Ro­bus­te Am­gen

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - DO­MI­NIK FELD­GES,

Der welt­gröss­te Bio­tech­no­lo­gie­kon­zern Am­gen ver­liert bis 2015 den Pa­tent­schutz für drei Block­bus­ter mit ei­nem Ge­samt­um­satz von 7,3 Mrd. $. Doch die Pi­pe­line ver­spricht reich­hal­ti­gen Nach­schub.

FLi­qui­de Mit­tel von mehr als 20 Mrd. $ ver­schaf­fen dem Bran­chen­füh­rer reich­lich Spiel­raum – Vor­stoss in zu­sätz­li­che The­ra­pie­ge­bie­te – Ak­ti­en sind kau­fens­wert

ür ein Bran­chen­schwer­ge­wicht zu ar­bei­ten hat sei­ne Vor­tei­le, vor al­lem im for­schungs­in­ten­si­ven Phar­ma­ge­schäft. Seit fünf­zehn Jah­ren ist ein Team von mitt­ler­wei­le 160 Leu­ten des welt­gröss­ten Bio­tech­no­lo­gie­kon­zerns Am­gen in München mit der Ent­wick­lung ei­ner neu­ar­ti­gen An­ti­kör­per­the­ra­pie ge­gen zwei Blut­krebs­ty­pen (Leuk­ämie und NonHodg­kin-Lym­phom) be­schäf­tigt. Trotz In­ves­ti­tio­nen in drei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he ist Bli­na­tu­mom­ab (AMG103) noch nicht über die Pha­se II der kli­ni­schen Er­for­schung hin­aus­ge­kom­men. Um der Im­mun­the­ra­pie, die we­gen ih­rer gros­sen Wirk­sam­keit schon nach der ers­ten klei­nen Pa­ti­en­ten­stu­die 2008 im Fach­ma­ga­zin «Sci­ence» vor­ge­stellt wor­den ist, zur Markt­rei­fe zu ver­hel­fen, wird Am­gen noch viel Geld in die Hand neh­men müs­sen. Auf sich al­lein ge­stellt, wä­re das Team aus München wohl über­for­dert.

Der US-Rie­se ist vom Po­ten­zi­al des Wirk­stoffs über­zeugt, wie Un­ter­neh­mens­ver­tre­ter an ei­nem Me­dien­tag ver­gan­ge­ne Wo­che be­ton­ten. Am­gen liess sich die Über­nah­me der klei­nen Bio­tech­no­lo­gie­ge­sell­schaft Mi­cro­met, für die die Mit­ar­bei­ter in München bis März 2012 ge­ar­bei­tet hat­ten, 1,2 Mrd. $ kos­ten. Da­bei blick­ten die Ame­ri­ka­ner gross­zü­gig dar­über hin­weg, dass Mi­cro­met noch so gut wie kei­nen Um­satz er­wirt­schaf­tet.

Epo­gen noch Block­bus­ter

Um­so mehr Ge­schick be­wies das bis zum Ver­kauf an der US-Tech­no­lo­gie­bör­se Nas­daq ko­tier­te Mün­che­ner Un­ter­neh­men in der Li­qui­di­täts­be­schaf­fung. Ins­ge­samt wur­den, wäh­rend die Ge­sell­schaft noch ei­gen­stän­dig war, 550 Mio. $ auf­ge­nom­men. Rund ein Drit­tel da­von floss in die Ent­wick­lung von Bli­na­tu­mom­ab, ver­riet Patrick Bäu­er­le, Pro­fes­sor für Im­mu­no­lo­gie und For­schungs­chef von Am­gen in München, «Fi­nanz und Wirt­schaft». Bäu­er­le lei­te­te schon die For­schung von Mi­cro­met und war da­mit ein en­ger Weg­ge­fähr­te von Chris­ti­an Itin, der als CEO bei Mi­cro­met den Mil­li­ar­den­deal mit Am­gen ein­ge­fä­delt hat und seit­dem als Ge­schäfts­füh­rer des Zürcher Bio­tech­no­lo­gie­un­ter­neh­mens Cy­tos wirkt.

