Eco­no­mie­su­is­se sucht den Be­frei­ungs­schlag

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - PE­TER MORF

Der Wirt­schafts­dach­ver­band will die seit lan­gem schwe­len­de in­ter­ne Kri­se mit neu­em Füh­rungs­per­so­nal und ei­ner neu­en Po­si­tio­nie­rung bei­le­gen. Es liegt im In­ter­es­se der Wirt­schaft und des Wohl­stands der Schweiz, dass die­ser Pro­zess ge­lingt.

Mit lei­ser Weh­mut dürf­ten sich wei­te Krei­se der schwei­ze­ri­schen Wirt­schaft je­ner Zei­ten er­in­nern, als der Chef des Vo­r­orts den Nim­bus des ach­ten Bun­des­rats ge­noss. Die Vor­gän­ger­or­ga­ni­sa­ti­on des heu­ti­gen Wirt­schafts­dach­ver­bands Eco­no­mie­su­is­se hat­te enor­mes po­li­ti­sches Ge­wicht und ei­nen sehr di­rek­ten Zu­gang zu Bun­des­rat, Ver­wal­tung und Par­la­ment. Für die­se Zeit ste­hen die Na­men zwei­er ehe­ma­li­ger Di­rek­to­ren, die die Ge­schi­cke des Ver­bands wäh­rend ei­nes hal­ben (!) Jahr­hun­derts ge­prägt ha­ben: Erich Hom­ber­ger (Di­rek­tor von 1939 bis 1965) und Ger­hard Win­ter­ber­ger (1965 bis 1987).

Von die­ser Macht­po­si­ti­on ist Eco­no­mie­su­is­se heu­te wei­ter denn je ent­fernt. Der Ver­band wur­de im Jahr 2000 ge­grün­det, 2003 wur­den der Vo­r­ort und die Ge­sell­schaft zur För­de­rung der schwei­ze­ri­schen Wirt­schaft (wf) hin­ein­fu­sio­niert. Der neue Dach­ver­band lässt ei­ne ko­hä­ren­te Stra­te­gie ver­mis­sen und ist seit­her pri­mär mit sich selbst und sei­nen Kri­sen be­schäf­tigt.

Per­so­nel­le Ber­ei­ni­gung

Das ak­tu­ells­te Zei­chen des Ma­lai­se wa­ren im Früh­jahr 2013 der Aus­tritt des Ver­bands der schwei­ze­ri­schen Uh­ren­in­dus­trie so­wie die äus­serst schmerz­haf­te Ab­stim­mungs­nie­der­la­ge in der «Ab­zo­cker-Initia­ti­ve». Am Mitt­woch folg­ten nun der Rück­tritt von Prä­si­dent Ru­dolf Wehr­li, der noch nicht ein­mal ein Jahr im Amt ist, und die Ent­las­sung von Di­rek­tor Pas­cal Gen­ti­net­ta. Zu­dem wur­den ers­te Eck­wer­te ei­ner Neu­po­si­tio­nie­rung des Ver­bands vor­ge­stellt.

Prä­si­dent Wehr­li gab als Grund sei­nes Rück­tritts die ho­he zeit­li­che Be­las­tung des Amts an. Das mag zu­tref­fen, dürf­te aber nur ei­ne meh­re­rer Ur­sa­chen sein. Wehr­li ist kein Aus­hän­ge­schild der Wirt­schaft, er war in der Öf­fent­lich­keit kaum prä­sent, ge­ra­de auch im wich­ti­gen Ab­stim­mungs­kampf um die «Ab­zo­cker-Initia­ti­ve». Er war nie ei­ne Ide­al­be­set­zung.

