«Die­se Vo­la­ti­li­tät ist gut für uns»

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - MARK MO­BI­US INTERVIEW: PE­TER ROH­NER

MDer Fonds­ma­na­ger von Fran­klin Temp­le­ton wit­tert An­la­ge­chan­cen in den Schwel­len- und Fron­tier-Märk­ten

it über dreis­sig Jah­ren An­la­ge­er­fah­rung in den Schwel­len­län­dern ist Mark Mo­bi­us der Mr Emer­ging Mar­kets schlecht­hin. Die der­zei­ti­gen Tur­bu­len­zen brin­gen den Exe­cu­ti­ve Chair­man des Schwel­le­län­der­teams von Fran­klin Temp­le­ton In­vest­ments nicht aus der Ru­he. Er bleibt sei­ner An­la­ge­klas­se treu und er­klärt im Ge­spräch, wo der Ausverkauf Kauf­ge­le­gen­hei­ten er­öff­net. Herr Mo­bi­us, der­zeit zie­hen sich die In­ves­to­ren aus den Schwel­len­län­dern zu­rück. Auch die Wäh­run­gen und An­lei­hen ver­lie­ren an Wert. Was steckt da­hin­ter? In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wa­ren Schwel­len­län­der­wäh­run­gen un­ter Auf­wer­tungs­druck. Die An­le­ger kauf­ten im gros­sen Stil An­lei­hen in lokaler Wäh­rung, und die Zin­sen gin­gen zu­rück – bei man­chen Schwel­len­län­dern wohl et­was zu weit, wenn man das Ri­si­ko­pro­fil der An­lei­hen be­rück­sich­tigt. Als die Wäh­run­gen ge­gen den Dol­lar schwä­cher wur­den, was an­fäng­lich ei­ne Stär­ke des Dol­lars war, be­ka­men vie­le An­le­ger kal­te Füs­se, und sie ver­kauf­ten.

War das die über­rei­fe Kor­rek­tur, oder geht die Ver­kaufs­wel­le wei­ter? Es ist noch nicht vor­bei. Ich glau­be aber auch nicht, dass die An­le­ger kei­ne EmMaBonds mehr kau­fen wer­den. Doch sie wer­den in Zu­kunft vor­sich­ti­ger sein, nach­dem sie die schmerz­haf­te Er­fah­rung ge­macht ha­ben, dass Lo­kal­wäh­rungs­an­lei­hen über die stei­gen­den Ren­di­ten und die Ab­wer­tung der Wäh­rung dop­pel­te Ver­lus­te zu­fü­gen kön­nen. Vie­le Län­der sind auf die aus­län­di­schen Port­fo­li­o­in­ves­ti­tio­nen an­ge­wie­sen. Droht ei­ne Schwel­len­län­der­kri­se, weil auf ein­mal der Geld­hahn ab­ge­dreht wird? In der Tat sind Län­der wie die Tür­kei, Süd­afri­ka und Bra­si­li­en sehr ver­letz­lich. Es kommt aber auf die Re­ak­ti­on der Zen­tral­bank und der Re­gie­rung an. In der Tür­kei zum Bei­spiel wirft die Zen­tral­bank ih­re aus­län­di­schen Devisen auf den Markt und kauft Li­ra, um den Wert de­ren zu stüt­zen. Doch das kann nicht ewig so wei­ter­ge­hen, denn ir­gend­wann sind die De­vi­sen­re­ser­ven auf­ge­braucht.

Auch In­di­en hat ein enor­mes De­fi­zit im Aus­sen­han­del. In­di­en ist we­ni­ger ge­fähr­det. Das Land hat zwar ein Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit, aber das ist vor al­lem be­dingt durch die Ener­gie­und Gold­im­por­te.

Wie steht es um Un­garn? Auch Un­garn ist auf die Fi­nan­zie­rung vom Aus­land an­ge­wie­sen. Be­ru­hi­gend ist je­doch, dass je­des Mal, wenn sich das Kli­ma ver­schlech­tert, die Be­reit­schaft der Re­gie­rung zu Ver­hand­lung mit der EU und dem IWF zu­nimmt.

