Was es für ein in­tel­li­gen­tes Kol­lek­tiv braucht

Finanz und Wirtschaft - - MEN - FH

Sei­nem Cou­sin, dem Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gen Charles Dar­win, stand Fran­cis Gal­ton hin­sicht­lich In­tel­li­genz und Wiss­be­gier­de kaum nach. 1906 be­such­te der viel­sei­tig be­gab­te Na­tur­wis­sen­schaf­ter ei­ne Land­wirt­schafts­mes­se in Ply­mouth, wo er Zeu­ge ei­nes in­ter­es­san­ten Wett­be­werbs wur­de: Je­der Be­su­cher war da­zu ein­ge­la­den, das Net­to­ge­wicht ei­nes Och­sen nach des­sen Schlach­tung zu schät­zen. Die Auf­ga­be er­wies sich als schwie­rig. Kei­ner der rund 800 Teil­neh­mer – dar­un­ter ge­stan­de­ne Pro­fis wie Metz­ger und Vieh­züch­ter – schaff­te es, das kor­rek­te Re­sul­tat von 1198 Pfund zu er­ra­ten.

Gal­ton war um­so über­rasch­ter, als er den arith­me­ti­schen Durch­schnitt al­ler ab­ge­ge­be­nen Tips be­rech­ne­te. Er lag bei 1197 Pfund – und wich da­mit le­dig­lich ein Pro­mil­le von der rich­ti­gen Lö­sung ab. Die Schät­zung des Kol­lek­tivs hat­te sich als deut­lich ge­nau­er er­wie­sen als je­de der in­di­vi­du­el­len Schät­zun­gen. Gal­ton, der ei­gent­lich die Dumm­heit von Mas­sen be­le­gen woll­te, hat­te mit sei­nem Ver­such prompt das Ge­gen­teil be­wie­sen.

Die­se Epi­so­de dient als ein­lei­ten­de An­ek­do­te im 2004 er­schie­ne­nen Buch «The Wis­dom of Crowds» von Ja­mes Su­ro­wiecki. Dar­in il­lus­triert der US-Jour­na­list in zahl­rei­chen Bei­spie­len, dass Ent­schei­dun­gen ei­nes Kol­lek­tivs oft bes­se­re Re­sul­ta­te er­zie­len als die­je­ni­gen ei­nes bes­tens in­for­mier­ten In­di­vi­du­ums. Da­mit sich die­se Grup­pen­in­tel­li­genz al­ler­dings ent­fal­ten kann, müs­sen ge­wis­se Gr­und­vor­aus­set­zun­gen er­füllt sein: Ers­tens soll­te es ein brei­tes Spek­trum un­ter­schied­li­cher Mei­nun­gen ge­ben, wo­bei es sich al­ler­dings auch nur um in­di­vi­du­el­le In­ter­pre­ta­tio­nen be­kann­ter Fak­ten han­deln kann – denn die Grup­pen­in­tel­li­genz wird mass­geb­lich von der Di­ver­si­tät ge­speist.. Zwei­tens muss die Mei­nungs­fin­dung der In­di­vi­du­en un­ab­hän­gig von­ein­an­der ge­sche­hen. Drit­tens soll­ten sich die ein­zel­nen Schät­zun­gen am En­de zu ei­ner kol­lek­ti­ven Mei­nung zu­sam­men­füh­ren las­sen.

So­wohl Su­ro­wiecki als auch ei­ne Stu­die aus dem Um­feld der ETH von 2011 zei­gen je­doch auf, dass oh­ne die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht nur die In­tel­li­genz des Kol­lek­tivs ab­nimmt. Sie kann auch in ne­ga­ti­ve Mas­sen­phä­no­me­ne wie et­wa Bör­sen­bla­sen um­schla­gen. Grund da­für ist, dass so­bald In­di­vi­du­en die Mei­nung der an­de­ren ken­nen und nach ei­nem ge­mein­sa­men Nen­ner stre­ben, sich das Spek­trum mög­li­cher Lö­sun­gen und An­sich­ten ver­engt.

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