Das Dik­tat der No­ten­ban­ken

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - THO­MAS STRAUB­HAAR

Die Po­li­tik des bil­li­gen Gel­des, der Kauf von Devisen oder lang­fris­ti­ge Li­qui­di­täts­kre­di­te der No­ten­ban­ken ha­ben Kre­dit­markt und Kre­dit­ver­sor­gung, al­so Kern und We­sen des Ka­pi­ta­lis­mus, aus­ser Kraft ge­setzt. Das ist das En­de des Ka­pi­ta­lis­mus.

Die No­ten­ban­ken re­gie­ren die Welt­wirt­schaft. Po­li­tisch le­gi­ti­miert, aber nicht wirk­lich de­mo­kra­tisch kon­trol­liert, be­stim­men sie nach ei­ge­nem Gut­dün­ken Zin­sen, Wech­sel­kur­se und da­mit die für Be­völ­ke­rung und rea­le Wirt­schaft mit Ab­stand wich­tigs­ten Prei­se. Hin­ter ge­schlos­se­nen Tü­ren wird de­bat­tiert, und am En­de wird ein Ur­teil ver­kün­det, das wie kei­ne an­de­re ma­kro­öko­no­mi­sche Ent­schei­dung das Le­ben der Men­schen be­stimmt, Er­war­tun­gen ver­än­dert, Bör­sen­wert schafft oder ver­nich­tet, Roh­stof­fe und Ener­gie ver­bil­ligt oder ver­teu­ert.

Im selbst­de­fi­nier­ten Not­fall he­beln Zen­tral­ban­ken ei­gen­mäch­tig Ver­fas­sun­gen und Sat­zun­gen aus. Viel­leicht nicht de iu­re, aber de fac­to. Denn höchs­tens un­ter Rechts­ge­lehr­ten mag es ein span­nen­der, je­doch abs­trak­ter Streit sein, ob die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) ih­re Kom­pe­ten­zen über­schrit­ten hat, als sie den von pri­va­ten Ka­pi­tal­märk­ten prak­tisch ab­ge­schnit­te­nen Mit­glied­staa­ten ei­ne Re­fi­nan­zie­rung ih­rer Kre­di­te er­mög­lich­te. Un­s­trit­tig ist, dass die EZB fak­tisch ge­gen Wil­len und Ab­sicht des Ge­setz­ge­bers ver­stos­sen hat. Wohl rich­ti­ger­wei­se und hof­fent­lich mit Er­folg. Aber halt eben doch oh­ne po­li­ti­sches Man­dat und jen­seits von Treu und Glau­ben.

Welt­weit ha­ben die No­ten­ban­ken das Ge­setz des Han­delns über­nom­men. Die Po­li­tik kann nur im Nach­hin­ein die ge­schaf­fe­nen Tat­sa­chen ak­zep­tie­ren. Selbst Ver­fas­sungs­ge­rich­te, die das Ver­hal­ten öf­fent­lich-recht­li­cher Ak­teu­re kon­trol­lie­ren, kor­ri­gie­ren und sank­tio­nie­ren sol­len, kön­nen die Faust nur in der Ta­sche bal­len. Auch und viel­leicht so­gar vor al­lem, weil na­tio­na­le Ge­rich­te oft nicht mehr zu­stän­dig sind. Et­wa wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karlsruhe über die Recht­mäs­sig­keit des Han­delns der EZB be­fin­den soll. Das Er­geb­nis kann höchs­tens ei­ne Kla­ge am Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof, nicht aber ein bin­den­des Ur­teil für die EZB sein.

Ver­fäl­schen­de und ver­zer­ren­de Ef­fek­te

Nicht nur in Eu­ro­pa do­mi­niert die Geld­po­li­tik der EZB stär­ker als al­les an­de­re die La­ge und die Ent­wick­lung der Wirt­schaft. In den USA und Grossbritannien sol­len nied­ri­ge Zin­sen die pri­va­te Ver­schul­dung bil­lig ma­chen. So kön­nen sich Ver­brau­cher Kon­sum auf Pump leis­ten, und In­ves­to­ren sind in der La­ge, auch ren­di­te­schwä­che­re In­ves­ti­tio­nen güns­tig zu fi­nan­zie­ren. In Kauf ge­nom­men wird, dass durch ei­ne Po­li­tik des bil­li­gen Gel­des re­al­wirt­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen, be­son­ders An­ge­bot von und Nach­fra­ge nach Ar­beit und da­mit Lohn­ver­hält­nis­se, ver­zerrt und da­durch ver­fälscht wer­den.