Län­der wie die Tür­kei, Bra­si­li­en und Süd­afri­ka sind sehr ver­letz­lich, wenn das Ka­pi­tal ab­ge­zo­gen wird.

Die US-Geld­po­li­tik hat ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die in­ter­na­tio­na­len Ka­pi­tal­flüs­se und die Nach­fra­ge nach Schwel­len­län­deran­la­gen, doch nun kom­men län­der­spe­zi­fi­sche Ge­fah­ren­her­de hin­zu. Wie be­ur­tei­len Sie den Auf­stand der Jun­gen in der Tür­kei und in Bra­si­li­en? Es ist bei bei­den ein ähn­li­ches Phä­no­men, nur die Re­ak­ti­on der Re­gie­rung ist nicht die glei­che. Die jun­ge Be­völ­ke­rung be­gehrt auf, und sie hat mit In­ter­net und Smart­pho­nes die Mög­lich­keit, sich zu or­ga­ni­sie­ren. Die Zu­nah­me von De­mons­tra­tio­nen in den Schwel­len­län­dern ist ei­ne po­si­ti­ve Ent­wick­lung. Es stärkt die de­mo­kra­ti­schen Wer­te, und die Re­gie­run­gen wer­den sich be­wusst, dass das Volk ih­re Ta­ten und Ent­schei­de ge­nau ver­folgt. So wird die Po­li­tik trans­pa­ren­ter, und die Kor­rup­ti­on wird ein­ge­dämmt. Für die Märk­te ist es lang­fris­tig ei­ne ge­sun­de Ent­wick­lung, kurz­fris­tig ver­ur­sacht es Vo­la­ti­li­tät. Schwel­len­län­der­ak­ti­en ent­wi­ckeln sich schon seit über zwei Jah­ren schlech­ter als Ak­ti­en der In­dus­trie­län­der. Ist die Er­folgs­ge­schich­te Emer­ging Mar­kets vor­bei? Die Wachs­tum­sto­ry ist im­mer noch in­takt. Auch die­ses Jahr wer­den die Emer­ging Mar­kets im Durch­schnitt ein Wachs­tum von 5% aus­wei­sen. Der Grund für die re­la­tiv schwa­che Per­for­mance seit 2010 ist fol­gen­der: Viel Geld, das zu­vor noch in die Ak­ti­en­märk­te der Schwellenländer ge­flos­sen war, wur­de zu­neh­mend am US-Ak­ti­en­markt und in den Dol­lar in­ves­tiert, als sich die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft zu er­ho­len be­gann. Die­ses Geld fehlt nun den Emer­ging Mar­kets. Zu­dem gab es ei­ne enor­me An­zahl neu­er Bör­sen­gän­ge. Al­lein 2010 be­trug das IPO-Vo­lu­men fast 460 Mrd. $. Das ent­zog dem Se­kun­där­markt Cash und hat zur schwa­chen Ent­wick­lung bei­ge­tra­gen. Wie lan­ge wird die re­la­ti­ve Schwä­che der Emer­ging Mar­kets noch dau­ern? Bis nächs­tes Jahr soll­ten sich die Emer­ging-Mar­kets-Ak­ti­en er­holt ha­ben. Denn die Märk­te sind sehr güns­tig be­wer­tet. Und wenn die Be­wer­tun­gen noch wei­ter zu­rück­kom­men, wer­den die An­le­ger zu­rück in die­se Märk­te kom­men.

Sind es nur die at­trak­ti­ven Be­wer­tun­gen, die Sie so op­ti­mis­tisch ma­chen? Nicht zu un­ter­schät­zen ist die Rol­le der wach­sen­den An­zahl Staats­fonds und der gros­sen Pen­si­ons­kas­sen. Die­se le­gen das Geld sehr lang­fris­tig an und bau­en den An­teil an Schwel­len­län­der­ak­ti­en aus. In Chi­le zum Bei­spiel sind die Pen­si­ons­fonds so gross ge­wor­den, dass sie an­fan­gen muss­ten, aus­ser­halb des Lan­des zu in­ves­tie­ren. Die Si­tua­ti­on in Po­len ist ähn­lich.

