Re­for­men wer­den nur schlep­pend um­ge­setzt

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ET

Der Wes­ten hofft schon seit län­ge­rem auf die Um­set­zung der vie­len an­ge­kün­dig­ten Wirt­schafts­re­for­men in Chi­na. Die­se Hoff­nung be­ruht auf ge­sun­dem Ei­gen­in­ter­es­se, denn ei­ne schwa­che chi­ne­si­sche Wirt­schaft oder gar ein ab­rup­tes Ab­sa­cken der Wachs­tums­ra­ten wür­den die ge­sam­te Welt­wirt­schaft mas­siv be­las­ten. Man­che Chin­a­be­ob­ach­ter fürch­ten vor al­lem ei­nen Kol­laps des hoch ver­schul­de­ten Fi­nanz­sys­tems, mit ent­spre­chend ver­hee­ren­den Fol­gen für die Re­al­wirt­schaft.

Die­se Ge­fahr ist nicht ge­ge­ben, denn Pe­king ver­fügt über die Macht und die Mit­tel – und nicht zu­letzt über enor­me De­vi­sen­re­ser­ven –, um das fast voll­stän­dig staat­lich kon­trol­lier­te Ban­ken­sys­tem zu steu­ern, not­falls zu ret­ten und bei ei­nem Ver­sie­gen aus­län­di­scher Ka­pi­tal­quel­len li­qui­de zu hal­ten. Doch die­se Ge­wiss­heit birgt ih­rer­seits Ge­fah­ren, denn in Chi­na scheint sich so et­was wie Selbst­ge­fäl­lig­keit breit­zu­ma­chen. Fau­le Kre­di­te wer­den mun­ter ver­län­gert, Zah­lungs­aus­fäl­le tun­lichst ver­mie­den. Die Be­hör­den spie­len mit.

Der Re­form­wil­le weicht den prag­ma­ti­schen Wachs­tums­zie­len. Dass jüngst die Gläu­bi­ger ei­nes An­fang Jahr zah­lungs­un­fä­hig ge- wor­de­nen So­lar­pa­nel­her­stel­lers doch noch vom Staat ent­gol­ten wur­den, zeugt in der Tat nicht von der Durch­set­zung markt­wirt­schaft­li­cher Prin­zi­pi­en.

Mit In­ter­es­se wur­de des­halb das vier­te Plenum der Re­gie­rung Xi Jin­ping/Li Ke­qiang im Ok­to­ber be­ob­ach­tet, in des­sen Fokus die ver­spro­che­ne Re­for­mie­rung des Rechts­sys­tems stand. Oh­ne un­ab­hän­gi­ge Recht­spre­chung und Si­che­rung der Ei­gen­tums­rech­te kann sich der Pri­vat­sek­tor – der Haupt­trei­ber künf­ti­gen Wirt­schafts­wachs­tums – nicht in die ge­wünsch­te Rich­tung ent­wi­ckeln (vgl. Text­kas­ten «Re­ba­lan­cing»).

Mit wel­chen Mass­nah­men die Glaub­wür­dig­keit der Ge­rich­te er­höht wer­den soll, wird sich zei­gen. Der von Pe­king an­ge­kün­dig­te Strauss ist um­fang­reich und reicht von der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Rechts­we­sens über die Schaf­fung über­re­gio­na­ler Ge­rich­te bis zu ei­ner le­bens­lan­gen Re­chen­schafts­pflicht für ge­wis­se Ent­schei­dun­gen.

Doch wie nicht an­ders zu er­war­ten war, blieb der Füh­rungs­an­spruch der Par­tei auch im Rechts­we­sen un­an­ge­tas­tet, was ei­ne ech­te Un­ab­hän­gig­keit der Ge­rich­te na­tür­lich re­la­ti­viert. Aber auch oh­ne sie kann das Rechts­we­sen in Chi­na deut­lich ver­bes­sert wer­den.

Dass vie­les an­ge­dacht, aber die Durch­set­zung noch man­gel­haft ist, zeigt auch die Frei­han­dels­zo­ne Schang­hai (FTZS). Die vor ei­nem Jahr mit viel Brim­bo­ri­um aus der Tau­fe ge­ho­be­ne Pi­lot­zo­ne zum Aus­pro­bie­ren der Markt­li­be­ra­li­sie­rung und der Öff­nung des Fi­nanz­sys­tems ist ge­mäss Re­gie­rungs­an­ga­ben äus­serst er­folg­reich. Mehr als 12 000 chi­ne­si­sche und aus­län­di­sche Un­ter­neh­men hät­ten in der FTZS Nie­der­las­sun­gen re­gis­trie­ren las­sen. Chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men sind je­doch von der Re­gie­rung zu die­sem Schritt «mo­ti­viert» wor­den, aus­län­di­sche Be­trie­be hof­fen auf ei­nen First-Mo­ver-Vor­teil.

Die Nach­fra­ge, gera­de auch bei Schwei­zer Un­ter­neh­men in Schang­hai, zeigt: Es sind zwar vie­le Un­ter­neh­men dort neu vor Ort, sie war­ten aber mit der Auf­nah­me oder dem Aus­bau von Ge­schäfts­ak­ti­vi­tä­ten, weil die Rechts­la­ge nach wie vor un­klar ist.

Das ist scha­de, denn in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten hat die chi­ne­si­sche Wirt­schaft ge­zeigt, dass sie ei­ne Ver­lang­sa­mung der Wachs­tums­ra­ten ver­kraf­ten kann, oh­ne dass der Ar­beits­markt – die ers­te Prio­ri­tät Pe­kings – dar­un­ter lei­det. Ge­mäss dem Chi­na Bei­ge Book (CBB) wä­re es mög­lich, die Re­for­men um­zu­set­zen, wenn die Re­gie­rung in Pe­king den Wil­len da­zu hät­te.

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