In Chi­na und Ja­pan ver­fol­gen die Re­gie­run­gen mit der No­ten­bank­pres­se ei­ne Wech­sel­kurs­po­li­tik. Ge­nau­so macht es die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank, die ei­nen Min­dest­kurs des Fran­kens zum Eu­ro fest­ge­legt hat. Die hei­mi­sche Wäh­rung soll ge­gen­über den Wäh­run­gen der Han­dels­part­ner künst­lich ab­ge­wer­tet wer­den. Das sti­mu­liert Ex­por­te und ver­teu­ert Im­por­te. Die Ab­wer­tung wirkt wie ein Zoll auf aus­län­di­schen Pro­duk­ten. Sie schützt in- län­di­sche Un­ter­neh­men vor aus­län­di­scher Kon­kur­renz. Nicht nur dass da­mit Ge­gen­re­ak­tio­nen und als Fol­ge ein für al­le teu­rer Wech­sel­kurs­krieg pro­vo­ziert wer­den, der am En­de weit mehr Ver­lie­rer als Ge­win­ner hin­ter­lässt – auch oh­ne Es­ka­la­ti­on wirkt ei­ne Wech­sel­kurs­po­li­tik pro­tek­tio­nis­tisch. Sie ver­hin­dert ei­ne ef­fi­zi­en­te Ar­beits­tei­lung.

Das Dik­tat der No­ten­ban­ken hat mitt­ler­wei­le da­zu ge­führt, dass welt­weit die Zin­sen über so lan­ge Zeit auf so nied­ri­gem Ni­veau lie­gen wie noch nie in der jün­ge­ren Wirt­schafts­ge­schich­te. Kurz­fris­tig zeigt sich, dass die Nied­rig­zins­po­li­tik durch­aus ih­re von Land zu Land un­ter­schied­li­chen Zie­le er­reicht. An­ge­führt von den USA und Süd­ost­asi­en steht die Welt­wirt­schaft vor ei­nem kon­junk­tu­rel­len Auf­schwung. Die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft fin-

Die Geld­la­wi­ne zer­stört die Knapp­heits­si­gna­le der rea­len Gü­ter-, Ar­beits­und In­ves­ti­ti­ons­märk­te.

det, wenn auch nur lang­sam, zu hö­he­ren Wachs­tums­ra­ten zu­rück, die Ar­beits­lo­sen­quo­te sinkt. So­wohl Chi­na wie Ja­pan sind mit ei­ner Ab­wer­tungs­stra­te­gie zu­las­ten der üb­ri­gen Welt durch­aus er­folg­reich. Und selbst in Eu­ro­pa gibt es ers­te An­zei­chen ei­ner Bes­se­rung. Of­fen­bar wirkt die ex­pan­si­ve EZB-Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie ei­ner Flucht nach vor­ne so über­zeu­gend, dass die Ri­si­ko­prä­mi­en in­ner­halb des Eu­ro­raums sin­ken. Auch die SNB kann zu­frie­den sein. Muss­te sie zur Si­che­rung des Min­dest­kur­ses des Fran­kens ge­gen­über dem Eu­ro zu­nächst enor­me Eu­ro­men­gen kau­fen, hat sich die Si­tua­ti­on in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten sta­bi­li­siert.

En­de gut, al­les gut? Recht­fer­ti­gen die of­fen­bar po­si­ti­ven Er­geb­nis­se der Geld­po­li­tik das Dik­tat der No­ten­ban­ken? Die Krux liegt dar­in, dass mit ei­ner Wech­sel­kur­so­der ei­ner Nied­rig­zins­po­li­tik nur die Sym­pto­me der Kri­se (hof­fent­lich) er­folg­reich be­kämpft wer­den, nicht je­doch die Ur­sa­chen. Die Struk­tur­pro­ble­me blei­ben vor­erst be­ste­hen. Des­halb sind die Er­fol­ge von heu­te nicht nach­hal­tig. Man hat al­lein die An­pas­sungs­kos­ten und vor al­lem ih­re Ver­tei­lung zwi­schen Gläu­bi­gern und Schuld­nern, Ban­ken und Staa­ten, Reich und Arm, Ka­pi­tal und Ar­beit von heu­te auf mor­gen ver­la­gert. Das mag für die Ge­gen­wart güns­tig sein. Ist es aber auch für kom­men­de Ge­ne­ra­tio­nen rich­tig? Darf und soll ei­ne so weit­rei­chen­de Ent­schei­dung dar­über, wer wann wel­che An­pas­sungs­kos­ten zu tra­gen hat, von ei­ner No­ten­bank ge­trof­fen wer­den?

