Die Sa­nie­rung der Al­ters­vor­sor­ge ist nicht gra­tis

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - PE­TER MORF

Re­vi­sio­nen der So­zi­al­ver­si­che­run­gen ha­ben es in der Schweiz schwer. Das gilt auch für das Pro­gramm «Al­ters­vor­sor­ge 2020», das auf viel­fäl­ti­gen Wi­der­stand stösst. Al­ler­dings drängt die Zeit – die­ser An­lauf zur Sa­nie­rung darf nicht schei­tern.

Die Schweiz ver­fügt über ein gu­tes, gross­zü­gi­ges und ent­spre­chend teu­res Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit. Trotz des ho­hen Aus­ba­uni­veaus muss es im­mer wie­der an das sich ver­än­dern­de Um­feld an­ge­passt wer­den. Die ak­tu­el­len Her­aus­for­de­run­gen be­tref­fen zwei Me­ga­trends: die Al­te­rung der Be­völ­ke­rung und die an­hal­ten­de Schwie­rig­keit, an den Fi­nanz­märk­ten ei­ne ge­nü­gend ho­he Ren­di­te auf den an­ge­leg­ten Gel­dern zu er­zie­len.

Zugleich zeigt sich, dass die not­wen­di­gen Re­vi­sio­nen po­li­tisch im­mer schwie­ri­ger um­zu­set­zen sind. So ist die Sen­kung des Um­wand­lungs­sat­zes in der zwei­ten Säu­le von 6,8 auf 6,4% im Jahr 2010 vom Volk mit ei­nem Mehr von fast drei Vier­teln ab­ge­lehnt wor­den. Im sel­ben Jahr hat die un­hei­li­ge Al­li­anz von SP und SVP im Par­la­ment die 11. AHV-Re­vi­si­on ver­senkt. Und in der ab­ge­lau­fe­nen Som­mer­ses­si­on ha­ben die Rä­te den als Spar­vor­la­ge kon­zi­pier­ten zwei­ten Teil der 6. IV-Re­vi­si­on ab­ge­lehnt – und ge­fähr­den die Sa­nie­rung der IV.

Ent­ge­gen­ge­setz­te Kri­ti­ken

Ent­spre­chend schwer wird es auch die am ver­gan­ge­nen Frei­tag von In­nen­mi­nis­ter Alain Ber­set vor­ge­stell­te Re­form «Al­ters­vor­sor­ge 2020» ha­ben (vgl. FuW Nr. 48 vom 22. Ju­ni). Die Lin­ke setzt sich ka­te­go­risch ge­gen je­de auch noch so klei­ne Ein­spa­rung zur Wehr und pro­pa­giert um­ge­kehrt ei­nen Aus­bau der Al­ters­vor­sor­ge. Da­bei macht sie sich kaum Ge­dan­ken dar­über, wie ih­re Wün­sche fi­nan­ziert wer­den sol­len und wel­che Aus­wir­kun­gen dies auf die Ge­samt­wirt­schaft ha­ben könn­te.

Den bür­ger­li­chen Par­tei­en und den Wirt­schafts­ver­bän­den ge­hen die ge­for­der­ten Mehr­ein­nah­men zu­guns­ten der Al­ters­vor­sor­ge zu weit. Aus­nah­men sind der Pen­si­ons­kas­sen­ver­band und der Ver­si­che­rungs­ver­band, die Bun­des­rat Ber­sets Plä­ne un­ter­stüt­zen.

Der In­nen­mi­nis­ter will die AHV und die be­ruf­li­che Vor­sor­ge (BVG) in ei­nem Pa­ket syn­chron re­vi­die­ren. Ein zen­tra­ler Pfei­ler ist die Ab­schaf­fung des fi­xen Ren­ten­al­ters, das durch ein Re­fe­ren­zal­ter er­setzt wer­den soll, ab dem An­spruch auf ei­ne vol­le Ren­te be­steht. Es soll auf 65 Jah­re für bei­de Ge­schlech­ter fi­xiert wer­den. Im Üb­ri­gen soll das Rück­tritts­al­ter zwi­schen 62 und 70 Jah­ren fle­xi­bi­li­siert wer­den. Da­bei sol­len An­rei­ze ge­schaf­fen wer­den, län­ger als bis 65 Jah­re zu ar­bei­ten. Das ef­fek­ti­ve Rück­zugs­al­ter be­trägt heu­te für die Män­ner 64,1 Jah­re und für die

Die Sa­nie­rung der AHV kann nicht aus­schliess­lich über Spar­mass­nah­men er­reicht wer­den.

