­gen hat die Re­gie­rung ih­re Füh­rung auf

Pol­ni­sche Ex­por­te die rechts­bür­ger­li­che Op­po­si­ti­on von Ja­roslaw Kac­zyn­ski weit­ge­hend ver­lo­ren.

Am pol­ni­schen Ak­ti­en­markt ver­fol­gen An­le­ger mit Ar­gus­au­gen, ob die Re­gie­rung der ka­pi­tal­fi­nan­zier­ten zwei­ten Säu­le wie be­reits 2011 Mit­tel ent­zie­hen will. Durch Zwangs­trans­fers zu der – wie im Fall der Schwei­zer AHV – nach dem Um­la­ge­ver­fah­ren or­ga­ni­sier­ten ers­ten Säu­le könn­ten der Bör­se in Warschau ( WSE) 2014 Mit­tel von ge­gen 15 Mrd. Zlo­ty (4,3 Mrd. Fr.) ab­han­den­kom­men, schät­zen Ana­lys­ten. En­de März hiel­ten die für die zwei­te Säu­le zu­ge­las­se­nen vier­zehn pri­va­ten Fonds ins­ge­samt 103 Mrd. Zlo­ty in pol­ni­schen Ak­ti­en oder rund 44% des Streu­be­sit­zes an der WSE.

Tie­fe Löh­ne, To­pin­fra­struk­tur

Wie Fi­nanz­mi­nis­ter Jacek Ros­tow­ski in Me­di­en­in­ter­views be­teu­ert hat, soll die zen­tra­le Rol­le der pri­va­ten pol­ni­schen Pen­si­ons­kas­sen durch die Re­form aber nicht be­schnit­ten wer­den. Die Re­gie­rung dürf­te auch mit Blick auf ge­plan­te wei­te­re Pri­va­ti­sie­run­gen von Staats­un­ter­neh­men den In­sti­tu­tio­nel­len das Le­ben nicht all­zu schwer ma­chen.

Ri­si­ko­fä­hi­gen An­le­gern bie­tet sich vor die­sem Hin­ter­grund ei­ne Ein­stiegs­ge­le­gen­heit am pol­ni­schen Ak­ti­en­markt. Die Un­si­cher­heit we­gen der Pen­si­ons­kas­sen­re­form gilt zu­sam­men mit den en­gen Ver­bin­dun­gen Po­lens zur krän­keln­den Wirt­schaft der Eu­ro­zo­ne als Haupt­grund, wes­halb die Bör­se in Warschau im eu­ro­päi­schen Ver­gleich seit An­fang Jahr zu den schwächs­ten zählt. Der Wig 20 hat in die­ser Pe­ri­ode knapp 4% ver­lo­ren, wäh­rend der Eu­ro Sto­xx 50 gut 3% vor­ge­rückt ist.

So­bald sich die Kon­junk­tur in Eu­ro­pa auf brei­ter Front er­holt, traut An­drzej Bla­chut der pol­ni­schen Wirt­schaft ei­ne über­durch­schnitt­lich ro­bus­te Ent­wick­lung zu. «Wir wer­den dann noch im­mer ei­nes der nied­rigs­ten Lohn­ni­veaus, aber erst­mals ei­ne top­mo­der­ne In­fra­struk­tur so­wie wei­ter­hin aus­ga­be­freu­di­ge Kon­su­men­ten ha­ben», froh­lockt der Fonds­ma­na­ger.

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