Mi­cro­soft kämpft

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - THORS­TEN RIEDL

Nächs­te Wo­che kommt ei­ne auf­ge­frisch­te Ver­si­on des Be­triebs­sys­tems Win­dows, dann folgt wohl ei­ne Um­struk­tu­rie­rung: Der Soft­ware­kon­zern muss Bo­den gut­ma­chen.

Der Soft­ware­kon­zern ver­sucht ei­ni­ges, schei­tert aber re­gel­mäs­sig – Um­bau steht be­vor

Wenn zwei Erz­ri­va­len sich ver­ei­nen, zeigt das vor al­lem: höchs­te Not. So ge­sche­hen die­se Wo­che im Fal­le von Mi­cro­soft und Ora­cle. Bei Ge­schäfts­kun­den be­kämp­fen sich die zwei gröss­ten Soft­ware­her­stel­ler der Welt ei­gent­lich bis aufs Mes­ser. In der Cloud ist da­mit jetzt Schluss: Ora­cle-Pro­gram­me sol­len über die Mi­cro­soft-Platt­form im In­ter­net lau­fen. Auch sonst zeigt sich Mi­cro­soft un­ge­wohnt of­fen. Wich­ti­ge Pro­gram­me des US-Kon­zerns gibt es bald un­ter den mo­bi­len Sys­te­men von App­le und Goog­le. Kon­zern­chef Ste­ve Ball­mer ist un­ter Zug­zwang: Wenn nichts pas­siert, fin­det die Zu­kunft oh­ne ihn statt.

Sei es der ra­sche Auf­stieg der klei­nen Net­book-Com­pu­ter oder der jüngs­te Er­folg von Ta­blets und Smart­pho­nes: Die wich­tigs­ten Tech­nik­t­rends der ver­gan­ge­nen Jah­re hat Mi­cro­soft ver­schla­fen. An­ders­wo zeigt der Soft­ware­kon­zern, dass ihm Be­dürf­nis­se der Kun­den ein Mys­te­ri­um sind. So hat Mi­cro­soft ge­ra­de erst nach mas­si­ven Pro­tes­ten der Kli­en­tel den On­li­ne­zwang bei der neu­en Spiel­kon­so­le Xbox One auf­ge­ho­ben. Ball­mer ist sich der Pro­ble­me be­wusst: In Kür­ze stellt er den Um­bau des Un­ter­neh­mens zu ei­ner «Ge­rä­te und Ser­vices»-Ge­sell­schaft vor.

Im jüngs­ten Ge­schäfts­be­richt vom ver­gan­ge­nen Ok­to­ber hat Ball­mer die­sen Schritt be­reits an­ge­kün­digt. Nun steht er nach Be­ra­tun­gen im engs­ten Kreis laut In­for­ma­tio­nen des Wall-Street-Jour­nalB­logs All­ThingsD kurz da­vor, den Um­bau of­fi­zi­ell be­kannt­zu­ge­ben. In­si­der er­war­ten «um­fas­sen­de Än­de­run­gen». Vie­le Top­ma­na­ger fürch­ten um ih­ren Job.

Nie­mand fühlt sich si­cher

Seit dem plötz­li­chen Ab­gang von Win­dows-Chef Ste­ven Si­n­ofs­ky kann sich nie­mand im Kon­zern mehr si­cher füh­len. Si­n­ofs­ky wur­de zeit­wei­se als Kron­prinz ge­han­delt – hat aber zu­letzt kei­nen gu­ten Job ge­macht. Er ver­ant­wor­tet den mie­sen Start von Win­dows 8. Die Win­dows-Spar­te ist nach wie vor die be­deu­tends­te im Kon­zern (vgl. Tex­te un­ten). Sie steht für gut ein Vier­tel des Um­sat­zes und das Gros des Ge­winns, auch wenn Mi­cro­soft die ge­nau­en Zah­len schul­dig bleibt. Die jüngs­te Ver­si­on des Be­triebs­sys­tems war al­ler­dings ei­ne her­be Ent­täu­schung.

Auch acht Mo­na­te nach dem Start der Ver­mark­tung ver­gan­ge­nen Herbst hat ein ver­schwin­dend klei­ner Pro­zent­teil der PCNut­zer Win­dows 8 in­stal­liert (vgl. Gra­fik). Selbst Win­dows XP, den Vor-Vor-Läu­fer der Soft­ware, ha­ben laut Da­ten von Net­mar­ket­s­ha­re noch zwölf­mal mehr Kun­den auf ih­rem Rech­ner. In der nächs­ten Wo­che soll die leicht ver­bes­ser­te Ver­si­on Win­dows 8.1 auf der haus­ei­ge­nen Ent­wick­ler­kon­fe­renz vor­ge­stellt wer­den. Ei­nen Schub kön­ne die künf­ti­ge Soft­ware dem schwä­cheln­den PCMarkt al­ler­dings nur in Kom­bi­na­ti­on mit neu­en, güns­ti­ge­ren Ge­rä­ten brin­gen, schreibt Bar­clays-Ana­lyst Rai­mo Len­schow in ei­ner Ein­schät­zung.

Re­ges Trei­ben be­legt die Not

Das Wachs­tum über Win­dows hin­aus wird für Mi­cro­soft wich­ti­ger. So hat der Kon­zern ei­ne Ver­si­on der Of­fice-Soft­ware für die mo­bi­len Sys­te­me von Goog­le und App­le vor­ge­stellt. Lan­ge hat sich Ball­mer da­ge­gen ge­sträubt. Das ei­ge­ne mo­bi­le Win­dows-Sys­tem hinkt den Ri­va­len aber hin­ter­her. Nichts scheint mehr un­denk­bar: In den ver­gan­ge­nen Ta­gen wur­de be­kannt, dass es Ge­sprä­che zwi­schen Mi­cro­soft und No­kia über den Kauf der Han­dy­Spar­te der Fin­nen ge­ge­ben hat. Zu­dem soll Mi­cro­soft an ei­nem Ama­zon-Klon ge­ar­bei­tet ha­ben. Auch die­ses Pro­jekt wird aber vor­erst nicht wei­ter­ver­folgt.

Das re­ge Trei­ben ist Be­leg für den Hand­lungs­druck, un­ter dem Mi­cro­soft steht. In­ves­to­ren sind in die­sem Jahr gut ge­fah­ren mit den Pa­pie­ren: Sie ver­zeich­nen ein Plus von mehr als 25% seit An­fang Jahr. Vor­erst sind die Ak­ti­en aus­ge­reizt. Seit Sep­tem­ber 2007 steht Ball­mer al­lein an der Spit­ze. Seit­her be­we­gen sich die Ti­tel seit­wärts. Er muss jetzt lie­fern.

Seit 2007 führt Ste­ve Ball­mer Mi­cro­soft oh­ne Bill Ga­tes. Die Ti­tel ten­die­ren seit­wärts.

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