Re­ad my lips

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Spä­tes­tens seit der Zins­sen­kung im ver­gan­ge­nen No­vem­ber steht fest, dass die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank sich ex­akt an vor­ge­ge­be­ne Kon­di­tio­nen hält. Da­mals hat­te man­cher Markt­be­ob­ach­ter die­se Prä­mis­se über­se­hen und prompt die Leit­zins­än­de­rung nicht an­ti­zi­piert. An der mo­nat­li­chen Me­di­en­kon­fe­renz im Ja­nu­ar de­fi­nier­te EZB-Chef Ma­rio Draghi dann er­neut klar, un­ter wel­chen Um­stän­den sich der Zen­tral­bank­rat zu ei­ner wei­te­ren Lo­cke­rung der Geld­po­li­tik ent­schlies­sen wer­de: falls ent­we­der die Geld- und die In­ter­ban­ken­markt­zin­sen zu sehr stei­gen oder die In­fla­ti­on über­ra­schend deut­lich sin­ken soll­te. Bei­des trat in den ver­gan­ge­nen vier Wo­chen nicht ein – in­so­fern ist es nur plau­si­bel, dass die Eu­ro-No­ten­bank an ih­rer Fe­bru­ar­sit­zung die­sen Don­ners­tag das Zins­ni­veau nicht ver­än­dert hat. Ma­rio Draghi hat an die­sen Kon­di­tio­nen auch für die Zu­kunft nichts ge­än­dert. Er wie­der­hol­te sie am Don­ners­tag wie ein per­sön­li­ches Re­ad-my-lips-Be­kennt­nis: Die EZB wer­de han­deln, um ei­ne un­ge­wünsch­te Stei­ge­rung der kurz­fris­ti­gen Zin­sen zu be­kämp­fen oder um si­cher­zu­stel­len, dass der mit­tel­fris­ti­ge In­fla­ti­ons­aus­blick nicht zu tief aus­fal­le. Er füg­te zwar an, dass die Teue­rungs­er­war­tun­gen fest ver­an­kert sei­en und dem ge­wünsch­ten Ziel von rund 2% ent­sprä­chen. Aber trotz die­ser Aus­füh­run­gen ist die Wahr­schein­lich­keit, dass die EZB ih­re Geld- po­li­tik wei­ter lo­ckern wird, nicht ge­rin­ger ge­wor­den. Denn das Re­zes­si­ons­ri­si­ko bleibt trotz der vor­sich­ti­gen kon­junk­tu­rel­len Sta­bi­li­sie­rung in der Eu­ro­zo­ne be­ste­hen, und die In­fla­ti­on wird noch für lan­ge Zeit ge­fähr­lich nied­rig aus­fal­len.

Der Zen­tral­bank­rat gibt zu ver­ste­hen, dass er be­reit und ge­rüs­tet sei für die nächs­te Lo­cke­rungs­run­de – mit wel­chen In­stru­men­ten auch im­mer er sie um­setzt. Aus­ser Zins­sen­kun­gen sind auch Li­qui­di­täts­auk­tio­nen, Wert­schrif­ten­auf­käu­fe und mehr im Ge­spräch. Draghi bit­tet je­doch um Ge­duld und Be­son­nen­heit: Die EZB tref­fe Ent­schei­dun­gen mit ei­ner mit­tel­fris­ti­gen Re­ak­ti­ons­zeit, des­halb müss­ten aus­rei­chend In­for­ma­tio­nen ein­ge­holt und ak­ku­rat aus­ge­wer­tet wer­den. Die kom­men­den Kon­junk­turund In­fla­ti­ons­da­ten gilt es al­so genau zu be­ob­ach­ten. Im Üb­ri­gen ist es für die EZB klug, mo­men­tan haus­zu­hal­ten und das rest­li­che geld­po­li­ti­sche Pul­ver nicht vor­schnell zu ver­schies­sen. Die Zen­tral­bank wird es even­tu­ell be­nö­ti­gen, wenn die Bi­l­anz­über­prü­fung und der Stress­test für eu­ro­päi­sche Ban­ken Lü­cken bei der Ka­pi­tal­de­ckung und der Kri­sen­re­sis­tenz of­fen­le­gen soll­ten, wor­auf am In­ter­ban­ken­markt die Sät­ze schnell stei­gen könn­ten. Zur Be­ru­hi­gung der Märk­te kä­me dann ei­ne Zins­sen­kung der EZB auf null ge­ra­de recht.

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