Heil­sa­mer Schock für Chi­nas Ban­ken

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - ERNST HERB

Chi­na will sei­ne zu stark von fremd­fi­nan­zier­ten In­ves­ti­tio­nen ab­hän­gi­ge Wirt­schaft für zu­künf­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen fit ma­chen. Die zweit­gröss­te Volks­wirt­schaft soll an­ders als bis noch vor kur­zem nicht mehr pri­mär quan­ti­ta­ti­ves, son­dern qua­li­ta­ti­ves Wachs­tum er­zeu­gen. Der Weg da­zu führt über ei­ne Re­struk­tu­rie­rung des Ban­ken­sek­tors, der wäh­rend Jah­ren über ag­gres­si­ve Kre­dit­ver­ga­be Wachs­tums­ra­ten von mehr als 10% er­mög­licht hat. Doch die von Pre­mier­mi­nis­ter Li Ke­qiang ver­ord­ne­te Ent­zie­hungs­kur hat den Pa­ti­en­ten in den ver­gan­ge­nen Ta­gen in ei­nen Schock­zu­stand ver­setzt.

Die Ban­ken ge­währ­ten sich ge­gen­sei­tig nur noch zu­rück­hal­tend Kre­di­te, was den In­ter­ban­ken­satz Shi­bor, der sich nor­ma­ler­wei­se auf 2 bis 3% be­läuft, zeit­wei­se auf über 13% stei­gen liess. Die Klem­me, die mitt­ler­wei­le durch das Ein­schies­sen von zu­sätz­li­cher Li­qui­di­tät und vor al­lem auch durch be­schwich­ti­gen­de Wor­te der No­ten­bank – der chi­ne­si­schen Volks­bank – über­wun­den ist, lös­te an den Fi­nanz­märk­ten Pa­nik aus; zeit­wei­se wur­de ei­ne ve­ri­ta­blen Ban­ken­kri­se be­fürch­tet.

Kei­ne ech­te Kre­dit­klem­me

Da­bei weist al­les dar­auf hin, dass es sich nicht um ei­ne sys­tem­ge­fähr­den­de Kre­dit­klem­me, son­dern um ei­nen tem­po­rä­ren Li­qui­di­täts­eng­pass han­del­te. Un­ter­neh­men, Ver­wal­tun­gen und Pri­vat­haus­hal­te ho­ben aus ver­schie­de­nen Grün­den in ei­nem Um­fang Geld ab, der grös­ser war als er­war­tet, was im Sys­tem Stress er­zeug­te. Doch an­ders, als das viel­leicht noch vor ei­nem Jahr der Fall ge­we­sen wä­re, liess die Re­gie­rung dies­mal den Markt­kräf­ten vor­erst frei­en Lauf. Das nor­ma­le Kre­dit­ge­schäft ist im Ju­ni mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit je­doch nicht ein­ge­bro­chen. Da­mit steht Chi­na auch nicht vor ei­ner Wirt­schafts­kri­se.

Be­mer­kens­wert war denn auch nicht der Schock, son­dern die Hef­tig­keit, mit der die Märk­te dar­auf re­agier­ten. Nichts zeigt das bes­ser als die un­ver­hoh­le­ne Kri­tik von Jiang Ji­an­qing, Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der des gröss­ten chi­ne­si­schen Fi­nanz­in­sti­tuts, der In­dus­tri­al & Com­mer­ci­al Bank of Chi­na, an die staat­li­chen Wirt­schafts­len­ker: Sei­ner Mei­nung nach ha­ben sie ih­re Ab­sich­ten nicht klar kom­mu­ni­ziert. «Wäh­rend die­ser Ta­ge wa­ren selbst wir wirk­lich et­was ner­vös», ge­stand er.

Of­fen­bar hat­te so­gar der po­li­tisch bes­tens ver­netz­te Jiang un­ter­schätzt, wie an­spruchs­voll der Um­bau von ei­ner an­ge­bots- zu ei­ner nach­fra­ge­ge­trie­be­nen Wirt­schaft ist. Die Tat­sa­che, dass die di­rekt der Re­gie­rung un­ter­stell­te No­ten­bank erst sehr spät mit ei­ner Geld­sprit­ze die La­ge be­ru­higt hat, zeigt, dass es Pre­mier­mi­nis­ter Li mit sei­nen Re­for­men des Ban­ken­sek­tors ernst meint.

Da­für gibt es zwin­gen­de Grün­de. Die Ban­ken, die bis heu­te dank ei­ner staat­lich fest­ge­setz­ten gross­zü­gi­gen Zins­span­ne ho­hen Er­trag er­wirt­schaf­ten, müs­sen sich zu­neh­mend dem Wett­be­werb stel­len. Auf das we­nig oder nicht re­gu­lier­te Schat­ten- ban­ken­sys­tem et­wa, das aus­ser­halb der of­fi­zi­el­len Kre­dit­sys­te­me Pro­jek­te fi­nan­ziert, ent­fal­len nach Schät­zung des un­ab­hän­gi­gen Ban­ken­be­ra­ters Joe Zhang be­reits heu­te rund 20% al­ler in Chi­na aus­ste­hen­den Kre­di­te.

Zins­re­gime wird li­be­ra­li­siert

Die tra­di­tio­nel­len Ban­ken müs­sen sich vor al­lem auch auf die Li­be­ra­li­sie­rung der Zin­sen vor­be­rei­ten, denn die Ka­pi­tal­kon­trol­len, die Chi­na bis heu­te von den glo­ba­len Fi­nanz­märk­ten ab­schot­ten, ver­lie­ren im Zu­ge der ra­sant fort­schrei­ten­den In­ter­na­tio­na­li­sie­rung des Yu­ans an Wirk­sam­keit. Ar­bi­tra­ge­ge­schäf­te zwi­schen in Ons­hore- oder Off­s­hore-Kon­ti ge­hal­te­nen Gel­dern sind bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad be­reits heu­te mög­lich und wer­den durch die lau­fen­de Li­be­ra­li­sie­rung des Wech­sel­kur­ses noch zu­neh­men. Nicht zu­letzt müs­sen die tra­di­tio­nel­len Ban­ken sich auch auf die Kon­kur­renz der Ak­ti­en­märk­te ein­stel­len.

Die Per­for­mance der chi­ne­si­schen Bör­sen war in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren zwar denk­bar schlecht, doch wenn sich das ein­mal än­dern soll­te, so wür­den Spar­gut­ha­ben be­schleu­nigt von den Bank­ein­la­gen an die Fi­nanz­märk­te flies­sen. Chi­nas Wirt­schaft steht in­fol­ge des in ei­ne neue Pha­se ein­ge­tre­te­nen Re­form­pro­zes­ses vor gros­sen Her­aus­for­de­run­gen. Der Schock der ver­gan­ge­nen Ta­ge dürf­te den Ban­ken in Er­in­ne­rung ge­ru­fen ha­ben, dass sie in den kom­men­den Jah­ren be­son­ders ge­for­dert sind.

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