Min­dest­lohn un­term Mi­ni­mum

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

Kla­res Nein zu Kor­set­tie­rung des Ar­beits­mark­tes.

«Ei­ne Mehr­heit der Stimm­bür­ge­rin­nen und Stimm­bür­ger will das weit­ge­hend un­be­strit­te­ne Ziel fai­rer Löh­ne für al­le lie­ber über den Weg so­zi­al­part­ner­schaft­li­cher Ver­hand­lun­gen statt durch das Ge­setz er­rei­chen.» Das schreibt, er­nüch­tert, der Schwei­ze­ri­sche Ge­werk­schafts­bund (SGB), die trei­ben­de Kraft der Min­dest­lohn­in­itia­ti­ve. Viel ist dem tat­säch­lich nicht bei­zu­fü­gen.

Aus­ser viel­leicht: Der SGB und die po­li­ti­sche Lin­ke hät­ten auch oh­ne ei­ne der­art ver­nich­ten­de Nie­der­la­ge wie am Wo­che­n­en­de – 76% Nein, Plei­te in al­len Kan­to­nen – zu die­ser nicht gar so über­ra­schen­den Ein­sicht ge­lan­gen kön­nen. Das Pro­blem ist, dass die ge­werk­schaft­li­chen/rot-grü­nen Spit­zen­funk­tio­nä­re of­fen­kun­dig an­ders, viel ideo­lo­gi­scher ti­cken als selbst Tei­le ih­rer ei­ge­nen Ba­sis: Sie wol­len, im Kern, lie­ber Ge­set­ze statt Ge­samt­ar­beits­ver­trä­ge. Da­mit ste­hen sie nach­weis­lich auf ver­lo­re­nem Pos­ten.

Dass die Chef-Syn­di­ka­lis­ten des be­währ­ten Sys­tems mü­de sind, klingt an in dem für man­che Ab­stim­mungs­ver­lie­rer un­ter­des­sen ty­pi­schen Trotz­tri­umph. Der liest sich im vor­lie­gen­den Fall so: Sie (die Be­für­wor­ter) «for­dern … die Min­dest­lohn-Geg­ner auf, ih­rem Lob­lied auf die So­zi­al­part­ner­schaft auch Ta­ten fol­gen zu las­sen und über Ge­samt­ar­beits­ver­trä­ge und Min­dest­löh­ne zu ver­han­deln».

Das Lob­lied auf die So­zi­al­part­ner­schaft sin­gen al­so die Ar­beit­ge­ber, der «Hit» der Ar­beit­neh­mer­funk­tio­nä­re hin­ge­gen heisst Eta­tis­mus. Das wird auch da­mit zu tun ha­ben, dass et­li­che Ge­werk­schafts­chefs im Par­la­ment sit­zen (u. a. SGB-Prä­si­dent Paul Rech­stei­ner) und an den gros­sen po­li­ti­schen He­beln han­tie­ren wol­len.

Rich­tig ist, dass die Geg­ner der Min­dest­lohn­vor­la­ge das Er­geb­nis – bei al­ler Ge­nug­tu­ung – nicht falsch in­ter­pre­tie­ren sol­len und wohl auch gar nicht wol­len. Die Schweiz eig­net sich ent­schie­den nicht als Nied­rig­lohn­stand­ort. Den­noch, en pas­sant: Man­che hie­si­gen Be­sol­de­ten wis­sen nach eher kar­gen Jah­ren im Ge­fol­ge der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se kaum noch, wie sich «Lohn­er­hö­hung» schreibt, und von Null­teue­rung kann ernst­haft nicht die Re­de sein, wenn die für zahl­lo­se Haus­hal­te ins Ge­wicht fal­len­den Aus­ga­ben­pos­ten wie öf­fent­li­cher Ver­kehr und Kran­ken­kas­se be­rück­sich­tigt wer­den. Es darf, so­fern der Ge­schäfts­gang es zu­lässt, vie­ler­orts ganz ger­ne wie­der mal «es bit­ze­li meh si».

Das kla­re Vo­tum macht Mut, ge­ra­de mit Blick auf be­vor­ste­hen­de po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Es ist, nach dem Nein zu «1:12», ein wei­te­rer Be­leg da­für, dass ei­ne ro­bus­te Mehr­heit des Schwei­zer Volks kei­ne staat­li­che Lohn­po­li­tik, kei­ne Kor­set­tie­rung des Ar­beits­mark­tes wünscht. Die Initi­an­ten des toll­dreis­ten Volks­be­geh­rens für ein «be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men» soll­ten sich viel­leicht vor Au­gen hal­ten, dass un­ter die­sen Um­stän­den so­gar über 80% Nein-Stim­men mög­lich sein könn­ten. Der über­zeu­gen­de Ab­weh­r­er­folg ist auch ein Hin­weis an al­le bür­ger­li­chen Kräf­te, dass sich ein Schul­ter­schluss lohnt. Wie sag­te Sha­ke­speare von der hol­den Mu­sik: «...spielt wei­ter; gebt mir im Über­mass da­von.»

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