ABB-Ak­ti­en im Markt­kon­text

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - AL­FONS COR­TÉS

Zu den be­son­de­ren Per­len der Li­te­ra­tur zum The­ma Ban­ken und Bör­sen zäh­len die ge­sam­mel­ten Wer­ke von Wal­ter Ba­gehot, der in sei­nem 1857 er­schie­ne­nen Trak­tat «The Ge­ne­ral As­pects of the Ban­king Ques­ti­on» schreibt: «Wie zu zäh­len, wis­sen sie, was zu zäh­len, nicht.» Das mag sar­kas­tisch klin­gen, im Kon­text des ge­sam­ten Tex­tes ist es je­doch nicht.

Ba­gehot rich­tet den Fin­ger auf ei­nen Sach­ver­halt, der bis heu­te gilt und Zeug­nis der Kom­ple­xi­tät des Sys­tems ab­legt: Es gibt kei­ne sta­bi­len Kor­re­la­tio­nen an den Fi­nanz­märk­ten. Des­halb wis­sen wir a prio­ri nicht, was wir zäh­len sol­len. Wir kön­nen nur über die Ve­rän­de­rungs­ra­te der re­la­ti­ven Prei­se die Spur auf­neh­men, die zum Ver­steck der Bä­ren und der Bul­len führt. Neh­men wir die Zin­sen und kon­zen­trie­ren uns auf das lan­ge En­de. Nicht im­mer re­agie­ren die Ak­ti­en­kur­se ne­ga­tiv auf stei­gen­de lang­fris­ti­ge Zin­sen. Ein Bei­spiel un­ter vie­len: Von März 2009 bis März 2010 leg­te der S&P 500 rund 50% zu. Die Zin­sen für dreis­sig­jäh­ri­ge Staats­an­lei­hen der USA stie­gen in der­sel­ben Zeit von 3,5 auf 4,5%, die für zehn­jäh­ri­ge An­lei­hen von 3 auf 4%.

Zin­sen als Auf­hän­ger

Die Un­ru­he an den Ak­ti­en­märk­ten ist die­ses Jahr zeit­gleich mit dem Be­ginn ei­nes pri­mä­ren Ab­wärts­trends der Staats­an­lei­hen aus­ge­bro­chen. Der dreis­sig­jäh­ri­ge T-Bond-Fu­tures er­reicht sein Höchst am 25. Ju­li 2012, wäh­rend der S&P 500 bei 1338,31 no­tier­te. Als der S&P 500 am 21. Mai auf 1696,16 stand, lag der dreis­sig­jäh­ri­ge T-Bond-Fu­tures 5,8% un­ter sei­nem Höchst. Der­zeit no­tiert er 12% dar­un­ter, der S&P 500 stand am Frei­tag 5,6% un­ter dem im Mai er­reich­ten his­to­ri­schen Höchst­kurs.

Die stei­gen­den Zin­sen bo­ten ei­nen gu­ten Auf­hän­ger, um ei­nen kurz­fris­tig über­kauf­ten Ak­ti­en­markt zu ver­kau­fen. Wer­den sie ei­nen Bä­ren­markt aus­lö­sen? In den letz­ten zwei Ko­lum­nen nahm ich die Po­si­ti­on ein, dass Sto­xx 600 und SMI sich in Kor­rek­tu­ren be­fin­den, nicht aber in Bä­ren­märk­ten. Die­ser Auf­fas­sung bin ich heu­te noch. Sie gilt auch für den S&P 500. Bä­ren­märk­te dau­ern lan­ge, fe­gen bis­he­ri­ge Pa­ra­dig­men weg, schaf­fen neue. Sie sind wie Re­vo­lu­tio­nen. Kor­rek­tu­ren dau­ern nur ein paar Mo­na­te, kön­nen schmerz­lich sein, dre­hen aber schnell wie­der nach oben, um un­ter der all­ge­mei­nen Fest­stel­lung auf­zu­at­men, dass al­te Pa­ra­dig­men doch nicht ver­wor­fen wur­den. Das ent­sprä­che dann wohl der Fest­stel­lung, auch ge­stie­ge­ne lang­fris­ti­ge Zin­sen sei­en im­mer noch nied­ri­ge Zin­sen im Ver­gleich zu den Be­wer­tun­gen an den Ak­ti­en­märk­ten.

Un­ter­schei­den in der Pra­xis

Die Un­ter­schei­dung zwi­schen Bä­ren­märk­ten und Kor­rek­tu­ren hat ei­ne prak­ti­sche Be­deu­tung. In Bä­ren­märk­ten emp­feh­le ich, das Ak­ti­en­port­fo­lio mit dem Leer­ver­kauf von In­dex-Fu­tures ab­zu­si­chern oder al­le Ak­ti­en zu ver­kau­fen. In Kor­rek­tur­pha­sen wer­den re­la­tiv schwa­che Ak­tie ver­kauft. Man­gels Kauf­si­gna­len für an­de­re Ti­tel bleibt der Er­lös auf dem Kon­to lie­gen, wo­durch die Ak­ti­en­quo­te sich au­to­ma­tisch re­du­ziert, bis Kauf­si­gna­le ent­ste­hen.

ABB ist ei­ne der Ak­ti­en, die ver­kauft wer­den soll­ten. Seit Fe­bru­ar 2013 ver­liert sie an re­la­ti­ver Stär­ke zu SMI, DJ Sto­xx 600 und DJ Sto­xx 600 In­dus­tri­als. Ich neh­me die­se Ge­le­gen­heit wahr, um zu wie­der­ho­len, dass tech­ni­sche Ana­ly­se haupt­säch­lich für die Ana­ly­se des Kon­texts, in dem In­ves­ti­ti­ons­ent­schei­de zu­guns­ten oder zu­un­guns­ten ge­wis­ser An­la­ge­ka­te­go­ri­en ge­fällt wer­den, ein­ge­setzt wer­den soll­te. Die At­trak­ti­vi­tät ein­zel­ner Ak­ti­en soll­te an ih­rem re­la­ti­ven Ver­hal­ten zur ge­wähl­ten Mess­lat­te fest­ge­macht und nicht iso­liert be­trach­tet wer­den. Die­sen Test be­ste­hen die ABBAk­ti­en nicht mehr.

Die Mei­nung des Au­tors muss nicht mit je­ner der Re­dak­ti­on über­ein­stim­men.

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