Pe­king muss 2014 si­cher ba­lan­cie­ren

Chi­nas Wirt­schafts­aus­blick für das neue Jahr ist gut. Die Re­gie­rung hat ge­nü­gend Spiel­raum, um das Wachs­tum zu si­chern. Doch es lau­ern vie­le Ziel­kon ik­te.

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ELI­SA­BETH TES­TER,

Chi­na be­rei­tet sich auf das Jahr des Pfer­des vor: Es soll viel Energie und schnel­le Ve­rän­de­run­gen brin­gen, ver­heisst ei­ni­gen Volks­wirt­schaf­ten Auf­schwung und Stär­kung, an­de­ren Cha­os und Sta­gna­ti­on. Ei­nen Mit­tel­weg sieht das quir­li­ge Pferd nicht vor. Und was ist von Chi­nas Wirt­schaft zu er­war­ten?

In Be­zug auf die Wachs­tums­ra­te des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) liegt der Pro­gno­se­kon­sens für 2014 um 7,5%, und es wird er­war­tet, dass Pe­king auch bald ei­nen Ziel­wert in die­ser Grössenordnung be­kannt gibt. No­mu­ra und J. P. Mor­gan er­war­ten z. B. 7,4%, So­cié­té Gé­né­ra­le 6,9%. Das ist zwar ein Rück­gang von den ge­schätz­ten 7,6% für das Jahr 2013, aber im­mer noch ein sehr ho­hes Wachs­tum – und zu­dem ist die­se Ver­lang­sa­mung ge­wollt und ge­steu­ert. Chi­na hat in der Ver­gan­gen­heit zu­ver­läs­sig ein ro­bus­tes Wirt­schafts­wachs­tum ge­lie­fert, und da­mit ist auch die­ses Jahr zu rech­nen. Die Her­aus­for­de­run­gen für Re­gie­rung und Zen­tral­bank sind je­doch so hoch wie nie, da über­all Ziel­kon­flik­te lau­ern, die viel Auf­merk­sam­keit for­dern und Ge­fah­ren ber­gen.

Grat­wan­de­run­gen

Das ehr­gei­zi­ge Re­form­pro­gramm, das auch tief­grei­fen­de struk­tu­rel­le Neue­run­gen um­fasst, kann nur um­ge­setzt wer­den, wenn das Wirt­schafts­wachs­tum ge­nü­gend hoch ist. Ser­belt die Wirt­schaft, ma­chen Stüt­zungs- und Sti­mu­lie­rungs­mass­nah­men die Re­form­be­mü­hun­gen schnell zu­nich­te, denn Pe­king wird aus so­zia­len und po­li­ti­schen Grün­den dem Wachs­tum im­mer den Vor­rang ge­ben. Ein be­son­de­rer Ba­lan­ce­akt ist am Im­mo­bi­li­en­markt ge­fragt: Ei­ner­seits muss die Über­hit­zung der Häu­ser­prei­se in den gros­sen Tier-1-Städ­ten ein­ge­dämmt und lan­des­weit Wohn­ei­gen­tum auch für die Mit­tel­klas­se er­schwing­lich blei­ben, an­der­seits darf der für die Ge­samt­wirt­schaft so wich­ti­ge Sek­tor nicht ab­ge­würgt wer­den.

In der In­dus­trie herr­schen nach wie vor Über­ka­pa­zi­tä­ten. Die­se müs­sen ab­ge­baut und die Ab­hän­gig­keit der Wirt­schaft von staat­li­chen In­ves­ti­tio­nen re­du­ziert wer­den. Den­noch braucht es ho­he An­la­ge­inves­ti­tio­nen, da­mit die In­dus­trie­un­ter­neh­men nicht in ei­ne schwe­re Kri­se stür­zen. Auch die un­er­träg­li­che Luft­ver­schmut­zung muss auf ei­ne Art und Wei­se adres­siert wer­den, die die Schwer­in­dus­trie nicht all­zu stark be­las­tet.

Die Ein­füh­rung von mehr Markt – der zen­tra­le Punkt der Re­for­men – wird vor al­lem sei­tens pri­va­ter Un­ter­neh­men und der Fi­nanz­in­dus­trie sehn­lichst er­war­tet, aber sie ist nicht un­pro­ble­ma­tisch. Die Prei­se für die Res­sour­cen sol­len durch Markt­kräf­te be­stimmt wer­den. Ge­schieht das je­doch zu schnell und zu um­fas­send, blei­ben An­ge­bots­schocks nicht aus. Die­se müs­sen ver­hin­dert wer­den.

