Ban­ken­uni­on in Zeit­lu­pe

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - TOM­MA­SO MANZIN

Mit der har­mo­ni­sier­ten Ab­wick­lung ist das Pro­jekt der EU-Ban­ken­uni­on an ei­nem Punkt, an dem das Mo­dell der Kom­pro­miss­su­che an sei­ne Gren­zen stos­sen könn­te.

Ban­ken müs­sen in ei­ner Kri­se un­ter­ge­hen kön­nen, oh­ne das gan­ze Bank­we­sen mit­zu­reis­sen und oh­ne vom Steu­er­zah­ler die Ret­tung zu er­pres­sen. Wäh­rend der Kri­se wur­de das Ka­pi­tal­hier­ar­chie­prin­zip aus Furcht vor An­ste­ckung im Ban­ken­sys­tem aus­ge­he­belt. So durf­te et­wa Ir­land vor­ran­gi­ge Gläu­bi­ger nicht an den Bank­ver­lus­ten be­tei­li­gen.

Am Mitt­woch ha­ben die EU-Fi­nanz­mi­nis­ter die Rang­fol­ge der Be­tei­li­gung an Ver­lus­ten eu­ro­pa­weit fest­ge­legt: zu­erst Ak­tio­nä­re, dann Ob­li­ga­tio­nä­re und Ein­la­gen über 100 000 €. Auf Druck Frank­reichs er­hal­ten die Mit­glied­staa­ten aber Gestal­tungs­spiel­raum. In der Spra­che des Markts: Es be­steht Un­si­cher­heit.

Po­li­tik sehr klei­ner Schrit­te

Die bis­he­ri­ge Ent­wick­lung der Ban­ken­uni­on ist in gu­ter EU-Ma­nier ei­ne Chro­nik von Kom­pro­mis­sen, die meist we­ni­ger lie­fern, als er­war­tet wur­de – doch nicht we­nig ge­nug, um ganz zu schei­tern. Noch im­mer bau­en die Ban­ken ih­re gar­gan­tu­es­ken Bi­lan­zen ab, wäh­rend ihr Ei­gen­ka­pi­tal an­ge­sichts der Schul­den noch kein so­li­des Fun­da­ment bie­tet. Die Fra­ge ist da­her, ob die­se Po­li­tik der sehr klei­nen Schrit­te rasch ge­nug zum Ziel führt – die nächs­te Kri­se kommt be­stimmt.

Nach­dem die Ban­ken­uni­on En­de Ju­ni 2012 be­schlos­sen wor­den war, wur­de im April die ge­mein­sa­me Auf­sicht durch die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) ab Mit­te 2014 aus der Tau­fe ge­ho­ben. Dies war be­reits ein Kom­pro­miss: Von der EZB di­rekt be­auf­sich­tigt wer­den sys­tem­kri­ti­sche Ban­ken, die gut 80% der Bi­lanz­sum­me al­ler Eu­ro-Ban­ken aus­ma­chen. Am Rand des EU-Gip­fels am Don­ners­tag hiess es zu­dem, das Da­tum ver­schie­be sich wohl in den Herbst.

Und mit ei­nem Kom­pro­miss geht es nun wei­ter bei den Ab­wick­lungs­re­geln: Zwar müs­sen min­des­tens 8% der Ver­lus­te über den Ein­be­zug der Gläu­bi­ger ge­tilgt wer­den, be­vor in die na­tio­na­len Ab­wick­lungs­fonds ge­grif­fen wer­den kann. Doch die Staa­ten kön­nen un­ter ge­wis­sen Be­din­gun­gen Kre­di­to­ren aus­neh­men.

Staa­ten dür­fen zu­dem nicht mehr als 5% der Ge­samt­ver­pflich­tun­gen ei­ner Bank aus der ei­ge­nen Ta­sche be­zah­len. Doch die Bi­lanz­sum­men der Gross­ban­ken über­schrei­ten in vie­len Län­dern die jähr­li­che Wirt­schafts­leis­tung (BIP). Ein Staat könn­te da­her ein Viel­fa­ches von 5% des BIP auf­wen­den, um ei­ne sys­te­misch re­le­van­te Bank zu ret­ten.

In der Fra­ge, ob der ESM Ban­ken di­rekt ka­pi­ta­li­sie­ren soll, wird noch im­mer um je­den Me­ter ge­kämpft.

