Eu­ro­pa bleibt stark

Finanz und Wirtschaft - - MONITOR - STE­PHA­NIE LINDECK,

Die Er­geb­nis­se zum Wirt­schafts­wachs­tum in der Eu­ro­zo­ne für das ers­te Quar­tal ent­täusch­ten, und auch die vor­aus­schau­en­den Ein­kaufs­ma­na­ger­indi­zes ge­ra­ten ins Sto­cken. Die ent­täu­schen­den Wirt­schafts­mel­dun­gen ver­an­las­sen den Eu­roS­to­xx 50 sei­nen Seit­wärts­trend fort­zu­set­zen. Beim Dax ist es ähn­lich. Die Ein­kaufs­ma­na­ger­indi­zes des ver­ar­bei­ten­den Ge­wer­bes deu­ten da­ge­gen wei­ter auf ein so­li­de Ex­pan­si­on – bei et­was nach­las­sen­der Dy­na­mik.

Mit der Er­nüch­te­rung dürf­te es auch wie­der mehr Raum für freu­di­ge Über­ra­schun­gen und Auf­wärts­po­ten­zi­al an den eu­ro­päi­schen Ak­ti­en­märk­ten ge­ben. Un­ter­des­sen ni­vel­lie­ren sich die Zins­dif­fe­ren­zen zwi­schen Staats­an­lei­hen der Eu­ro­pe­ri­phe­rie und deut­schen Bun­des­an­lei­hen. Der Sto­xx 600 ran­giert mit 344 so hoch wie seit März 2008 nicht mehr. Un­ter­stüt­zung kommt auch von gu­ten US-Da­ten.

Der S&P 500 no­tiert na­he am All­zeit­hoch – bei his­to­risch nied­ri­ger Vo­la­ti­li­tät. Ent­ge­gen den Er­war­tun­gen der meis­ten Ana­lys­ten, dürf­te die am Don­ners­tag an­ste­hen­de Re­vi­si­on der ers­ten Schät­zung für die US-Quar­tals­zah­len nach oben kor­ri­giert wer­den. Im zwei­ten Quar­tal soll­te die Kon­junk­tur­dy­na­mik in den USA spür­bar an­zie­hen. Schon über­rasch­ten die Auf­trä­ge für lang­le­bi­ge Ge­brauchs­gü­ter deut­lich po­si­tiv.

Der kla­re Sieg des Un­ter­neh­mers Pe­tro Po­ro­schen­ko bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len in der Ukrai­ne soll­te die Chan­cen für ei­ne di­plo­ma­ti­sche Bei­le­gung des Kon­flikts ver­bes­sern. Für ei­nen Ein­stieg in der Ukrai­ne ist es in­des zu früh. Mög­li­che Schul­den­schnit­te und für ei­ne Ge­sun­dung der Wirt­schaft zwin­gend not­wen­di­ge Re­for­men ma­chen das Ri­si­ko

Die Er­nüch­te­rung schafft Raum für neu­es Auf­wärts­po­ten­zi­al.

Kla­re Sie­ger

noch un­kal­ku­lier­bar. Die Ent­span­nung zwi­schen Russ­land und dem Wes­ten dürf­te sich aber denn auch po­si­tiv auf die Stim­mung der Fi­nanz­märk­ten aus­wir­ken.

Auf­hol­po­ten­zi­al ber­gen die eu­ro­päi­schen Pe­ri­phe­rie­län­der. Das Er­geb­nis der Wahl zum Eu­ro­pa­par­la­ment dürf­te kaum Markt­ein­fluss ha­ben. Ab­ge­se­hen von der über­wäl­ti­gen Vo­tum für die de­mo­kra­ti­sche Par­tei von Ita­li­ens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­rio Ren­zi – der FTSE MIB leg­te rund 2% zu – blie­ben die Über­ra­schun­gen über­schau­bar. Die ex­tre­men Rand­par­tei­en ha­ben auf Kos­ten der Kern­par­tei­en zu­ge­legt. Wäh­rend in den süd­li­chen Pe­ri­phe­rie­län­dern eher pro­eu­ro­päi­sche Lin­ke pro­fi­tier­ten, zeugt das Er­geb­nis in den nörd­li­che­ren Län­dern und Frank­reich von Eu­ro­pa­mü­dig­keit, die rechts­ex­tre­men Par­tei­en zu­gu­te kam. Ge­stützt vom star­ken Ein­fluss der Staats- und Fi­nanz­chefs der ein­zel­nen Län­der, blei­ben die eu­ro­päi­schen Kern­par­tei­en aber die Haupt­ak­teu­re in der eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­po­li­tik.

Gross­zü­gi­ge EZB

Ei­ne Sen­kung des Re­fi­nan­zie­rungs­sat­zes durch die EZB nächs­te Woche gilt na­he­zu als ge­setzt. Nun ver­dich­ten Kom­men­ta­re von EZB-Prä­si­dent Ma­rio Draghi und wei­te­ren No­ten­ban­kern die Spe­ku­la­tio­nen um un­kon­ven­tio­nel­le Mass­nah­men. Ne­ben ei­ner Sen­kung des Ein­la­gen­zin­ses un­ter null – de fac­to ein Straf­zins für Ban­ken, die kei­ne Kre­di­te ver­ge­ben wol­len – wer­den auch An­lei­hen­käu­fe ins Spiel ge­bracht.

Ein An­kauf­pro­gramm, wie es die US-No­ten­bank vor­ex­er­zier­te, ist eher un­wahr­schein­lich. Zum ei­nen, weil der Kauf von Staats­an­lei­hen durch die EZB der in den Maas­trich­ter Ver­trä­gen ver­bo­te­nen Staats­fi­nan­zie­rung recht na­he kommt. Ein An­kauf von hy­po­the­ken­be­si­cher­ten An­lei­hen wür­de, an­ders als in den USA, ins Lee­re lau­fen. Die Kre­dit­klem­me in der Eu­ro­zo­ne be­steht nicht im Wohn­bau son­dern bei Un­ter­neh­men.

Ein An­kauf von Un­ter­neh­mens­an­lei­hen oder Un­ter­neh­mens­kre­di­ten durch die EZB steht da­her im Zen­trum der Spe­ku­la­ti­on. Vor­stell­bar ist auch der An­kauf von su­pra­na­tio­na­len An­lei­hen. De­ren Vo­lu­men von 490 Mrd. € dürf­te aus­rei­chen, um über Käu­fe im gros­sen Stil Ein­fluss auf das all­ge­mei­ne Zins­ni­veau zu neh­men. Denk­bar ist auch ei­ne Neu­auf­la­ge der län­ger­fris­ti­gen Re­fi­nan­zie­rungs­pro­gram­me mit Voll­zu­tei­lung. Ob die EZB neue We­ge geht, bleibt vor­erst völ­lig of­fen.

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