Die EU setzt Druck auf

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Nor­ma­ler­wei­se ha­ben Volks­ab­stim­mun­gen kaum un­mit­tel­ba­re, di­rek­te Aus­wir­kun­gen, die Um­set­zung nimmt meist viel Zeit in An­spruch. Wer nach dem Ja zur Mas­sen­ein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve zu­nächst ein­fach naht­los zur Nor­ma­li­tät über­ge­hen woll­te, sieht sich ei­ner Il­lu­si­on be­raubt. Nur we­nig mehr als ei­ne Woche nach dem Volks­ver­dikt zei­gen sich ers­te kon­kre­te Aus­wir­kun­gen. Die EU si­gna­li­siert nicht Ent­ge­gen­kom­men, son­dern Här­te – und hat schon zu ent­spre­chen­den Mass­nah­men ge­grif­fen.

Das Strom­ab­kom­men wur­de auf Eis ge­legt, der Schweiz droht der Aus­schluss aus den For­schungs­pro­gram­men «Ho­ri­zon 2020» und «Eras­mus+». EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Jo­sé Ma­nu­el Bar­ro­so hielt un­miss­ver­ständ­lich fest, die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit sei nicht ver­han­del­bar.

Der SVP fällt da­zu nichts an­de­res ein, als von «rhe­to­ri­scher Kraft­meie­rei» vor den Eu­ro­pa­wah­len zu spre­chen. Da­mit be­legt sie ein­mal mehr, wie we­nig sie die EU und ih­re Funk­ti­ons­wei­se ver­stan­den hat. Man muss kein Freund der EU sein, wenn man ihr zu­gu­te hält, dass ihr Ver­hal­ten nach der Ab­stim­mung ko­hä­rent ist und ih­rer in­ne­ren Lo­gik ge­horcht. Die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit, ei­ne der zen­tra­len Gr­und­frei­hei­ten, kann gar nicht an­tast­bar sein – schon gar nicht durch ein klei­nes Nicht-Mit­glied­land. Die Hoff­nung auf ei­nen spä­te­ren, wie auch im­mer ge­ar­te­ten Prag­ma­tis­mus sei­tens der EU er­scheint eher na­iv und macht den Wunsch zum Va­ter des Ge­dan­kens.

Nicht nur die EU ist schon ak­tiv ge­wor­den, auch die Schweiz: So hat Bun­des­rä­tin Si­mo­net­ta Som­maru­ga klar ge­macht, dass das Pro­to­koll zur Per­so­nen­frei­zü­gig­keit mit Kroa­ti­en nicht un­ter­zeich­net wer­den kön­ne. Auch das ist fol­ge­rich­tig, das Ab­kom­men wür­de dem neu­en Ver­fas­sungs­ar­ti­kel wi­der­spre­chen. Da­mit schafft die Schweiz gleich­zei­tig ei­ne, zu­min­dest vor­über­ge­hen­de, Un­gleich­be­hand­lung von EU-Staa­ten, was zu zu­sätz­li­chen Pro­ble­men führt. Auch der Markt­zu­gang der Fi­nanz­bran­che zu den EU-Märk­ten könn­te plötz­lich wie­der zur De­bat­te ste­hen. Staats­se­kre­tär de Wat­tevil­le wies am Mon­tag dar­auf hin, dass es oh­ne Per­so­nen­frei­zü­gig­keit wohl auch kei­ne Di­enst­leis­tungs­frei­zü­gig­keit ge­be (vgl. Sei­te 10). Das könn­te für die gan­ze Bran­che ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen ha­ben.

All die­se ers­ten Re­ak­tio­nen zei­gen, wie die In­ter­es­sen lie­gen. Die EU wird – wie an­ge­kün­digt – nicht be­reit sein, der Schweiz ei­nen Ex­tra­zug zu­zu­ge­ste­hen. Sie müss­te da­für ih­re ei­ge­nen Prin­zi­pi­en, die man mö­gen kann oder auch nicht, preis­ge­ben. Das wird sie nicht tun. Ihr bis­he­ri­ges Ver­hal­ten ent­spricht den Er­war­tun­gen – es sa­ge nie­mand, das sei über­ra­schend. Bleibt die be­klem­men­de Er­kennt­nis, dass die Schweiz mit dem Ja zur Mas­sen­ein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve ein Ei­gen­tor ers­ter Gü­te er­zielt hat. Ob ei­ne Kor­rek­tur mög­lich ist, steht in den Ster­nen.

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