Zweif­ler am Wachs­tums­op­ti­mis­mus

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG - ALEX­AN­DER TRENTIN

In ei­nem neu­en Auf­satz ver­tei­digt Ro­bert J. Gor­don die The­se, dass sich das Wirt­schafts­wachs­tum – zu­min­dest in den USA – lang­fris­tig ver­lang­samt hat. Der Pro­fes­sor der Nor­thwes­tern Uni­ver­si­ty in Chicago pos­tu­lier­te 2012 in ei­ner auf­se­hen­er­re­gen­den Stu­die, dass in den USA statt dem Pro-Kopf-Wachs­tum von jähr­lich 2% zwi­schen 1891 und 2007 nur noch 1,3% zu er­war­ten sei­en. In­no­va­tio­nen wür­den näm­lich in Zu­kunft viel we­ni­ger die Pro­duk­ti­vi­tät er­hö­hen. Zu­künf­ti­ge Er­fin­dun­gen könn­ten kaum den hin­ter uns lie­gen­den Fort­schritt wie­der er­rei­chen.

Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger Paul Krug­man ist ei­ner der Kri­ti­ker von Gor­dons Pes­si­mis­mus. Laut Krug­man könn­te die Au­to­ma­ti­sie­rung dem Men­schen je­de Ar­beit ab­neh­men. Da­her sind durch neue Tech­no­lo­gie un­end­li­che Pro­duk­ti­vi­täts­fort­schrit­te mög­lich. Der His­to­ri­ker Jo­el Mo­kyr pos­tu­liert, dass «Ge­schich­te ein schlech­ter Leit­fa­den für die Zu­kunft ist». Er­fin­dun­gen und ih­re Wir­kung sei­en nicht vor­her­seh­bar. Die neu­en In­stru­men­te, die zum mensch­li­chen Fort­schritt führ­ten, sei­en zu­vor un­vor­stell­bar ge­we­sen.

Zu we­nig Vor­stel­lungs­kraft?

Ro­bert Gor­don stellt sich dem Vor­wurf Mo­kyrs, Pes­si­mis­ten hät­ten ein­fach zu we­nig Vor­stel­lungs­kraft, um sich den kom­men­den Fort­schritt aus­zu­ma­len. Gor­don glaubt nicht, dass man kei­ne Vor­her­sa­gen ma­chen kann. «Es gibt vie­le his­to­ri­sche Bei­spie­le, in de­nen rich­ti­ge Vor­her­sa­gen fünf­zig bis hun­dert Jah­re im Vor­aus ge­macht wur­den», schreibt er. So ha­be Jules Ver­ne 1863 das mo­der­ne Pa­ris von hun­dert Jah­ren spä­ter re­la­tiv ge­nau vor­her­ge­sagt, in­klu­si­ve strom­be­trie­be­ner Stras­sen­la­ter­nen und des Au­to­ver­kehrs.

Für Gor­don ist nicht der Pes­si­mis­mus un­ver­ant­wort­lich, son­dern der Op­ti­mis­mus zu ver­brei­tet – et­wa bei der In­for­ma­ti­ons­tech­nik. Hier sei nur noch we­nig Po­ten­zi­al vor­han­den, nach der Ent­wick­lung der IT ab den Sieb­zi­ger­jah­ren: «2005 wur­de mit den Flach­bild­schir­men der Über­gang zum mo­der­nen Bü­ro ab­ge­schlos­sen. Dann hielt der Fort­schritt an.» Und im Haus­halt sei die letz­te gros­se Neue­rung die Mi­kro­wel­le ge­we­sen.

Fehl­ge­lei­te­te Hoff­nung

Der Öko­nom Erik Bryn­jolfs­son und der Jour­na­list And­rew McA­fee er­war­ten da­ge­gen in ih­rem neu­en Buch «The Se­cond Ma­chi­ne Age» ei­ne zwei­te in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on. Die jet­zi­ge Vor­ar­beit in der di­gi­ta­len Tech­no­lo­gie steu­ert laut Bryn­jolfs­son und McA­fee auf ei­nen Wen­de­punkt (In­flec­tion Po­int) zu, ab dem erst die gros­sen Fort­schrit­te er­kenn­bar sei­en. Gor­don wi­der­spricht: Die Tech­no­lo­gi­en, de­nen re­vo­lu­tio­nä­re Kraft zu­ge­spro­chen wird, wür­den bald ent­täu­schen. Er se­ziert die gros­sen Hoff­nun­gen der Op­ti­mis­ten: Me­di­zi­ni­scher Fort­schritt: Die phar­ma­zeu­ti­sche Ent­wick­lung auf Ba­sis der Ge­nomana­ly­se lau­fe ent­täu­schend an. In der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts sei­en die Tech­no­lo­gi­en ein­ge­führt wor­den, die die Le­bens­er­war­tung stark er­höht hät­ten. Nun wür­den mit enor­men Kos­ten oft eso­te­ri­sche Krank­hei­ten be­kämpft. Klei­ne Ro­bo­ter, künst­li­che In­tel­li­genz und 3-D-Dru­cker: Gor­don weist dar­auf hin, dass Ro­bo­ter seit den Sech­zi­ger­jah­ren in­dus­tri­ell ver­wen­det wür­den. Sie sei­en in ih­ren geis­ti­gen oder phy­si­schen Fer­tig­kei­ten aber auf en­ge Ein­satz­ge­bie­te be­schränkt. Die phy­si­schen Auf­ga­ben, die heu­te Men­schen über­neh­men, wür­den in den nächs­ten Jahr­zehn­ten kaum auf Ro­bo­ter über­tra­gen wer­den kön­nen. Eben­so ist sei das re­vo­lu­tio­nä­re Po­ten­zi­al der 3-D-Dru­cker be­grenzt. Zwar könn­ten Ent­wick­lungs­la­bo­re da­von pro­fi­tie­ren, doch auf ei­ne gan­ze Volks­wirt­schaft be­zo­gen sei kaum ei­ne Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung durch die­se Mas­san­fer­ti­gung mög­lich. Big Da­ta: Die im­mer güns­ti­ger wer­den­de Aus­wer­tung von Da­ten ist für Gor­don gross­teils ein Null­sum­men­spiel. Zwar könn­te es Big Da­ta im Mar­ke­ting für Un­ter­neh­men ein­fa­cher ma­chen, Kun­den zu fin­den. Doch die­se Kun­den wür­den von an­de­ren Fir­men ab­ge­wor­ben. Nur die Markt­ver­tei­lung wür­de sich än­dern. Selbst­fah­ren­de Au­tos: Der Ge­winn durch die­se Tech­no­lo­gie sei ge­ring, meint Gor­don. Was wä­re der gros­se Ef­fekt, wenn man oh­ne Fah­ren pen­deln könn­te?

Für Gor­don blei­ben all die Op­ti­mis­ten des Fort­schritts nur na­iv. Für ihn ist klar: Die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on ist ent­täu­schend – da­bei spielt kei­ne Rol­le, was noch an Er­fin­dun­gen auf uns zu­kom­men soll­te.

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