Der Ma­cher greift nach der Macht

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - MR

Er ist ei­ner der letz­ten – und könn­te der ers­te Mann im Staat wer­den: Klaus Jo­han­nis, Bür­ger­meis­ter von Her­mann­stadt (ru­mä­nisch Si­biu, un­ga­risch Na­gy­sz­eben), ist der Kan­di­dat ei­nes christ­lich-li­be­ra­len Par­tei­en­bünd­nis­ses für Ru­mä­ni­ens Prä­si­dent­schaft. Der ers­te Wahl­gang fin­det die­ses Wo­che­n­en­de statt. Jo­han­nis ge­hört der auf viel­leicht noch 40 000 See­len ge­schrumpf­ten deutsch­spra­chi­gen Volks­grup­pe der Sie­ben­bür­ger Sach­sen und Ba­na­ter Schwa­ben an.

Gut mög­lich, dass Jo­han­nis es in die Stich­wahl vom 16. No­vem­ber schafft, in der er dem – in den Um­fra­gen vor­ne lie­gen­den – so­zia­lis­ti­schen Pre­mier­mi­nis­ter Vic­tor Pon­ta ge­gen­über­stün­de. Die üb­ri­gen zwölf Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten der Mit­te und der Rech­ten dürf­ten we­ni­ger Chan­cen ge­gen den Ein­heits­kan­di­da­ten der Lin­ken ha­ben.

Jo­han­nis (55, stu­dier­ter Phy­si­ker und ur­sprüng­lich Gym­na­si­al­leh­rer) pro­fi­tiert vom Image­bo­nus des tüch­ti­gen Deut­schen. In sei­nen nun­mehr vier­zehn Jah­ren als un­an­ge­foch­te­ner Chef im Rat­haus von Her­mann­stadt hat er viel er­reicht, für ru­mä­ni­sche Ver­hält­nis­se sehr viel: Jo­han­nis hat west­li­che In­ves­to­ren an­ge­lockt, den Flug­ha­fen mo­der­ni­siert, die In­fra­struk­tur er­neu­ert, die Alt­stadt sa­niert. 2007 war Her­mann­stadt Eu­ro­pas Kul­tur­haupt­stadt; Tou­ris­mus ist dort zum ein­träg­li­chen Ge­schäft ge­wor­den. Jo­han­nis prä­sen­tiert sich dem Pu­bli­kum als Ma­cher, der sich be­son­ders auf drän­gen­de wirt­schaft­li­che Fra­gen kon­zen­trie­ren will. Was in Her­mann­stadt klappt, wä­re in Bu­ka­rest ei­ne Auf­ga­be für Her­ku­les oder gar Si­sy­phus. Ru­mä­ni­ens Po­li­tik zeich­net sich nicht aus durch Ef­fi­zi­enz und Sau­ber­keit, son­dern durch In­tri­ganz und Kor­rup­ti­on. Die Ent­wick­lung des mit 20 Mio. Ein­woh­nern zweit­gröss­ten «Ost­staats» der EU kon­tras­tiert un­vor­teil­haft mit dem Fort­schritt im knapp dop­pelt so gros­sen Po­len. Jo­han­nis’ Mot­to – Ge­setz statt Dieb­stahl, Ta­ten statt Wor­te – ist gold­rich­tig.

Doch ist das letzt­lich ge­gen die unz­im­per­li­che Macht­ma­schi­ne­rie der Post­kom­mu­nis­ten mehr­heits­fä­hig? Nur dann, wenn al­le, die Pon­ta ver­hin­dern wol­len, Jo­han­nis (ru­mä­ni­sche Schreib­wei­se: Io­han­nis) wäh­len. Und da­mit ei­nen Pro­tes­tan­ten in ei­ner vor­wie­gend or­tho­do­xen Ge­sell­schaft. Fa­vo­rit Pon­ta be­tont in sei­ner Kam­pa­gne nicht von un­ge­fähr den Stolz aufs Va­ter­land.

Der Wahl­aus­gang ist über das Land hin­aus von Be­lang, weil ein Über­ra­schungs­sieg Jo­han­nis’ ei­ne li­be­ra­le Wirt­schafts­po­li­tik ein­läu­ten dürf­te, zu­dem ei­ne pro­non­cier­ter pro­west­li­che Aus­sen­po­li­tik. Das Na­to-Mit­glied Ru­mä­ni­en liegt am Schwar­zen Meer, seit Russ­lands Anne­xi­on der Krim ein geo­stra­te­gi­scher Brenn­punkt. Es grenzt im Do­nau­del­ta an die Ukrai­ne, nörd­lich da­von an die arme, sprach­lich ver­wand­te Mol­dau. Die­se ehe­ma­li­ge So­wjet­re­pu­blik wird von Russ­land be­drängt. Ein Ge­biets­strei­fen, Trans­nis­tri­en, ist fak­tisch ein Pro­tek­to­rat Mos­kaus. Jo­han­nis möch­te die Mol­dau nä­her an Eu­ro­pa her­an­füh­ren.

Sei­ne Kan­di­da­tur könn­te als ver­pass­te Chan­ce des mo­der­ni­sie­rungs­be­dürf­ti­gen Lan­des in die Fuss­no­ten der Ge­schich­te ein­ge­hen. Doch soll­te ihm der Coup ge­lin­gen, wä­re Jo­han­nis nicht der ers­te deutsch­stäm­mi­ge Staats­chef: Von 1958 bis 1961 war Ion Mau­rer Prä­si­dent, ein gross­bür­ger­li­cher Kom­mu­nist. Vor al­lem aber: Ru­mä­ni­ens Kö­ni­ge wa­ren Ho­hen­zol­lern.

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