Ver­hand­lun­gen noch vor Fer­ra­go­s­to

Finanz und Wirtschaft - - FINANZ - MO­NI­CA HEGG­LIN

Ita­li­en be­reit zu Ge­sprä­chen über bi­la­te­ra­le Fra­gen – Neue Steue­rungs­grup­pe nö­tig

Noch vor Mit­te Au­gust, wenn un­ser süd­li­ches Nach­bar­land in som­mer­li­che Lethar­gie fällt, könn­ten die Schweiz und Ita­li­en den bi­la­te­ra­len Dia­log in Fi­nanz- und Steu­er­fra­gen wie­der auf­neh­men. Dies er­klär­te Ma­rio Tu­or, der Spre­cher des Staats­se­kre­ta­ri­ats für Fi­nanz­fra­gen (SIF), ge­gen­über der FuW. Ge­gen­wär­tig ist man da­bei, die Ver­hand­lungs­ter­mi­ne fest­zu­le­gen.

Wäh­rend die Sa­che ein­fa­cher ge­wor­den scheint, seit Ita­li­en wie­der über ei­ne hand­lungs­fä­hi­ge Re­gie­rung ver­fügt, sind schwei­ze­ri­scher­seits zwei Nüs­se zu kna­cken. Staats­se­kre­tär Micha­el Am­bühl tritt sei­ne neue Stel­le als Do­zent an der ETH am 1. Sep­tem­ber an. Der Bun­des­rat muss al­so ers­tens ei­nen Nach­fol­ger be­stim­men, der al­len­falls auch die Steue­rungs­grup­pe im kom­ple­xen Ita­li­en­dos­sier lei­tet. Vor der Som­mer­pau­se gibt es aber nur noch zwei Bun­des­rats­sit­zun­gen. Wo­bei nicht ge­sagt ist, dass Am­bühls Nach­fol­ger auch der Ita­li­en-Un­ter­händ­ler sein muss. SIF-Spre­cher Tu­or woll­te sich nicht da­zu äus­sern. Auch muss die Re­gie­rung zwei­tens fest­le­gen, ob die Schwei­zer Un­ter­händ­ler al­len­falls ein ver­än­der­tes Man­dat er­hal­ten sol­len, denn die­ses be­zieht sich ge­gen­wär­tig nur auf ei­ne Ab­gel­tungs­steu­er.

Geld und In­for­ma­tio­nen

Ei­ne an­ony­me Qu­el­le aus dem ita­lie­ni­schen Schatz­amt er­klär­te der Agen­tur Reu­ters, die bi­la­te­ra­len Ver­hand­lun­gen wür­den im «eu­ro­päi­schen Rah­men» der Dis­kus­si­on über den au­to­ma­ti­schen In­for­ma­ti­ons­aus­tausch statt­fin­den. Zwar sag­te der ita­lie­ni­sche Pre­mier En­ri­co Let­ta ge­gen­über Jour­na­lis­ten letz­te Wo­che, es sei der rich­ti­ge Mo­ment für Ver­hand­lun­gen ge­kom­men. Wor­über die Ita­lie­ner mit den Schwei­zern ge­nau ver­han­deln wol­len, weiss Bern nicht, denn of­fi­zi­ell ha­be die ita­lie­ni­sche Sei­te nichts ge­sagt, heisst es aber beim SIF. Die Schwei­zer Stra­te­gie für die Be­steue­rung aus­län­di­scher Ver­mö­gen bei Schwei­zer Ban­ken ba­siert auf dem Prin­zip der Qu­el­len­be­steue­rung mit ab­gel­ten­der Wir­kung. Als das Ver­hand­lungs­man­dat vom Bun­des­rat im ver­gan­ge­nen Au­gust ver­ab­schie­det wur­de, hat­ten sich die bei­den Staa­ten auf fünf The­men­schwer­punk­te ge­ei­nigt: Re­gu­la­ri­sie­rung von Ver­mö­gens­wer­ten ita­lie­ni­scher Steu­er­pflich­ti­ger in der Schweiz und Qu­el­len­steu­er auf künf­ti­gen Ka­pi­tal­er­trä­gen, Markt­zu­tritt, Re­vi­si­on des Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­mens, ita­lie­ni­sche schwar­ze Lis­ten und Grenz­gän­ger­be­steue­rung. Dass es da­bei blei­ben kann, scheint un­wahr­schein­lich.

