Ita­li­en steht vor ei­ner neu­en Kraft­pro­be

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Nach nur ei­nem knap­pen Jahr, in dem der par­tei­lo­se Pro­fes­sor Ma­rio Mon­ti von dem farb­lo­sen En­ri­co Let­ta als Ver­tre­ter der zur lin­ken Mit­te ge­hö­ren­den Par­tei Par­ti­to De­mo­cra­ti­co (PD) in der Füh­rung bunt ge­misch­ter Ko­ali­tio­nen ab­ge­löst wur­de, be­kommt Ita­li­en aber­mals ei­ne neue Re­gie­rung. Dies­mal tritt sie an un­ter der Füh­rung des nur 38 Jah­re al­ten Bür­ger­meis­ters von Flo­renz und Par­tei­se­kre­tärs der PD, Mat­teo Ren­zi.

Ihm ist es ge­lun­gen, En­ri­co Let­ta von sei­ner Par­tei das Ver­trau­en ent­zie­hen zu las­sen, so­dass die­sem nichts an­ders üb­rig blieb, als sei­nem Wi­der­sa­cher den Amts­sitz ab­zu­tre­ten. Da­mit hat Mat­teo Ren­zi, der dy­na­mi­sche Neu­ling auf dem po­li­ti­schen Par­kett in Rom, die Chan­ce, nicht nur bis zum En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode im Jahr 2018 an der Re­gie­rungs­spit­ze zu blei­ben, son­dern auch sei­ne Vor­stel­lun­gen ei­ner Re­form Ita­li­ens an Haupt und Glie­dern in die Tat um­zu­set­zen.

Mehr Be­fug­nis­se

Da­zu ge­hö­ren in ers­ter Li­nie ein neu­es Wahl­recht, das dem Land künf­tig dau­er­haf­te Mehr­heits­ver­hält­nis­se si­chern soll, so­wie ei­ne neue Ver­fas­sung, um so­wohl die Exe­ku­ti­ve als auch die Le­gis­la­ti­ve den ge­stie­ge­nen An­for­de­run­gen der in­ter­na­tio­na­len Ver­net­zung der Ent­schei­dungs­pro­zes­se an­zu­pas­sen.

Das soll mit der Stär­kung der Be­fug­nis­se des Re­gie­rungs­chefs wie auch mit der Ab­schaf­fung des Zwei­kam­mer­sys­tems er­reicht wer­den, im letz­te­ren Fall durch die Ver­wand­lung des Se­nats in ei­ne «Kam­mer der Re­gio­nen». Die­se vor al­lem auf ein bes­se­res Funk­tio­nie­ren des ge­sam­ten Staats­ap­pa­rats ge­rich­te­te Re­form soll in den Au­gen von Mat­teo Ren­zi den «Sumpf tro­cken­le­gen», dem der Filz zwi­schen Po­li­tik und Bü­ro­kra­tie stän­dig neue Nah­rung zu­führt. Da­für ist der neue Re­gie­rungs­chef ent­schlos­sen, dem Land ei­ne Ra­di­kal­kur zu ver­pas­sen. Das be­trifft auch die Wirt­schaft.

Im Vi­sier be­fin­det sich hier in ers­ter Li­nie, wie es ei­ner Mit­te-links-Par­tei an­steht, die ho­he Ar­beits­lo­sig­keit, nicht zu­letzt der Ju­gend, mit der Ita­li­en nur noch von Spa­ni­en und Grie­chen­land über­trof­fen wird. Da­zu war­tet Mat­teo Ren­zi mit ei­ner gan­zen Rei­he von Mass­nah­men auf, die zum Teil den alt­be­kann­ten Mass­nah­men­ka­ta­lo­gen frü­he­rer Mit­te-links-Re­gie­run­gen ent­lehnt schei­nen.

Ge­nannt wer­den zum Bei­spiel Pri­va­ti­sie­run­gen nur mit Min­der­heits­be­tei­li­gung aus­län­di­scher Ka­pi­tal­ge­ber, öf­fent­li­che Ar­bei­ten, hö­he­re Zu­schüs­se an die Un­ter­neh­men und Ab­bau der auf ih­nen las­ten­den So­zi­al­ab­ge­ben. Ganz all­ge­mein ist da­bei an ei­ne grund­le­gen­de Steu­er­re­form ge­dacht, mit der die Be­las­tun­gen von der Un­ter­neh­mens­sei­te auf den Rü­cken des als «reich» gel­ten­den Teils der Be­völ­ke­rung ver­la­gert wer­den sol­len.

An­ge­dacht wird hier­bei un­ter an­de­rem ei­ne ein­ma­li­ge Ab­ga­be auf Ka­pi­tal­ver­mö­gen. Sie könn­te et­wa, wie aus ein­schlä­gi­gen Stu­di­en her­vor­geht, in Form ei­ner Steu­er in Hö­he von 5% er­ho­ben wer­den. Ihr Auf­kom­men, so die Be­rech­nun­gen, wür­de dem Staat so viel Zu­satz­ein­nah­men be­sche­ren, dass die Staats­schuld Ita­li­ens in acht Jah­ren von jetzt 130% auf un­ter 100% des Brut­to­in­land­pro­dukts re­du­ziert wer­den könn­te. Ei­ne sol­che Una-tan­tumAb­ga­be hat­te es be­reits 1991 ge­ge­ben, als die da­ma­li­ge Re­gie­rung der Lira­kri­se an­ders nicht mehr bei­kam.

Die ers­ten Re­ak­tio­nen aus dem In- und Aus­land auf die­se Plä­ne sind un­ein­heit­lich. An­er­kannt wird von den Märk­ten, dass jetzt hin­ter der gröss­ten Par­tei im Par­la­ment ein Mann steht, der al­les auf ei­ne Kar­te setzt und dem bis­he­ri­gen Po­li­tik­stil ei­ne kla­re Ab­sa­ge er­teilt hat.

Das Züng­lein an der Waa­ge

Das än­dert je­doch nichts an der Tat­sa­che, dass auch Mat­teo Ren­zi, der mit der PD nicht die Mehr­heit des Par­la­ments be­sitzt, wie sei­ne Vor­gän­ger Mit­läu­fer braucht. Das be­deu­tet, dass es auch in Zu­kunft ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung ge­ben wird und Mat­teo Ren­zi wie sei­ne Vor­gän­ger ge­zwun­gen ist, Ko­ali­ti­ons­part­ner zu fin­den, und sei es nur für ein ein­zi­ges Ge­set­zes­werk

Dar­un­ter wird sich si­cher auch Sil­vio Ber­lus­co­ni be­fin­den, der zwan­zig Jah­re lang bis En­de 2012 die Zü­gel in der Hand hielt und sich jetzt be­reit­er­klärt hat, als Op­po­si­ti­ons­par­tei der Re­gie­rung bei­zu­sprin­gen, wenn das Na­tio­nal­in­ter­es­se es er­for­dert. Er kann al­so in Sa­chen Mehr­heits­be­schaf­fung bei wich­ti­gen Ab­stim­mun­gen zum Züng­lein an der Waa­ge wer­den. Da­mit ist klar, dass jen­seits der Er­war­tung ei­ner Sta­bi­li­sie­rung von Wirt­schaft und Fi­nanz­we­sen von ei­ner Rück­kehr zur «Nor­ma­li­tät» noch nicht ge­spro­chen wer­den kann.

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