Di­rek­tor Gen­ti­net­ta muss den Ver­band ver­las­sen, weil er sich of­fi­zi­ell nicht hin­ter des­sen Re­po­si­tio­nie­rung stel­len woll­te, die Re­de war von un­ter­schied­li­chen stra­te­gi­schen Auf­fas­sun­gen. Auch er war al­ler­dings ei­ne Fehl­be­set­zung, das ist mit der Zeit im­mer deut­li­cher ge­wor­den. Der ge­schei­te und an­stän­di­ge Gen­ti­net­ta brach­te es nie fer­tig, der Wirt­schaft ein Ge­sicht zu ge­ben, das po­si­tiv wahr­ge­nom­men wur­de – das da­zu nö­ti­ge Cha­ris­ma ging ihm ab. Er wirk­te eher wie ein höl­zer­ner Bü­ro­krat als ei­ne dy­na­mi­sche Leit­fi­gur. Hin­zu kommt, dass er in­tern al­les an­de­re als un­um­strit­ten war, of­fen­bar ge­noss er im­mer we­ni­ger Un­ter­stüt­zung sei­ner wich­tigs­ten Mit­ar­bei­ter. Den Vor­sitz der Ge­schäfts­lei­tung über­nimmt in­te­ri­mis­tisch Chef­öko­nom Ru­dolf Minsch.

Die tie­fe­re Ur­sa­che für das Ma­lai­se liegt, ne­ben per­so­nel­len Fehl­be­set­zun­gen und we­nig ef­fi­zi­en­ten in­ter­nen Struk­tu­ren, vor al­lem in der stets wach­sen­den He­te­ro­ge­ni­tät der Wirt­schaft. Es wur­de im­mer schwie­ri­ger, die zum Teil sehr un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen der ver­schie­de­nen Bran­chen un­ter ei­nen Hut zu brin­gen – ein Pro­zess, der sich wei­ter ak­zen­tu­iert.

In die­ser Si­tua­ti­on hat der Ver­band, ob be­wusst oder nicht, blei­be da­hin­ge­stellt, das Schwer­ge­wicht in­tern auf die fi­nanz­star­ken Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und Phar­ma ge­legt, statt sich für die über­ge­ord­ne­ten In­ter­es­sen stark­zu­ma­chen. Die tra­di­tio­nel­le In­dus­trie und da­mit der Werk­platz hat­ten das Nach­se­hen. Die­ser Pro­zess kul­mi­nier­te 2006 in den Aus­tritts­dro­hun­gen der gros­sen und wich­ti­gen Swiss­mem ( Ver­band der Ma­schi­nen­in­dus­trie) und des Bau­meis­ter­ver­bands.

Die­se Ge­wichts­set­zung ver­lei­te­te den Ver­band zu ei­nem fa­ta­len Feh­ler: Er un­ter- liess es, sich klar und glaub­wür­dig von den so­ge­nann­ten Ab­zo­ckern un­ter den Ma­na­gern zu dis­tan­zie­ren und ihr fri­vo­les Tun ent­spre­chend zu kri­ti­sie­ren. Das ist in­so­fern we­nig er­staun­lich, als ein Teil der­je­ni­gen, die sich so scham­los be­dien­ten, gleich selbst in den Füh­rungs­gre­mi­en von Eco­no­mie­su­is­se sass.

Der da­ma­li­ge Prä­si­dent Ge­rold Büh­rer und der Prä­si­dent der Swiss­mem und Vor­stands­mit­glied von Eco­no­mie­su­is­se, der heu­ti­ge Bun­des­rat Jo­hann N. Schnei­der-Am­mann, er­kann­ten das Pro­blem. Sie ver­such­ten, in­tern ei­ne Ge­wichts­ver­la­ge­rung zu in­iti­ie­ren, was wohl zu­min­dest teil­wei­se ge­lun­gen ist.