Ein­mal mehr er­weist sich der eu­ro­päi­sche Ret­tungs­fonds ESM als Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt des po­li­ti­schen Wil­lens und der EU-ty­pi­schen Ent­schei­dungs­fin­dung. Ge­mäss dem fran­zö­si­schen Fi­nanz­mi­nis­ter Pier­re Mosco­vici soll der ESM im neus­ten Ent­scheid aus­drück­lich als Fi­nan­zie­rungs­quel­le der Ab­wick­lung ein­ge­schlos­sen sein. Wer aber er­war­tet hat­te, dass da­mit end­lich klar ist, ob und wann Eu­ro­ban­ken di­rekt vom ESM Ka­pi­tal er­hal­ten kön­nen, wird sich höchs­tens be­wusst, wie hier um je­den Me­ter ge­kämpft wird.

Als die Ban­ken­uni­on be­schlos­sen wur­de, for­der­te Deutsch­land, ihr ope­ra­ti­ver Rah­men müs­se ste­hen, be­vor der ESM die­se Kom­pe­ten­zen er­hal­te. Dass die bis­her ein­ge­schla­ge­nen Eck­pfei­ler – ge­mein­sa­me Auf­sicht und Ab­wick­lungs­re­geln – be­reits ei­ne ge­nü­gend ef­fek­ti­ve Struk­tur lie­fern, darf be­zwei­felt wer­den. Ei­nig­keit be­steht bis­her of­fen­bar le­dig­lich dar­über, dass al­le un­be­si­cher­ten An­lei­hen am Ver­lust be­tei­ligt sein müs­sen, be­vor der ESM ak­tiv wer­den kann.

ESM als Piè­ce de Ré­sis­tan­ce

Die Eu­ro­grup­pe hat sich am 21. Ju­ni auf ei­ne Ve­rän­de­rung des ESM-Ver­trags ge­ei­nigt, wo­nach 12% des Ka­pi­tals des Fonds für di­rek­te Ka­pi­tal­hil­fen an Ban­ken zur Ver­fü­gun­gen ste­hen. Soll­ten die 12% den Er­fül­lungs­grad der Be­din­gung aus deut­scher Sicht spie­geln, wird klar, wie weit der Weg noch sein wird, bis der ESM den Teu­fels­kreis – schwa­chen Staa­te, die schwa­che Ban­ken stüt­zen müs­sen – durch­bre­chen kann. Und selbst hier müs­sen die Par­la­men­te noch zu­stim­men.

Mit dem Ent­scheid vom Mitt­woch kann die Kom­mis­si­on nun zwar da­zu über­ge­hen, ein EU-wei­tes Ab­wick­lungs­sys­tem vor­zu­schla­gen. Nächs­te Wo­che will sie ei­nen Ge­setz­ent­wurf ver­ab­schie­den, der ei­ne en­ge­re Ver­zah­nung der na­tio­na­len Ab­wick­lungs­fonds vor­sieht.

An die­sem Punkt wird sich zei­gen, ob auf Lang­sam­keit Er­star­rung folgt: Deutsch­lands Fi­nanz­mi­nis­ter Schäu­b­le plä­diert da­für, mit ei­nem Netz­werk na­tio­na­ler Ab­wick­lungs­be­hör­den zu be­gin­nen und zur Schaf­fung ei­ner ge­mein­sa­men Be­hör­de die EU-Ver­trä­ge an­zu­pas­sen, was Jah­re in An­spruch näh­me. EZB-Di­rek­to­ri­ums­mit­glied Be­noît Co­eu­ré for­dert in­des ei­ne Ab­wick­lungs­be­hör­de auf EU-Ebe­ne mit Kom­pe­ten­zen und fi­nan­zi­el­len Res­sour­cen, ähn­lich der FDIC in den USA.

Am klars­ten ab­zu­zeich­nen scheint sich da­her, dass die Län­der ei­ge­ne Fonds für die Ab­wick­lung und den Ein­la­gen­schutz auf­bau­en müs­sen. Bleibt dies der stärks­te Pfei­ler der Ban­ken­uni­on, zahlt letzt­lich wie­der je­der Staat selbst für ab­zu­wi­ckeln­de Ban­ken. Ge­nau wie heu­te.

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