Die gi­gan­ti­schen Wech­sel­kurs­ma­ni­pu­la­tio­nen durch die No­ten­ban­ken und die Nied­rig­zins­po­li­tik zwin­gen Be­völ­ke­rung und Un­ter­neh­men zu eben­so ge­wal­ti­gen Re­ak­tio­nen. Die Geld­la­wi­ne zer­stört die Knapp­heits­si­gna­le der rea­len Gü­ter-, Ar­beits- und In­ves­ti­ti­ons­märk­te. Ver­mö­gen fliesst in Sach­wer­te. Spa­rer müs­sen ih­re An­la­gen um­schich­ten, um nicht auf kal­tem Weg re­al ent­eig­net zu wer­den. Die Geld­po­li­tik hat sich von der Re­al­wirt­schaft ge­löst. Die Ver­viel­fa­chung der Zen­tral­bank­geld­men­gen hat nichts mehr mit den Ve­rän­de­run­gen der rea­len Wirt­schaft zu tun. Lang­fris­ti­ge Ver­hal­tens­re­geln des Mo­ne­ta­ris­mus und der Geld­wirt­schaft sind aus­ser Kraft ge­setzt.

Der Ka­pi­ta­lis­mus lebt vom Ver­spre­chen po­si­ti­ver Ef­fek­te der Ka­pi­tal­bil­dung, al­so dass es sich lohnt, heu­te zu spa­ren, um mor­gen mit Zins und Zin­ses­zins be­lohnt zu wer­den und ins­ge­samt mehr zu ha­ben. In ei­ner Null-Pro­zent-Zins-Welt wer­den nicht nur die rea­len Ren­di­ten schnell ein­mal ne­ga­tiv. Auch die no­mi­nel­len Zin­sen kön­nen un­ter null sin­ken – so ge­sche­hen bei der Aus­ga­be deut­scher oder schwei­ze­ri­scher Staats­an­lei­hen mit kur­zer Lauf­zeit. Dann wer­den Spa­rer be­straft statt be­lohnt.

Di­ri­gis­mus statt Markt­wirt­schaft

Was die Geg­ner des Ka­pi­ta­lis­mus nicht ver­moch­ten, schaf­fen nun die No­ten­ban­ken: Das Kre­dit­we­sen wird prak­tisch ver­staat­licht. Die Po­li­tik des bil­li­gen Gel­des, der Kauf von Devisen oder lang­fris­ti­ge Li­qui­di­täts­kre­di­te der No­ten­ban­ken ha­ben Kre­dit­markt und Kre­dit­ver­sor­gung, al­so Kern und We­sen des Ka­pi­ta­lis­mus, aus­ser Kraft ge­setzt. Das ist, man muss es so hart for­mu­lie­ren, das En­de des Ka­pi­ta­lis­mus und der An­fang ei­ner di­ri­gis­ti­schen Staats­po­li­tik, be­trie­ben durch die Zen­tral­ban­ken. Das gilt selbst dann, wenn die No­ten­ban­ken nicht wei­sungs­ge­bun­den, son­dern weit­ge­hend un­ab­hän­gig sind.

Ei­ne durch die No­ten­ban­ken ge­lenk­te Staats­wirt­schaft kann in Not­la­gen durch­aus er­folg­reich sein. Viel­leicht ist sie in schwie­ri­gen und un­si­che­ren Zei­ten, in de­nen es das Er­be ei­nes fehl­ge­lei­te­ten Ka­si­no­ka­pi­ta­lis­mus auf­zu­ar­bei­ten gilt, so­gar die ein­zi­ge wirk­lich ver­nünf­ti­ge Lö­sung. Den­noch darf das Feld der Wirt­schafts­po­li­tik nicht auf Dau­er dem Dik­tat der No­ten­ban­ken über­las­sen blei­ben.

Es ist an der Zeit, das Pos­tu­lat der po­li­ti­schen Un­ab­hän­gig­keit der No­ten­ban­ken zu hin­ter­fra­gen. Es geht um zu viel, um das geldpolitische Han­deln Ent­schei­dungs­me­cha­nis­men zu über­las­sen, die zur heu­ti­gen Kri­se we­sent­lich mit bei­ge­tra­gen ha­ben. Den No­ten­ban­ken sind die Hän­de durch fes­te Re­geln eng zu bin­den. Sie sol­len nur durch Zu­stim­mung po­li­ti­scher Gre­mi­en ver­än­dert und im Not­fall ge­bro­chen wer­den kön­nen. Ei­gen­mäch­ti­ge Al­lein­gän­ge der No­ten­ban­ken darf es nicht mehr ge­ben. No­ten­ban­ker sol­len aus­füh­ren­de Tech­no­kra­ten, nicht ge­stal­ten­de Ad­ler oder Fal­ken und schon gar nicht my­then­um­rank­te Gu­rus sein. Die Zu­kunft des Geld­we­sens ge­hört zu­rück in das Feld der Po­li­tik, in die Ge­walt de­mo­kra­tisch ge­wähl­ter Re­gie­run­gen und Par­la­men­te, die den Wil­len und die be­trof­fe­ne Be­völ­ke­rung ver­tre­ten.

Tho­mas Straub­haar ist Pro­fes­sor für Wirt­schafts­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Hamburg und Lei­ter des HW­WI.

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