Po­ker der No­ten­ban­ken

Finanz und Wirtschaft - - MONITOR - HEINZ RÜTTIMANN,

Die Schwel­len­län­der be­kom­men kurz­fris­tig Auf­wind.

Um lang­fris­tig ein er­folg­rei­cher Po­ker­spie­ler zu sein, muss man die «Pot Odds» ken­nen − das Ver­hält­nis zwi­schen Ein­satz und mög­li­chem Ge­winn. Ver­schiebt sich das Ver­hält­nis zu­un­guns­ten des Spie­lers, steigt er aus dem Spiel aus und wirft die Kar­ten auf den Tisch. Tä­tigt der Spie­ler ei­nen wei­te­ren Ein­satz, ver­folgt er ei­ne Bluff-Stra­te­gie: Er spielt ei­nen Ein­satz mit ei­nem schwa­chen Blatt. Der Ver­gleich mag ge­wagt sein, aber die Po­ker­spie­ler mit den gröss­ten Ein­sät­zen auf die­ser Welt sind Ja­net Yel­len, Ma­rio Draghi, Ha­r­u­hi­ko Ku­ro­da und Zhou Xiao­chuan − mit ih­ren Zen­tral­ban­ken in den USA, Eu­ro­pa, Ja­pan und Chi­na.

Der Un­ter­schied zu ei­nem rich­ti­gen Po­ker­spie­ler ist, dass dank der ei­ge­nen Geld­schöp­fung kei­ner aus­stei­gen muss, auch wenn die Pot Odds un­güns­tig sind. Eben­falls ge­wagt sein mag die Aus­sa­ge, dass die Ära und Wirk­sam­keit der No­ten­ban­ken lang­sam zu En­de geht. Als Bei­spiel dient die ja­pa­ni­sche Zen­tral­bank: Die Po­li­tik der quan­ti­ta­ti­ven Lo­cke­rung durch Käu­fe von An­lei­hen scheint ihr Li­mit zu er­rei­chen. Um die Wäh­rung wei­ter zu schwä­chen, führ­te Ha­r­u­hi­ko Ku­ro­da des­halb En­de Ja­nu­ar erst­mals Ne­ga­tiv­zin­sen ein. Ku­ro­das Blatt war aber schwach, und der Markt er­kann­te den Bluff. Nach ei­nem kur­zen Tau­cher wer­te­te sich der Yen wie­der auf. Vor zwei Jah­ren wä­re ei­ne sol­che Re­ak­ti­on un­denk­bar ge­we­sen.

Wie po­si­tio­nie­ren?

Vor zwei Ta­gen war Ma­rio Draghi am Zug: Mit ei­nem Po­ker­face er­höh­te er sei­nen Ein­satz und drück­te noch­mals kräf­tig auf das geld­po­li­ti­sche Gas­pe­dal. Er­neut schie­nen die Märk­te den Spiel­zug als Bluff zu durch­schau­en. Wie in Ja­pan sack­te der Euro zu­erst ab und er­hol­te sich dann wie­der. Für die Ak­ti­en­märk­te kommt der ent- schei­den­de Spiel­zug aber nächs­te Wo­che, wenn Ja­net Yel­len ih­re Kar­ten zückt. Die Wahr­schein­lich­keit für ei­nen US-Zins­schritt im März geht ge­gen null. Un­si­cher­hei­ten be­ste­hen hin­ge­gen noch im­mer ge­gen­über der Fed-Pro­gno­se von vier Zins­schrit­ten zu je 25 Ba­sis­punk­ten im lau­fen­den Jahr.

Mit Ma­rio Drag­his geld­po­li­ti­schen Vor­ga­ben ist es ei­ne Fra­ge der Zeit, bis Ja­net Yel­len of­fi­zi­ell von die­ser Pro­gno­se Ab­stand nimmt. Die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on ist noch nicht voll­stän­dig im Markt ein­ge­preist und wird Aus­wir­kun­gen auf den Dol­lar, Rohstoffe und die Ak­ti­en­märk­te ha­ben. Für In­ves­to­ren gilt es sich für die kom­men­den vier bis sechs Mo­na­te zu po­si­tio­nie­ren, be­vor Ja­net Yel­len ih­re Kar­ten mit un­be­weg­ter Mie­ne auf den Tisch legt. Seit dem Kurs­ein­bruch im Ja­nu­ar hat sich der S&P 500 fast voll­stän­dig wie­der er­holt. So­weit die gu­te Nach­richt.

Mög­li­che Bo­den­bil­dung

Das Po­ten­zi­al für die kom­men­den Mo­na­te liegt aber nicht in den USA, und der S&P 500 wird kaum viel mehr als über die 2000 Punk­te stei­gen kön­nen. Die US-Wirt­schaft hat ih­ren Hö­he­punkt über­schrit­ten, die Mar­gen sind un­ter Druck und die Be­wer­tun­gen auf er­höh­tem Ni­veau. Eu­ro­pa sieht zwar bei den Be­wer­tun­gen ein biss­chen bes­ser aus, lässt aber bei der Ge­winn­dy­na­mik zu wün­schen üb­rig. Der Euro Sto­xx 600 ist seit Jah­res­an­fang noch im­mer bei –7%. Hier be­steht Auf­hol­po­ten­zi­al, aber nicht viel mehr als in den USA. Für die west­li­chen Märk­te sind es eher trü­be Aus­sich­ten bei hö­he­rer Vo­la­ti­li­tät. Die Schwel­len­län­der be­kom­men da­für seit Lan­gem erst­mals wie­der Auf­wind.

Der Nie­der­gang von Schwel­len­län­der­ak­ti­en, –wäh­run­gen und des Öl­prei­ses über die letz­ten Mo­na­te war sprich­wört­lich dra­ma­tisch, und ei­ni­ge Märk­te stan­den vor der Ka­pi­tu­la­ti­on. Ob ei­ne Bo­den­bil­dung statt­fin­det, lässt sich noch nicht sa­gen, aber zu­min­dest kann man kurz­fris­tig dar­auf auf­bau­en. Ist die Fed-Zins­pro­gno­se für 2016 erst ein­mal vom Tisch, soll­ten die Schwel­len­län­der zu­sätz­li­chen Auf­trieb er­hal­ten. Der Dol­lar dürf­te an Kraft ver­lie­ren und die Ge­gen­be­we­gung bei den Roh­stof­fen, Wäh­run­gen und Ak­ti­en stüt­zen. Von den drei Re­gio­nen ha­ben die Schwel­len­län­der Asi­ens beim Ri­si­ko-Ren­di­te-Ver­hält­nis die Na­se vorn. Die Be­wer­tun­gen sind güns­tig und die Re­gi­on hat bei wei­tem den gröss­ten Spiel­raum bei geld- und fis­kal­po­li­ti­schen Mass­nah­men.

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