Frau­en 62,2. Früh­pen­sio­nie­run­gen ha­ben ei­ne ver­si­che­rungs­tech­ni­sche Ren­ten­kür­zung zur Fol­ge, spä­te­re ei­ne ent­spre­chend hö­he­re Ren­te. Neu soll auch die Mög­lich­keit ei­ner Teil­pen­sio­nie­rung mit teil­wei­sem Ren­ten­be­zug ge­schaf­fen wer­den.

Der zwei­te zen­tra­le Punkt be­trifft die Sen­kung des Um­wand­lungs­sat­zes in der zwei­ten Säu­le von der­zeit 6,8 auf 6%. Da­bei sol­len Kom­pen­sa­ti­ons­mass­nah­men da­für sor­gen, dass das Leis­tungs­ni­veau er­hal­ten bleibt. Die­ser Schritt ist nö­tig und zugleich mu­tig, ist doch ei­ne ge­rin­ge­re Sen­kung des Sat­zes vor drei Jah­ren vom Volk wuch­tig ab­ge­lehnt wor­den. Er ist nicht nur we­gen der ste­tig stei­gen­den Le­bens­er­war­tung nö­tig, son­dern auch we­gen der im Trend sin­ken­den An­la­ge­ren­di­ten. So ha­ben Pen­si­ons­kas­sen mit kon­ser­va­ti­ver An­la­ge­po­li­tik in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren die nö­ti­ge Ren­di­te zur Fi­n­an- zie­rung des Um­wand­lungs­sat­zes von 6,8% nicht mehr er­reicht. Fol­ge ist ei­ne Um­ver­tei­lung zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen von Jung zu Alt, weil mit dem über­höh­ten Um­wand­lungs­satz Ren­ten aus­ge­zahlt wer­den müs­sen, die nicht von den Rent­nern selbst fi­nan­ziert sind, son­dern aus Bei­trä­gen der jün­ge­ren Ver­si­cher­ten. Das ist im Ka­pi­tal­de­ckungs­ver­fah­ren an sich un­zu­läs­sig.

Der drit­te wich­ti­ge Eck­wert ist die Ein­füh­rung ei­ner Schul­den­brem­se, hier als In­ter­ven­ti­ons­me­cha­nis­mus be­zeich­net. Das In­stru­ment hat sich in der Fi­nanz­po­li­tik auf Ebe­ne des Bun­des wie auch in ei­ni­gen Kan­to­nen sehr be­währt. Es soll durch ei­nen Au­to­ma­tis­mus ver­hin­dern, dass die Rech­nung chro­nisch ne­ga­tiv wird. Wenn ge­wis­se Grenz­wer­te über- bzw. un­ter­schrit­ten wer­den, löst dies au­to­ma­tisch Sta­bi­li­sie­rungs­mass­nah­men aus.

Kon­kret sind zwei Schwel­len vor­ge­se­hen: Wenn ab­seh­bar ist, dass der AHVAus­gleichs­fonds, das Ver­mö­gen der AHV, un­ter 70% ei­ner Jah­res­aus­ga­be sinkt, ist der Bun­des­rat ver­pflich­tet, Sa­nie­rungs­mass­nah­men ein­zu­lei­ten. Wird die Schwel­le trotz­dem un­ter­schrit­ten, wird der Bei­trags­satz um höchs­tens ei­nen Pro­zent­punkt er­höht, und die An­pas­sung der Ren­ten an den Misch­in­dex wird aus­ge­setzt. Die Mass­nah­men blei­ben in Kraft, bis der Stand von 70% wie­der er­reicht ist.