Die der­zei­ti­ge Ver­kaufs­wel­le ist al­so ei­ne Kauf­ge­le­gen­heit. Wel­che Bran­chen sind be­son­ders at­trak­tiv? Die ho­he Vo­la­ti­li­tät bie­tet zahl­rei­che Op­por­tu­ni­tä­ten. Wir er­wä­gen zum Bei- spiel, un­se­re Po­si­tio­nen in den ex­trem güns­ti­gen Sek­to­ren wie Ener­gie und zum Teil auch Bau­stof­fe aus­zu­bau­en. Lang­fris­tig wer­den die Roh­stoff­prei­se we­gen der gros­sen Nach­fra­ge und dem knap­pen An­ge­bot stei­gen. Das gilt auch für Edel­me­tal­le. Wir fo­kus­sie­ren uns auf die Un­ter­neh­men mit den nied­rigs­ten För­der- oder Pro­duk­ti­ons­kos­ten. Bei Ei­sen­erz ist das Va­le. Gros­se Po­si­tio­nen hal­ten wir auch in BHP Bil­li­ton, Pe­troChi­na und CNOOC. Bei den Gold­mi­nen­ak­ti­en be­vor­zu­gen wir Bu­ena­ven­tura.

Wel­che Re­gi­on ist be­son­ders in­ter­es­sant? Als Re­gi­on sticht Afri­ka her­aus. Die Wirt­schaft wächst dort am kräf­tigs­ten. Vor al­lem Bank­ak­ti­en ha­ben enor­mes Po­ten­zi­al. Das gu­te an den Fron­tierMärk­ten ist auch, dass es dort Kon­sum­ak­ti­en noch zu fai­ren Prei­sen gibt. In vie­len Schwel­len­län­dern sind die­se be­reits über­teu­ert.

Und aus­ser­halb Afri­kas? Viet­nam ist sehr güns­tig be­wer­tet, und in Pa­kis­tan fin­det ei­ne Er­ho­lung statt. Wel­ches Sind wei­te­re Hot Spots? Ne­ben den Fron­tier-Märk­ten auch die Small Caps, vor al­lem in In­di­en, Süd­ko­rea und Hong­kong. Schaut man aber et­was wei­ter in die Zu­kunft, dann soll­te man auch die ost­eu­ro­päi­schen Märk­te nen­nen. Wenn mann wie ich an­nimmt, dass die Eu­ro­zo­ne nächs­tes Jahr auf den Wachs­tums­pfad zu­rück­kehrt, dann se­hen die­se Ak­ti­en­märk­te sehr at­trak­tiv aus.

Ge­hört Russ­land eben­falls da­zu? Der rus­si­sche Ak­ti­en­markt ist nach vie­len Be­wer­tungs­kri­te­ri­en his­to­risch ex­trem güns­tig. Zu­dem läuft ein gros­ses Pri­va­ti­sie­rungs­pro­gramm, und die Di­vi­den­den­po­li­tik wird ak­tio­närs­freund­li­cher. Schon jetzt be­trägt die Di­vi­den­den­ren­di­te 5%.

Das Gu­te an den Grenz­märk­ten ist auch, dass es dort die Kon­sum­ak­ti­en noch zu fai­ren Prei­sen gibt.

