Glei­che Trans­port­be­din­gun­gen für al­le Da­ten

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Netz­neu­tra­li­tät meint die Gleich­be­hand­lung al­ler Da­ten­über­tra­gun­gen im In­ter­net, un­ab­hän­gig von Sen­der, Emp­fän­ger oder In­halt der Da­ten. So vie­le In­ter­es­sen es im In­ter­net gibt, so vie­le Aus­le­gun­gen des Be­griffs gibt es. In der stren­gen Aus­le­gung, in ei­nem «ega­li­tä­ren» In­ter­net, wird nicht zwi­schen ver­schie­de­nen An­wen­dun­gen un­ter­schie­den: Ob es sich um den Durch­lauf von da­ten­in­ten­si­ven TV-Sen­dun­gen han­delt oder bloss um das Ver­sen­den ei­ner schlan­ken E-Mail, al­le Da­ten un­ter­lie­gen den­sel­ben Trans­port­be­din­gun­gen.

Ei­ne wei­che­re Aus­le­gung un­ter­schei­det zwi­schen Di­ens­ten und An­wen­dun­gen. So ha­ben Vi­deo oder Te­le­fo­nie un­ter­schied­li­che Da­ten­ra­ten, die ver­schie­den prio­ri­siert wer­den dür­fen. So­lan­ge ge­nü­gend Trans­port- ka­pa­zi­tät vor­han­den ist, ist die Gleich­be­hand­lung von Da­ten­strö­men un­pro­ble­ma­tisch. Wenn es eng wird, kann ein Netz­be­trei­ber die Über­tra­gungs­qua­li­tät dif­fe­ren­zie­ren, et­wa um die Qua­li­tät eigener Di­ens­te (z. B. In­ter­ne­tTV) zu ge­währ­leis­ten. Durch die­se Dif­fe­ren­zie­rung kann ein Netz­be­trei­ber je­doch auch be­stimm­te An­wen­dun­gen, die das ei­ge­ne An­ge­bot kon­kur­ren­zie­ren, schlech­ter stel­len oder aus­schlies­sen (z. B. Sky­pe oder Whats­App) oder für spe­zia­li­sier­te Di­ens­te wie In­ter­net-Te­le­fo­nie ein Ent­gelt ver­lan­gen.

Netz­be­trei­ber leh­nen die stren­ge Aus­le­gung der Netz­neu­tra­li­tät meist ab, weil sie den Da­ten­durch­lauf im Sin­ne ei­nes ef­fi­zi­en­ten Netz­werk­ma­nage­ments selbst ver­wal­ten möch­ten. Kri­ti­ker mo­nie­ren, dass Netz­be­trei­ber ih­re Mo­no­pol­stel­lung aus­nut- zen, um für die Prio­ri­sie­rung von In­hal­ten Ge­büh­ren zu ver­lan­gen, was wie­der­um klei­ne­re An­bie­ter dis­kri­mi­nie­ren wür­de, die im In­ter­net die wich­tigs­ten Trä­ger von In­no­va­ti­on und Fort­schritt sei­en.

Die Schweiz kennt bis heu­te kei­ne ge­setz­li­che Richt­li­nie zur Netz­neu­tra­li­tät, erst im März lehn­te der Stän­de­rat ei­ne ent­spre­chen­de Mo­ti­on ab. In Eu­ro­pa gel­ten noch län­der­spe­zi­fi­sche Re­geln (vgl. Ta­bel­le). Die Schwei­zer Netz­be­trei­ber ha­ben sich in ei­nem frei­wil­li­gen Ver­hal­tens­ko­dex zu ei­nem of­fe­nen und frei­en In­ter­net be­kannt. «Im Mo­ment greift die Selbst­re­gu­lie­rung», sagt der CEO des TV-Di­ens­tes Zat­too, Ni­k­las Bram­bring. Doch das gel­te mög­li­cher­wei­se nur, so­lan­ge Netz­neu­tra­li­tät ein öf­fent­li­ches The­ma sei, prä­zi­siert er. oder Te­le­fon. Netz­be­trei­ber müs­sen al­le Da­ten im In­ter­net gleich be­han­deln. Be­vor­zu­gung von spe­zi­fi­schen Da­ten­strö­men ge­gen Zah­lung ist un­zu­läs­sig.

Die gros­sen Netz­be­trei­ber wie Com­cast oder AT&T sind alar­miert. Acht Un­ter­neh­men stren­gen ju­ris­ti­sche Schrit­te an, um die Richt­li­nie zu stop­pen. Für die Netz­be­trei­ber sind die ge­nau­en fi­nan­zi­el­len Im­pli­ka­tio­nen un­klar. Ge­mäss der Ra­ting-Agen­tur Fitch ist je­doch ge­wiss, dass die neu­en Re­geln Ge­schäfts­mo­del­le und In­ves­ti­ti­ons­ver­hal­ten der Netz­be­trei­ber mas­siv ver­än­dern. «Netz­neu­tra­li­tät wird auch als Lob­by­ing-Werk­zeug von Or­ga­ni­sa­tio­nen ein­ge­setzt, die kla­re kom­mer­zi­el­le In­ter­es­sen ver­fol­gen», sagt John Strand von der Tele­com­be­ra­tung Strand Con­sul­ting. Er meint US-Stif­tun­gen mit ei­ge­nen Be­tei­li­gun­gen an Tech-Fir­men.

Denn die Ge­win­ner re­gu­la­to­risch fest­ge­leg­ter Netz­neu­tra­li­tät sind nicht nur klei­ne, in­no­va­ti­ve An­bie­ter, die un­ein­ge­schränk­ten Zu­gang zum In­ter­net-Welt­markt brau­chen, son­dern auch TechRie­sen wie Net­flix, Ama­zon, Face­book oder Goog­le. Die­se kön­nen sich auf ei­ne vom Re­gu­la­tor ga­ran­tier­te, freie Da­ten­au­to­bahn ver­las­sen, oh­ne für ei­nen pri­vi­le­gier­ten Zu­gang zur In­fra­struk­tur zah­len zu müs­sen. Den Preis für ein ver­meint­lich neu­tra­les In­ter­net wer­den in ers­ter Li­nie die Netz­be­trei­ber zah­len, und ge­ge­be­nen­falls auch die End­nut­zer.

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