Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur ge­fragt

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Das Image der Wirt­schaft ist – zu­rück­hal­tend for­mu­liert – an­ge­schla­gen. Die De­bat­te über die Selbst­be­die­nungs­men­ta­li­tät ei­ni­ger Ab­zo­cker hat zu ei­nem tie­fen Un­be­ha­gen ge­gen­über der Wirt­schaft ge­führt. Es hat sich nie­der­ge­schla­gen in der deut­li­chen An­nah­me der Ab­zo­cker­initia­ti­ve wie auch in der, wenn auch nur knap­pen, An­nah­me der Mas­sen­ein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve. Bei­de Ab­stim­mun­gen wa­ren weit­ge­hend selbst ver­schul­de­te, schwe­re Nie­der­la­gen für den Dach­ver­band der Wirt­schaft, Eco­no­mie­su­is­se. Das Ver­trau­en in die Wirt­schaft ist ver­lo­ren ge­gan­gen, sie ist in Volks­ab­stim­mun­gen kaum mehr mehr­heits­fä­hig.

In die­ser Si­tua­ti­on such­te Eco­no­mie­su­is­se ei­nen neu­en Ver­bands­di­rek­tor. Aus­ge­hend vom an­ge­schla­ge­nen Ver­trau­en ist al­so ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur ge­fragt, ein cha­ris­ma­ti­scher Kom­mu­ni­ka­tor, ein «Aus­hän­ge­schild», ei­ner, der das Ver­trau­en der Po­li­tik und vor al­lem der Be­völ­ke­rung wie­der her­stel­len kann.

Nun ist Eco­no­mie­su­is­se fün­dig ge­wor­den: Erst­mals über­nimmt den Di­rek­ti­ons­pos­ten ei­ne Frau. Sie heisst Mo­ni­ka Rühl. «Mo­ni­ka wer?», wird sich manch ei­ner fra­gen. In der Tat, die neue Di­rek­to­rin ist in der Öf­fent­lich­keit so gut wie un­be­kannt. Die fünf­zig­jäh­ri­ge Rühl ist der­zeit Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin im Eid­ge­nös­si­schen De­par­te­ment für Wirt­schaft, Bil­dung und For­schung ( WBF), dem frü­he­ren Volks­wirt­schafts­de­par­te­ment. In die­ser Funk­ti­on ist sie ei­ne en­ge Mit­ar­bei­te­rin von Bundesrat Jo­hann N. Schnei­der-Am­mann. Die His­to­ri­ke­rin und Bot­schaf­te­rin hat vie­le Vor­zü­ge: Sie kennt die wirt­schafts­po­li­ti­schen Dos­siers sehr gut, ist bes­tens ver­netzt in Po­li­tik und Di­plo­ma­tie und ist füh­rungs­er­fah­ren. Al­ler­dings wie­gen auch die Nach­tei­le schwer: Sie kennt die Pri­vat­wirt­schaft nur vom Hö­ren­sa­gen, sie hat nie am ei­ge­nen Leib er­fah­ren, wie die Wirt­schaft funk­tio­niert. Zu­dem gilt sie nicht als be­gna­de­te und cha­ris­ma­ti­sche Kom­mu­ni­ka­to­rin.

Ge­ra­de dies al­ler­dings wä­re für den viel­leicht wich­tigs­ten Teil ih­res neu­en Jobs – sie tritt ihn spä­tes­tens am 1. Sep­tem­ber an – von ent­schei­den­der Be­deu­tung: Das Ver­trau­en der Be­völ­ke­rung in die Wirt­schaft lässt sich nicht vom Schreib­tisch aus zu­rück­ge­win­nen. Es braucht be­herz­te und über­zeu­gen­de Auf­trit­te eben ei­ner Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur der Wirt­schaft. Da reicht die po­ten­zi­ell gu­te Aus­sen­wir­kung von Prä­si­dent Heinz Kar­rer al­lein nicht, da ist auch das En­ga­ge­ment des Di­rek­tors – in die­sem Fall der Di­rek­to­rin – ge­fragt.

Dass Mo­ni­ka Rühl die­ser An­for­de­rung ge­recht wird, darf zu­min­dest lei­se be­zwei­felt wer­den. So ge­se­hen geht Eco­no­mie­su­is­se mit die­ser Wahl ein nicht un­er­heb­li­ches Ri­si­ko ein. Ab­stim­mungs­schlap­pen im Sti­le von Ab­zo­cker und Mas­sen­ein­wan­de­rung kann sich der Ver­band – und kann sich vor al­lem die Schweiz – nicht mehr leis­ten.

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