Das do­mi­nan­te Gen der EZB

Finanz und Wirtschaft - - MEINUNG -

In Ja­pan be­gann die Flucht nach vorn vor zwei Jah­ren. Nach­dem zwan­zig Jah­re lang nichts den Wür­ge­griff der De­fla­ti­on hat­te lo­ckern kön­nen, setz­te der neue Pre­mier Abe auf ei­nen gi­gan­ti­schen Zan­gen­an­griff: Geld­schöp­fung durch Wert­schrif­ten­käu­fe (Quan­ti­ta­ti­ve Ea­sing, QE), Fis­kal­im­pul­se und Struk­tur­re­for­men (vgl. Sei­te 24).

Ein ähn­li­cher, wenn­gleich weit we­ni­ger ko­or­di­nier­ter Wan­del zeich­net sich seit zwei Mo­na­ten in Eu­ro­pa ab: Die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) be­schloss im Sep­tem­ber den Kauf von Pfand­brie­fen und Kre­dit­ver­brie­fun­gen. Ei­nen Mo­nat zu­vor hat­te ihr Chef Ma­rio Draghi Alarm ge­schla­gen: Der De­fla­ti­ons­sog war mess­bar ge­wor­den, die In­fla­ti­ons­er­war­tun­gen am Markt wa­ren erst­mals ge­sun­ken. Im Ok­to­ber kün­dig­te die EU In­ves­ti­tio­nen über 300 Mrd. € an (vgl. Sei­te 25). In­zwi­schen scheint die Zahl der Ex­per­ten, die für An­fang 2015 ein QE der EZB er­war­ten, ex­po­nen­ti­ell zu stei­gen. Die EZB-Kauf­pro­gram­me lies­sen bis­her ver­mu­ten, ihr fehl­ten die Ge­ne ei­nes ech­ten letz­ten Kre­dit­ge­bers: Die Sta­tu­ten ver­bie­ten den Kauf von Staats­an­lei­hen zur Staats­fi­nan­zie­rung.

Aber in der EZB be­ginnt sich das Be­wusst­sein durch­zu­set­zen, das Man­dat der Preis­sta­bi­li­tät könn­te an­de­re Tei­le ih­res Genco­des wie eben die­ses Ver­bot not­falls über­steu­ern. Und es ist ein Not­fall: Al­le bis­he­ri­gen Ziel­märk­te sind zu klein, um die Bi­lanz durch Käu­fe ge­nug aus­zu­deh­nen. Der Kol­laps ei­nes gros­sen Lan­des kä­me ei­nem De­fla­ti­ons­schock über den Eu­ro­raum hin­aus gleich.

Wür­den Re­for­men die­ses Ri­si­ko zeit­nah ver­rin­gern – oder er­hö­hen? Es ist kein Zu­fall, dass Draghi die neue Ein­stim­mig­keit im EZB-Rat für wei­te­re kon­ven­tio­nel­le Mass­nah­men wie ei­ne Tro­phäe her­um­reicht. Er scheint zu wis­sen, wo­für Kanz­le­rin Mer­kel sie hal­ten dürf­te: al­ter­na­tiv­los.

Res­sort­lei­ter zum The­ma Ja­pan und Eu­ro­zo­ne

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