Rechts­sys­tem bremst Re­ba­lan­cing

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ET

Es gibt wohl kei­ne Dis­kus­si­on zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung Chi­nas, die oh­ne den Be­griff Re­ba­lan­cing aus­kommt. Da­bei wird der Aus­druck oft stra­pa­ziert und dient als ver­meint­li­ches All­zweck­mit­tel zur Be­he­bung sämt­li­cher Miss­stän­de der chi­ne­si­schen Wirt­schaft. Re­ba­lan­cing im en­ge­ren Sin­ne be­deu­tet die Ent­wick­lung weg von ei­ner in­ves­ti­ti­ons­ge­trie­be­nen und schul­den­las­ti­gen Wirt­schaft hin zu mehr Bin­nen­kon­sum und fi­nan­zi­el­ler Nach­hal­tig­keit. Im wei­te­ren Sinn sind da­mit auch die Un­gleich­ge­wich­te der Han­dels- und Ka­pi­tal­strö­me zwi­schen Chi­na und dem Rest der Welt ge­meint – Fi­nanz­pro­fes­sor Micha­el Pet­tis an der Uni­ver­si­tät Pe­king spricht von der Dif­fe­renz zwi­schen Kon­sum und Pro­duk­ti­on der ein­zel­nen Län­der.

Für die glo­ba­len Un­gleich­ge­wich­te kann Chi­na nicht al­lein ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den, für die In­ves­ti­ti­on­s­ex­zes­se der letz­ten Jahr­zehn­te hin­ge­gen schon. Pe­king hat das Pro­blem er­kannt und for­ciert des­halb das Re­ba­lan­cing der ei­ge­nen Wirt­schaft schon seit Jah­ren. Der Kon­sum wird durch di­rek­te und in­di­rek­te Mass­nah­men und Re­for­men ge­för­dert (vgl. Text­kas­ten «Re­for­men»). Zu den di­rek­ten Mass­nah­men ge­hört der Aus­bau der So­zi­al­net­ze, zu den in­di­rek­ten zäh­len Steu­er­sen­kun­gen im Di­enst­leis­tungs­sek­tor so­wie der Ab­bau von ad­mi­nis­tra­ti­ven Hür­den für pri­va­te Un­ter­neh­men.

Über den Er­folg und die Um­set­zung der Mass­nah­men für Chi­nas Re­ba­lan­cing wird im Wes­ten ge­strit­ten, und gera­de in Pha­sen mit ei­nem ge­rin­ge­ren Wirt­schafts­wachs­tum wird mo­niert, die Re­gie­rung in Pe­king hal­te die Kon­junk­tur nach wie vor mit Sti­mu­li für den In­fra­struk­tur­sek­tor hoch. Das wie­der­um be­deu­tet er­neut mehr An­la­ge­inves­ti­tio­nen und Schul­den. Dass es mit dem Re­ba­lan­cing nicht weit her sei, be­le­ge auch die no­to­risch tie­fe Kon­sum­quo­te, die mit ei­nem An­teil von 36% am Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) deut­lich un­ter der­je­ni­gen der an­de­ren gros­sen Volks­wirt­schaf­ten liegt.

Doch die­se Be­trach­tung greift zu kurz: Im ers­ten Halb­jahr 2014 tru­gen die Kon­sum­aus­ga­ben der pri­va­ten Haus­hal­te deut­lich mehr zum BIP-Wachs­tum bei als die In­ves­ti­tio­nen. Die In­ves­ti­tio­nen hin­ge­gen, die bis 2011 um rund 25% pro Jahr stie­gen, dürf­ten die­ses Jahr noch 16 bis 18% zu­neh­men. Zu­dem wer­den die In­ves­ti­tio­nen in den Sta­tis­ti­ken sys­te­ma­tisch zu hoch aus­ge­wie­sen. Seit zwei Jah­ren ist der An­teil des Di­enst­leis­tungs­sek­tors am BIP hö­her als der An­teil des In­dus­trie­sek­tors (vgl. Gra­fik). Die Dy­na­mik ist klar: Der Kon­sum wächst schnel­ler als die Ge­samt­wirt­schaft, das Re­ba­lan­cing ist in vol­lem Gan­ge. Aber es braucht noch Zeit, um an das Ni­veau west­li­cher Volks­wirt­schaf­ten her­an­zu­wach­sen.

Da­mit das wirt­schaft­li­che Re­ba­lan­cing in Chi­na so viel ei­ge­ne Kraft ent­wi­ckelt, dass es nach­hal­tig und selbst­tra­gend wird, braucht es je­doch mehr als nur ei­ne hö­he­re Kon­su­mund ei­ne tie­fe­re In­ves­ti­ti­ons­quo­te. Zen­tral für das Ge­sun­den der chi­ne­si­schen Wirt­schaft wird der Pri­vat­sek­tor sein. Um ihn zu stär­ken, ist ein Rechts­sys­tem un­ab­ding­bar, das Ei­gen­tums­rech­te und In­ves­ti­tio­nen schützt. Und das ist trotz vie­ler Wirt­schafts­re­for­men und der jüngs­ten An­kün­di­gun­gen der Re­gie­rung noch Zu­kunfts­mu­sik.

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