Der vier­te Pfei­ler be­steht in ei­ner Zu­satz­fi­nan­zie­rung für die AHV. Mit den Spar­mass­nah­men re­du­zie­ren sich die Kos­ten um rund 1,4 Mrd. Fr. Bis 2030 wird je­doch ein Fehl­be­trag von knapp 9 Mrd. Fr. jähr­lich er­war­tet. Da ei­ne Ren­ten­kür­zung als nicht op­por­tun er­ach­tet wird, soll das Loch mit dem Er­he­ben zu­sätz­li­cher fi­nan­zi­el­ler Mit­tel ge­stopft wer­den.

Da die Lohn­bei­trä­ge – sie wer­den schon zur Ab­fe­de­rung des nied­ri­ge­ren Um­wand­lungs­sat­zes in der zwei­ten Säu­le stei­gen – nicht wei­ter er­höht wer­den sol­len, schlägt Ber­set ei­ne Er­hö­hung der Mehr­wert­steu­er vor. Grund­sätz­lich er­for­der­lich sind zwei zu­sätz­li­che Pro­zent­punk­te. Da­bei soll die Mehr­wert­steu­er auf In­kraft­tre­ten des Pa­kets, vor­aus­sicht­lich 2020, um ei­nen Pro­zent­punkt an­ge­ho­ben wer­den. Der zwei­te soll spä­ter, nach Be­darf, hin­zu­kom­men.

Um­strit­te­ne Mehr­ein­nah­men

An die­sem Punkt vor al­lem ent­zün­den sich die Kri­ti­ken der bür­ger­li­chen Par­tei­en und der Ver­bän­de. Das Ver­hält­nis zwi­schen Spar­mass­nah­men und Zu­satz­fi­nan­zie­rung ist in der Tat un­aus­ge­gli­chen. Vom er­war­te­ten Loch von rund 9 Mrd. Fr. sol­len nur 1,4 Mrd. Fr. auf der Aus­ga­ben­sei­te kom­pen­siert wer­den. Als Al­ter­na­ti­ve wird ei­ne Er­hö­hung des Ren­ten­al­ters für al­le auf 66 oder gar 67 Jah­re ge­for­dert.

Klar ist al­ler­dings, dass die Sa­nie­rung der AHV aus­schliess­lich über Spar­mass­nah­men kaum zu be­werk­stel­li­gen ist. Das er­war­te­te De­fi­zit von 9 Mrd. Fr. ent­spricht fast ei­nem Vier­tel der Jah­res­aus­ga­be 2012 von knapp 39 Mrd. Fr. Ent­spre­chen­de Spar­mass­nah­men hät­ten nicht zu ver­ant­wor­ten­de Ren­ten­kür­zun­gen zur Fol­ge. Es braucht al­so ei­nen Mix von Spar­mass­nah­men und Mehr­ein­nah­men. Da­bei ist ei­ne Er­hö­hung der Mehr­wert­steu­er zu­sätz­li­chen Lohn­pro­zen­ten klar vor­zu­zie­hen.

In der be­vor­ste­hen­den De­bat­te darf zu­dem nicht ver­ges­sen wer­den, dass der Zeit­druck hoch ist. In der AHV wird das Um­la­ge­er­geb­nis in ei­nem oder zwei Jah­ren ne­ga­tiv – und wird es dann blei­ben. Das De­fi­zit kann dann et­wa bis 2020 über die Ka­pi­tal­er­trä­ge fi­nan­ziert wer­den. Im BVG dürf­ten die Pro­ble­me schon vor­her akut wer­den, vie­le Kas­sen zah­len be­reits jetzt nicht fi­nan­zier­te Ren­ten aus und ver­fü­gen über zu ge­rin­ge Wert­schwan­kungs­re­ser­ven. Die Stoss­rich­tung der «Al­ters­vor­sor­ge 2020» stimmt. Das heisst nicht, dass das Pa­ket nicht noch mo­di­fi­ziert wer­den kann – aber es darf auf kei­nen Fall schei­tern.

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