Die 1980 ge­grün­de­te Am­gen ge­hört zu den Bio­tech-Ge­sell­schaf­ten der ers­ten St­un­de und er­leb­te ab den Neun­zi­ger­jah­ren ein phä­no­me­na­les Wachs­tum. Die bei­den ers­ten Block­bus­ter, das für die Be­hand­lung von Blut­ar­mut (An­ämie) un­ter Nie­ren­kran­ken ein­ge­setz­te Hor­mon­prä­pa­rat Epo­gen und das für den Auf­bau weis­ser Blut­kör­per­chen bei Krebs­kran­ken ver­wen­de­te Neu­po­gen, er­ziel­ten letz­tes Jahr zu­sam­men noch im­mer ei­nen Um­satz von 3,2 Mrd. $. Ins­ge­samt er­reich­te der Kon­zer­n­er­lös 2012 rund 17 Mrd. $, wo­bei drei wei­te­re Pro­duk­te (Ara­nesp, Neu­las­ta und En­brel) Ein­nah­men von je über 1 Mrd. $ bei­tru­gen (vgl. Ta­bel­le).

Das Pro­blem von Am­gen ist, dass sich das Pro­dukt­porte­feuille auf zehn Me­di­ka­men­te be­schränkt, was sich für ei­nen mit 72 Mrd. $ be­wer­te­ten Gi­gan­ten aus der Ge­sund­heits­bran­che schmal aus­nimmt. Hin­zu kommt, dass sich meh­re­re Me­di­ka­men­te dem En­de ih­res Zy­klus nä­hern – re­spek­ti­ve sich von Am­gen nicht mehr ex­lu­siv ver­mark­ten las­sen. Neu­po­gen ver­liert in den USA En­de 2013 den Pa­tent­schutz, sei­nem Schwes­ter­prä­pa­rat Neu­las­ta wi- der­fährt die­ses Schick­sal 2015 eben­so wie Epo­gen. Das Ar­thri­tis-Me­di­ka­ment En­brel, das 2012 mit 4,2 Mrd. $ knapp ein Vier­tel zum Kon­zer­n­er­lös bei­steu­er­te, droht in Eu­ro­pa von neue­ren Bio­phar­ma­zeu­ti­ka und kos­ten­güns­ti­ge­ren Ko­pi­en be­drängt zu wer­den. Da­bei ha­ben es die Her­stel­ler so­ge­nann­ter Bio­si­mi­lars wie die No­var­tis-Toch­ter San­doz auf En­brel selbst und auf Kon­kur­renz­prä­pa­ra­te wie Re­mi­ca­de (von John­son & John­son) ab­ge­se­hen (vgl. Ar­ti­kel auf ne­ben­ste­hen­der Sei­te).

Ana­lys­ten sind un­eins

Die Mei­nun­gen dar­über, ob Am­gen die er­war­te­ten Um­satz­ein­bus­sen recht­zei­tig kom­pen­sie­ren kann, sind ge­teilt. Be­zeich­nend ist, dass nur knapp die Hälf­te der von Bloom­berg er­fass­ten dreis­sig Ana­lys­ten zum Kauf von Am­gen-Ak­ti­en rät, wäh­rend die an­de­ren vor­wie­gend ei­ne Hal­te­emp­feh­lung füh­ren. Die Ver­tre­ter aus dem Pri­va­te Ban­king von Cre­dit Suis­se spra­chen vor kur­zem gar ei­ne Ver­kaufs­emp­feh­lung aus, was sie da­mit be­grün­de­ten, dass Am­gen «den am we­nigs­ten at­trak­ti­ven Pro­dukt­zy­klus un­ter den gross­ka­pi­ta­li­sier­ten Bio­tech-Wer­ten» ha­be.

An­de­rer An­sicht ist Ru­di van den Eyn­de, Fonds­ma­na­ger und lang­jäh­ri­ger Bio­tech­no­lo­gie­spe­zia­list von De­xia. Er meint, Am­gen ha­be jüngst in der For­schung und Ent­wick­lung gros­se Fort­schrit­te er­zielt, und hält ein In­vest­ment auch mit Blick auf die im Bran­chen­ver­gleich tie­fe Be­wer­tung der Ak­ti­en für reiz­voll. Auf Ba­sis der Ge­winn­erwar­tun­gen für 2013 wer­den die Am­gen-Pa­pie­re mit ei­nem Kurs-Ge­win­nVer­hält­nis (KGV) von 13 be­wer­tet. Die von den CS-Ana­lys­ten fa­vo­ri­sier­ten Gi­lead Sci­en­ces wer­den zum 25-Fa­chen des er­war­te­ten Ge­winns ge­han­delt – eben­so wie die Ti­tel von Bio­gen Idec, ei­nem wei­te­ren Schwer­ge­wicht aus dem US-Bio­tech­no­lo­gie­sek­tor.