Markt­zu­tritt via Eu­ro­pa

Wie der Bru­n­et­ti-Be­richt zur Finanzplatzstrategie fest­hält, ist «die wich­tigs­te Prä­mis­se für je­den all­fäl­li­gen Schritt in Rich­tung au­to­ma­ti­scher In­for­ma­ti­ons­aus­tausch, dass das Pro­blem der Alt­las­ten aus be­ste­hen­den un­ver­steu­er­ten Ver­mö­gen auf Schwei­zer Ban­ken ge­löst wer­den kann.» Die Re­gu­la­ri­sie­rung der Ver­gan­gen­heit kann auf drei Ar­ten ge­sche­hen: im Rah­men ei­nes bi­la­te­ral ver­ein­bar­ten Re­gu­la­ri­sie­rungs­pro­gramms, bei­spiels­wei­se ei­ner Ab­gel­tungs­steu­er, durch ein uni­la­te­ra­les Re­gu­la­ri­sie­rungs­pro­gramm des Part­ner­staa­tes (ei­ne neue Am­nes­tie hat Let­ta aus­ge­schlos­sen) oder durch Ver­jäh­rung. Je nach Qu­el­le geht man in Ita­li­en von 80 bis 150 Mrd. € un­ver­steu­er­tem ita­lie­ni­schem Geld in der Schweiz aus.

Ei­ne an­de­re Fra­ge ist, ob die Ban­ken das Er­geb­nis neu­er Ver­hand­lun­gen ab­war­ten. Es fah­ren mitt­ler­wei­le vor al­lem grös­se­re In­sti­tu­te zwei­glei­sig (on- und off­s­hore) und lö­sen zu­min­dest die Markt­zu­tritts­fra­ge auf ih­re Wei­se. Die Gross­ban­ken UBS und Cre­dit Suis­se sind schon über zehn Jah­re in Ita­li­en ons­hore, Ju­li­us Bär for­cier­te die Ons­hore-Stra­te­gie vor ei­ni­gen Jah­ren. Nun hat auch die zum Ge­ne­ra­li-Kon­zern ge­hö­ren­de BSI ge­han­delt und ih­re lu­xem­bur­gi­sche Toch­ter­ge­sell­schaft von BSI Lu­xem­burg in BSI Eu­ro­pe um­be­nannt. «Hier­in spie­gelt sich die stra­te­gi­sche Neu­ori­en­tie­rung der Grup­pe», hiess es an der Me­di­en­kon­fe­renz im Früh­jahr. BSI, die ih­ren Haupt­sitz in Lu­ga­no hat, wer­de von Lu­xem­burg aus den «eu­ro­päi­schen Pass» nut­zen, um sich zu ei­nem eu­ro­päi­schen Kom­pe­tenz­zen­trum zu ent­wi­ckeln. «Ei­nen ers­ten wich­ti­gen Schritt in die­se Rich­tung stellt die kürz­lich er­hal­te­ne Bank­li­zenz dar, die der BSI Eu­ro­pe die Auf­nah­me ei­ner di­rek­ten Ge­schäfts­tä­tig­keit in Ita­li­en er­laubt.» Da­mit wird die BSI-Grup­pe 2013 nach vie­len Jah­ren wie­der mit ei­ner Bank in Ita­li­en prä­sent sein. Gut für die Ban­ken, nicht un­be­dingt ein Ge­winn für den Schwei­zer Fi­nanz­platz.

Blo­cka­de lö­sen

Die Ent­wick­lung ist ei­ne Fol­ge un­er­freu­li­cher Schwie­rig­kei­ten. Nach drei Scu­di (Steu­er­am­nes­ti­en) ist zwar ein gu­ter Teil des ita­lie­ni­schen Gel­des in der Schweiz ver­steu­ert. Den­noch ist es ei­ne Her­aus­for­de­rung ge­blie­ben, das Off­s­hore-Ge­schäft in Über­ein­stim­mung mit dem ita­lie­ni­schen Recht zu be­trei­ben. Die An­trä­ge von Schwei­zer Ban­ken (es wa­ren rund zehn) auf ei­ne Bewilligung für das grenz­über­schrei­ten­de Ge­schäft lie­gen seit mehr als drei Jah­ren bei der Zen­tral­bank auf Eis.

Die so­ge­nann­te LPS-Li­zenz (Li­be­ra Pre­sta­zio­ne di Ser­vi­zio) wür­de es ei­ner Bank er­lau­ben, von der Schweiz aus (Cross Bor­der) in ge­wis­sem Um­fang in Ita­li­en Be­ra­tungs­dienst­leis­tun­gen für be­ste­hen­de Kun­den zu er­brin­gen, was ei­ne gros­se Er­leich­te­rung wä­re. Doch die Sa­che ist blo­ckiert. Ein­zig die Cre­dit Suis­se soll über ei­ne LPS ver­fü­gen.

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