Von al­ter­na­tiv­los zu op­po­si­ti­ons­los

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Der Be­griff «al­ter­na­tiv­los» ist zum ge­flü­gel­ten Wort ge­wor­den – auch die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hat oft von ihm Ge­brauch ge­macht. Meist dann, wenn ein Man­gel an Sach­ar­gu­men­ten be­stand. Nun ist al­les noch schlim­mer ge­kom­men. Es gibt nicht nur kei­ne Al­ter­na­ti­ve, son­dern vor al­lem kei­ne Op­po­si­ti­on mehr zur gros­sen Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on in Deutsch­land. Kanz­le­rin Mer­kel ver­las ih­re Re­gie­rungs­er­klä­rung zur Wo­chen­mit­te vor ei­nem be­klem­mend ru­hi­gen Bun­des­tag.

Die kri­ti­schen Vo­ten be­schränk­ten sich auf mehr oder we­ni­ger un­be­hol­fe­ne Äus­se­run­gen der Lin­ken und Grü­nen – sie sind selbst in ih­rer Sum­me als Op­po­si­ti­on ver­nach­läs­sig­bar. Die bür­ger­li­chen Stim­men sind seit den Wah­len ver­stummt, Kanz­le­rin Mer­kel kann sich un­ge­hemmt auf Schmu­se­kurs zur SPD be­ge­ben. Die Ab­senz von Op­po­si­ti­on ist de­mo­kra­tie­po­li­tisch be­denk­lich. Es be­steht kein Kor­rek­tiv mehr zur Re­gie­rung. Das wird zum Frei­pass für Macht­be­wuss­te – zu de­nen Mer­kel ge­hört.

Ei­ne Kost­pro­be für den un­ge­brems­ten Links­drall der gros­sen Ko­ali­ti­on ist die Ren­ten­re­form. Das Ka­bi­nett hat die Re­form der SPD-Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les ge­neh­migt (vgl. FuW Nr. 5 vom 22. Ja­nu­ar). Deutsch­land tritt in der Al­ters­vor­sor­ge den Weg zu­rück in die Ver­gan­gen­heit an. Die un­ter den Vor­gän­ger­re­gie­run­gen ge­mach­ten Fort­schrit­te in Rich­tung ei­nes hö­he­ren Ren­ten­al­ters und sorg­sa­men Um­gangs mit knap­pen Mit­teln wer­den rück­gän­gig ge­macht. Die Re­form wird Mil­li­ar­den kos­ten – zu Las­ten der Wirt­schaft. Aus Schwei­zer Op­tik könn­te man sich auf den Stand­punkt stel­len, wenn sich der nörd­li­che Nach­bar selbst scha­den will, soll er das doch bit­te sehr tun. Nur: Die Schweiz ist stark ab­hän­gig von Deutsch­land als wich­tigs­tem Han­dels­part­ner. Geht es der Wirt­schaft en­net dem Rhein schlech­ter, spü­ren das die Schwei­zer Ex­por­teu­re rasch. Zu­dem sen­det die Re­form ein fal­sches Zei­chen aus. Ge­werk­schaf­ten und lin­ke Par­tei­en wer­den sich in der Re­vi­si­on der Al­ters­vor­sor­ge mit dem Hin­weis auf Deutsch­land für ei­nen wei­te­ren, nicht fi­nan­zier­ba­ren Aus­bau der Al­ters­vor­sor­ge stark ma­chen.

Die in ih­rer Wir­kung ka­ta­stro­pha­le deut­sche Ren­ten­re­form – der Bun­des­tag wird sie op­po­si­ti­ons­los durch­win­ken – sen­det auch nach Eu­ro­pa fal­sche Si­gna­le. Deutsch­land ge­rät in Ar­gu­men­ta­ti­ons­not, wenn es sich ge­gen­über an­dern EU-Län­dern für schmerz­haf­te Struk­tur­re­for­men ein­setzt, selbst aber in der Al­ters­vor­sor­ge den kost­spie­li­gen Weg des – vor­der­grün­dig – ge­rings­ten Wi­der­stands geht.

Die Ge­schich­te zeigt es im­mer wie­der: Ei­ne zu gros­se Macht­fül­le für die Re­gie­rung wirkt sich für das Volk un­güns­tig aus. Da­rin liegt ein Ge­heim­nis des schwei­ze­ri­schen Er­folgs: Das Schwei­zer Po­lit­sys­tem ist vor al­lem auch ein Sys­tem der Macht­be­gren­zung.

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