Das Haupt­pro­blem in Russ­land ist im­mer noch die man­gel­haf­te Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce. Doch mein Kol­le­ge für die ost­eu­ro­päi­schen Märk­te meint, sie ha­be sich nicht ver­schlech­tert, die Trans­pa­renz sei so­gar bes­ser ge­wor­den. Den­noch sind die Be­wer­tun­gen noch wei­ter zu­rück­ge­kom­men. Da wir für Roh­stof­fe zu­ver­sicht­lich sind und die Mit­tel­schicht in Russ­land schnell wächst, schaut der rus­si­sche Markt at­trak­tiv aus. Wie ist Ih­re Ein­schät­zung zu Chi­na und dem chi­ne­si­schen Ak­ti­en­markt? Die­ses Jahr wird Chi­nas Wirt­schaft 7,5% wach­sen, das ist im­mer noch ein sub­stan­zi­el­les, aber kon­trol­lier­tes Wachs­tum. Die chi­ne­si­sche Füh­rung hat ver­stan­den, dass die Sti­mu­lie­rung nach der Fi­nanz­kri­se vie­le Pro­ble­me ver­ur­sacht hat. We­gen der schie­ren Grös­se der Volks­wirt­schaft und der vie­len Kon­su­men­ten wird Chi­na im­mer in un­se­re An­la­ge­stra­te­gie pas­sen. Wenn es wie jetzt bei Kon­sum­ak­ti­en Rück­schlä­ge gibt, kau­fen wir.

Min­des­tens 35% des Ak­ti­en­an­teils soll­ten Emer­ging Mar­kets sein, denn dort ist das Wachs­tum.

Nicht al­le Schwel­len­län­der­bör­sen lie­gen seit An­fang Jahr im Mi­nus, die Phil­ip­pi­nen und Thai­land ent­wi­ckeln sich über­durch­schnitt­lich. Sind die­se Märk­te nach der Be­wer­tungs­ex­pan­si­on noch kau­fens­wert? Die Phil­ip­pi­nen sind ei­ne Ge­schich­te für sich. Frü­her in­ter­es­sier­te sich nie­mand für das Land, es galt als kor­rupt und in­sta­bil. Doch dann kam die neue Re­gie­rung, wich­ti­ge Re­for­men wur­den ein­ge­lei­tet, und die An­le­ger ka­men auf den Ge­schmack. Weil der Markt sehr klein ist, trieb die Nach­fra­ge die Prei­se nach oben. Und es geht wei­ter, nicht nur we­gen der aus­län­di­schen In­ves­to­ren, son­dern auch we­gen der enor­men Geld­über­wei­sun­gen der Phil­ip­pi­ner im Aus­land. Letz­tes Jahr wa­ren es 21 Mrd. $. Das Geld wird in Im­mo­bi­li­en und lo­ka­len Ak­ti­en an­ge­legt und stützt so die Kur­se.

Und Thai­land? Thai­land ist im Ver­gleich zu ähn­li­chen asia­ti­schen Märk­ten nicht be­son­ders teu­er be­wer­tet. Es ist in un­se­ren Asi­en­fonds ei­ne der wich­tigs­ten Po­si­tio­nen.

Me­xi­kos Bör­se hat im Ja­nu­ar den Hö­he­punkt er­reicht. Ist die Luft draus­sen? Ich bin recht op­ti­mis­tisch für den me­xi­ka­ni­schen Markt. Er pro­fi­tiert von der Er­ho­lung in den USA. Der Ak­ti­en­markt ist aber stolz be­wer­tet, und es gibt kaum mehr güns­ti­ge Ti­tel. Wie be­reits ge­sagt, mö­gen wir vor al­lem Fi­nanz­ak­ti­en, doch an der Bör­se Me­xi­kos sind lei­der nur we­ni­ge Ban­ken ko­tiert.

Was ist ihr bes­ter Rat an Pri­vat­an­le­ger? 100% Emer­ging Mar­kets (lacht). Nein, na­tür­lich nicht 100%, aber Fakt ist, dass Schwel­len­län­der­ak­ti­en in den meis­ten Port­fo­li­os ein zu ge­rin­ges Ge­wicht ha­ben. Ge­mäss Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung soll­ten min­des­tens 35% des Ak­ti­en­an­teils in Emer­ging Mar­kets sein. Denn dort ist das Wachs­tum.

Setzt auch in stür­mi­schen Zei­ten auf Ak­ti­en der Wachs­tums­märk­te: Mark Mo­bi­us, seit vier­zig Jah­ren in den Emer­ging Mar­kets un­ter­wegs.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.