Nur: Von aussen wur­de das kaum wahr­ge­nom­men. Die Glei­chung Wirt­schaft gleich Ab­zo­cker gleich Eco­no­mie­su­is­se hat­te sich in den Köp­fen vie­ler Bür­ger, nicht nur An­hän­ger der Lin­ken,

Eco­no­mie­su­is­se un­ter­liess es zu lan­ge, sich klar und glaub­wür­dig von den Ab­zo­ckern zu dis­tan­zie­ren.

un­aus­lösch­lich ein­ge­brannt. In die­ser Si­tua­ti­on war die Ab­stim­mung ge­gen die «Ab­zo­cker-Initia­ti­ve» gar nicht zu ge­win­nen. Dar­an hät­te auch ei­ne gu­te Kam­pa­gne nichts ge­än­dert – die Ab­stim­mung ist schon in den Jah­ren zu­vor ver­lo­ren ge­gan­gen. Zu­min­dest das ist nicht dem glück­lo­sen Wehr­li an­zu­las­ten.

Im­mer­hin scheint der Ver­band sei­ne ei­ge­nen De­fi­zi­te in der Zwi­schen­zeit er­kannt zu ha­ben. Die am Mitt­woch vor­ge­stell­ten Eck­wer­te der Re­po­si­tio­nie­rung le­sen sich zum Teil wie ein um­fang­rei­ches «mea cul­pa». Der Ver­band will künf­tig be­schei­de­ner und da­für glaub­wür­di­ger auf­tre­ten, er will sich bes­ser «er­den» und da­von ab­se­hen, die po­li­ti­sche Agen­da zu dik­tie­ren. Mit an­de­ren Wor­ten will er von sei­nen teil­wei­se ab­ge­ho­be­nen Po­si­tio­nen ab­rü­cken und auf den Bo­den der wirt­schaft­li­chen Rea­li­tät ge­ra­de auch in der In­dus­trie zu­rück­keh­ren – ein längst über­fäl­li­ger Pro­zess.

Rich­tung stimmt

Zu­dem will er sich ver­mehrt auf ge­samt­wirt­schaft­lich re­le­van­te The­men kon­zen­trie­ren und sich für gu­te wirt­schafts­po­li­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen ein­set­zen. Auch soll die Zu­sam­men­ar­beit mit den an­de­ren Ver­bän­den und den Par­tei­en in­ten­si­viert und ver­bes­sert wer­den.

Die Rich­tung der Re­po­si­tio­nie­rung dürf­te stim­men, auch wenn die Aus­sa­gen bis­wei­len noch gar pla­ka­tiv sind und der wei­te­ren Dif­fe­ren­zie­rung be­dür­fen. Ob das Gan­ze auch ge­lingt, hängt in ent­schei­den­dem Aus­mass von den noch zu be­stim­men­den neu­en Per­so­nen an der Spit­ze des Ver­bands ab. Die An­for­de­run­gen be­son­ders an den neu­en Prä­si­den­ten sind je­doch aus­ge­spro­chen hoch, valable Kan­di­da­ten fin­den sich nicht auf der Stras­se (vgl. Sei­te 17). Ziel ist, den Nach­fol­ger von Ru­dolf Wehr­li bis En­de Au­gust zu be­stim­men.

Für die Wirt­schaft ist ge­ra­de im ak­tu­el­len wirt­schaft­lich und auch po­li­tisch schwie­ri­gen Um­feld ei­ne ge­ein­te und glaub­wür­di­ge Eco­no­mie­su­is­se von gros­ser Be­deu­tung. Der ho­he Wohl­stand der Schweiz ist durch die an­hal­ten­de Kri­se im Eu­ro­raum wie auch durch po­li­ti­sche Vor­stös­se im In­ne­ren, vor al­lem von lin­ker Sei­te, ge­fähr­det. In die­ser Si­tua­ti­on ist die Ver­tre­tung der In­ter­es­sen der Wirt­schaft und ei­ner li­be­ra­len Ord­nung von vi­ta­ler Be­deu­tung. Da­zu be­darf es ei­nes star­ken Dach­ver­bands – zum ach­ten Bun­des­rat muss er des­we­gen nicht wer­den.

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