Doch die gröss­te Her­aus­for­de­rung im neu­en Jahr liegt in der not­wen­di­gen Ent­schul­dung der Wirt­schaft und des Fi­nanz­sek­tors. Das Schat­ten­ban­ken­sys­tem muss her­un­ter­ge­fah­ren wer­den – oh­ne dass es all­zu vie­le Aus­fäl­le gibt. Es ist er­klär­tes Ziel von Re­gie­rung und Zen­tral­bank, das To­tal So­ci­al Fi­nan­cing ( TSF) zu re­du­zie­ren und so­mit das Kre­dit­wachs­tum ab­zu­schwä­chen. TSF ist ein von Pe­king 2011 ein­ge­führ­tes Wirt­schafts­ba­ro­me­ter, das die Geld­auf­nah­me von Haus­hal­ten und Un­ter­neh­men (oh­ne Fi­nanz­sek­tor) aus den ver­schie­dens­ten Qu­el­len misst. Es soll ein bes­se­res Mass für die Geld­po­li­tik sein als her­kömm­li­che Geld­ag­gre­ga­te.

Die ge­rin­ge­re Kre­dit­ver­ga­be soll durch pe­ri­odi­sche Li­qui­di­täts­eng­päs­se am In­ter­ban­ken­markt – wie sie im letz­ten Jahr zu se­hen wa­ren – er­zwun­gen wer­den (vgl. Grafik 2). Denn wird die Li­qui­di­tät knapp, sinkt die Aus­ga­be von nicht stan­dar­di­sier­ten Trust­pro­duk­ten und Bank Ac­cep­tan­ce Bills, die bei der Zen­tral­bank nicht als Si- cher­hei­ten ge­gen Li­qui­di­tät hin­ter­legt wer­den kön­nen. Durch die­se Pro­duk­te fliesst viel Ka­pi­tal ins Schat­ten­ban­ken­sys­tem.

Ach­tung Re­al­wirt­schaft

Ge­mäss Chi­na Con­fi­den­ti­al, ei­nem In­for­ma­ti­ons­dienst der «Fi­nan­ci­al Ti­mes», sind 25% der Trust­pro­duk­te im Grun­de ge­nom­men in­sol­vent. Wird die Li­qui­di­tät all­zu knapp, wird das Rol­len der Ver­bind­lich­kei­ten un­mög­lich und die Aus­fall­ra­te zu hoch – was schwe­re Fol­gen für den of­fi­zi­el­len Fi­nanz­sek­tor und die Re­al­wirt­schaft hät­te. Al­so auch dort muss ei­ne Grat­wan­de­rung statt­fin­den. Pe­king wird den Fi­nanz­sek­tor auf­räu­men und not­lei­den­de Kre­di­te ver­stei­gern und ab­schrei­ben. Auch das Pro­blem der über­schul­de­ten lo­ka­len Re­gie­run­gen wird an­ge­gan­gen. Ei­ne Lö­sung könn­te die ge­plan­te Stär­kung des Ka­pi­tal­markts und die Aus­ga­be lang­fris­ti­ger Un­ter­neh­mens­an­lei­hen statt Bank­kre­di­te sein.

Das De­le­ver­aging wird zu hö­he­ren Ren­di­ten für Spar­ein­la­gen füh­ren, was zu­sam­men mit dem zwei­stel­li­gen Wachs­tum der Haus­halts­ein­kom­men die Kon­sum­kraft stei­gert. Öko­no­men rech­nen mit ei­ner Wachs­tums­ra­te der Ein­zel­han­dels­ver­käu­fe von 15% in die­sem Jahr. Das sind gu­te Aus­sich­ten, auch für In­ves­to­ren.

Ho­ro­skop hin oder her, Chi­na wird da­für sor­gen, dass es ei­nen Mit­tel­weg gibt. Für 2014 ist kein ab­rup­ter Wan­del zu er­war­ten. Die mit­tel­fris­ti­gen Wirt­schafts­und Re­form­zie­le wer­den gra­du­ell um­ge­setzt, und Pe­king wird al­les tun, um Schocks zu ver­hin­dern, die un­ab­seh­ba­re oder un­kon­trol­lier­ba­re Fol­gen ha­ben könn­ten. Die Haupt­fra­ge wird sein, wie stark ein schwä­che­res Kre­dit­wachs­tum die Re­al­wirt­schaft be­las­ten wird.

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