In Thai­land gibt es nur Ver­lie­rer

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Mit der Aus­ru­fung von Neu­wah­len er­griff die thai­län­di­sche Re­gie­rungs­che­fin Ying­luck Shina­wa­tra die Flucht nach vorn. Doch hat sie da­mit ihr Land nach Wo­chen der Stras­sen­pro­tes­te nur wei­ter in die Sack­gas­se ge­führt. Die La­ge bleibt an­ge­sichts der tie­fen ge­sell­schaft­li­chen Spal­tung zwi­schen der städ­ti­schen Eli­te und den bäu­er­li­chen Schich­ten im Sü­den Thai­lands auch nach dem Ur­nen­gang vom Sonn­tag hoff­nungs­los ver­fah­ren. Es ist der Schwes­ter des 2007 vom Mi­li­tär ge­stürz­ten Bru­ders Thaks­in Shina­wa­tra wäh­rend ih­rer drei­jäh­ri­gen Amt­s­tä­tig­keit nicht ge­lun­gen, das Volk we­nigs­tens auf ei­nen kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner zu ei­ni­gen.

Da­für sind die 46-jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge Ge­schäfts­frau und ih­re Pheu-Thai-Par­tei aber nicht al­lein ver­ant­wort­lich. Ei­ne eben­so gros­se Schuld an der ver­fah­re­nen Si­tua­ti­on trägt die op­po­si­tio­nel­le De­mo­kra­ti­sche Par­tei, die ge­mäss al­len Um­fra­gen die Wahl vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag ver­lo­ren hät­te. Mit dem Boy­kott des Ur­nen­gangs ha­ben die De­mo­kra­ten nicht nur die Bil­dung ei­ner hand­lungs­fä­hi­gen Re­gie­rung ver­hin­dert, son­dern auch in Kauf ge­nom­men, dass die zweit­gröss­te süd­ost­asia­ti­sche Volks­wirt­schaft et­was nä­her an den Ab­grund zum Cha­os rückt. Mitt­ler­wei­le macht das Ge­spenst ei­nes Bür­ger­kriegs die Run­de.

So weit mag es noch nicht sein, doch kom­men zu­neh­mend wirt­schaft­li­che Schä­den zum Vor­schein. Thai­lands Wachs­tum

ERNST HERB, ist nach Schät­zung des ja­pa­ni­schen Fi­nanz­hau­ses No­mu­ra im vier­ten Quar­tal auf 0,2% ge­fal­len. Die pri­va­ten In­ves­ti­tio­nen sind ein­ge­bro­chen. Der volks­wirt­schaft­lich äus­serst wich­ti­ge Frem­den­ver­kehr wächst deut­lich lang­sa­mer. Seit im Ok­to­ber die Stras­sen­pro­tes­te ein­setz­ten, sind Port­fo­li­o­in­ves­ti­tio­nen von bei­na­he 5 Mrd. $ aus Thai­land ab­ge­flos­sen. Weil Ying­luck nur ei­ne pro­vi­so­ri­sche Re­gie­rung an­führt, kann sie kei­ne neu­en Staatsausgaben an­ord­nen. Das ver­zö­gert den Bau wich­ti­ger In­fra­struk­tur­pro­jek­te und die Aus­zah­lung von Sub­ven­tio­nen im Agrar­sek­tor.

Die an­hal­ten­den po­li­ti­schen Pro­ble­me zei­gen, dass Thai­lands de­mo­kra­ti­sche In­sti­tu­tio­nen sehr schwach sind. Das ist nicht neu, wur­den doch in der Ver­gan­gen­heit kon­sti­tu­tio­nel­le Kri­sen wie­der­holt durch In­ter­ven­ti­on der Mon­ar­chie, der Ar­mee oder auch der Ge­rich­te ge­löst. Doch das Kö­nigs­haus ist ge­schwächt, nicht nur we­gen des schlech­ten Ge­sund­heits­zu­stands des Mon­ar­chen. Die Ar­mee putsch­te zu­letzt vor acht Jah­ren ei­ne Re­gie­rung aus dem Amt, aber der Staats­streich lös­te das Pro­blem nicht – im Ge­gen­teil, wie die ge­gen­wär­ti­ge La­ge zeigt. Das­sel­be trifft auf ei­ne 2008 ge­richt­lich an­ge­ord­ne­te Par­la­ments­auf­lö­sung zu.

Thai­land kann nur durch ei­nen Kom­pro­miss der ver­fein­de­ten Par­tei­en vom Ran­de des Ab­grunds ab­rü­cken. Für Zu­ge­ständ­nis­se scheint der­zeit aber kein po­li­ti­scher Wil­le vor­han­den zu sein.

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