Neue Cho­le­ste­r­in­the­ra­pie

Am­gen ist in der Er­neue­rung des Pro­dukt­port­fo­li­os ge­for­dert. Hoff­nungs­voll stimmt, dass sich der mit li­qui­den Mit­teln von 24,1 Mrd. $ (per En­de 2012, 18,9 Mrd. $ da­von aus­ser­halb der USA) ge­seg­ne­te Kon­zern in der For­schung und Ent­wick­lung an ei­ne Viel­zahl von The­ra­pie­ge­bie­ten her­an­wagt, wie Eu­ro­pachef Cars­ten Thiel im un­ten­ste­hen­den Interview un­ter­streicht. An­de­re Bio­tech- und Phar­ma­kon­zer­ne wie Ac­te­li­on und AstraZe­ne­ca mar­schie­ren in um­ge­kehr­ter Rich­tung und ha­ben be­schlos­sen, sich auf we­ni­ger Krank­hei­ten zu kon­zen­trie­ren.

Die Chan­cen, dass Am­gen aus ih­rer reich­hal­ti­gen Pi­pe­line den ei­nen oder an­de­ren neu­en Um­satz­ren­ner formt, sind in­takt. Be­son­de­re Hoff­nun­gen ru­hen auf dem Kar­dio­lo­gie­wirk­stoff AMG145. Meh­re­re An­bie­ter lie­fern sich ein Ren­nen um die Lan­cie­rung der ers­ten Cho­le­ste­r­in­the­ra­pie der neu­en PCSK9-Klas­se. Am­gen läuft mit Re­ge­ne­ron/Sa­no­fi, de­ren Ab­klä­run­gen sich eben­falls in Pha­se III be­fin­den, je­doch an der Spit­ze. Wei­te­re viel­ver­spre­chen­de Ent­wick­lungs­pro­duk­te der Ame­ri­ka­ner sind Bro­dalu­m­ab (ge­gen Schup­pen­flech­te und Ar­thri­tis) und AMG785 für die – vie­ler­orts noch im­mer ver­nach­läs­sig­te – Be­hand­lung von Os­teo­po­ro­se bei Frau­en nach der Me­no­pau­se.

Im Fall von Bli­na­tu­mom­ab aus den Mün­che­ner La­bo­ren der frü­he­ren Mi­cro­met ist Ge­duld ge­fragt. Die er­fah­rungs­ge­mäss hei­kels­te und kost­spie­ligs­te Pha­se III der Er­for­schung muss erst noch in An­griff ge­nom­men wer­den. Die ge­sam­te Ent­wick­lung dürf­te gut und ger­ne 500 bis 800 Mio. $ kos­ten, be­rich­ten Mit­ar­bei­ter.

Die in­ter­nen Er­war­tun­gen an den Um­satz sind hoch. Eu­ro­pachef Thiel at­tes­tiert dem Me­di­ka­ment für den Ein­satz ge­gen das Non-Hodg­kin-Ly­phom Block­bus­terPo­ten­zi­al, klei­ner sei der Markt im Be­reich Leuk­ämie. Vor­sich­ti­ger sind die Ana­lys­ten von Bar­clays, die für 2020 ei­nen Um­satz von vor­läu­fig ei­ner hal­ben Mil­li­ar­de Dol­lar in Aus­sicht stel­len. Die Er­folgs­chan­cen für ei­ne Zu­las­sung schät­zen sie auf 40%.

Der welt­gröss­te Bio­tech-Kon­zern Am­gen ist nicht nur reich an Li­qui­di­tät. Er hat auch ei­ne Rei­he viel­ver­spre­chen­der neu­er Wirk­stof­fe.

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