Ne­ga­tiv­zin­sen

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ROLF ROTHA­CHER, FRITZ STAU­BER,

FuW Nr. 20 vom 12. März Ich fü­ge noch ei­nen sechs­ten Kri­tik­punkt an: Zin­sen und Ge­win­ne sind wie Ben­zin und Die­sel im Mo­tor der Wirt­schaft. Mit Nul­lzin­sen fehlt uns die ei­ne Hälf­te der Ener­gie. Die Wirt­schaft lief zwar noch mit Hil­fe der Tank­fül­lung (be­reits lau­fen­de An­lei­hen mit hö­he­rer Ver­zin­sung) wei­ter. Doch nach sie­ben Jah­ren geht der Vor­rat zur Nei­ge, und die Hälf­te der Wirt­schaft be­ginnt zu er­lah­men, denn ei­ne freie und da­mit ziel­ge­rich­te­te Al­lo­ka­ti­on der Gel­der wird zu­se­hends ver­hin­dert. Der zwei­te Treib­stoff aber (die Ge­win­ne) sinkt nun eben­falls, weil die ei­ne Hälf­te des Wirt- schafts­mo­tors zu stot­tern be­ginnt. Ja­pan für sich al­lein konn­te mit sei­ner Null­zins­po­li­tik zwan­zig Jah­re über­ste­hen, zapf­te da­zu ein­fach die Zins­res­sour­cen welt­weit an (Aus­lan­din­ves­ti­tio­nen). Seit je­doch auch die USA und die Eu­ro­län­der mit Nied­rig­zin­sen/Nul­lzin­sen/Ne­ga­tiv­zin­sen her­um­fah­ren, fehlt es zu­neh­mend welt­weit an Treib­stoff.

Wir ver­ges­sen zu leicht, dass der wirt­schaft­li­che Auf­schwung des Wes­tens erst be­gann, nach­dem das Zins­ver­bot im Chris­ten­tum ge­lo­ckert wor­den war und ge­gen En­de des 16. Jahr­hun­derts voll­stän­dig fiel. Ver­glei­chen wir näm­lich die Ent­wick­lung christ­li­cher und is­la­mi­scher Län­der seit 1600, so er­ken­nen wir, dass frei ver­han­del­ba­re und da­mit markt­ge­rech­te Zin­sen zu ei­ner op­ti­ma­len Al­lo­ka­ti­on der Gel­der füh­ren und so we­ni­ger Res­sour­cen ver­schwen­det wer­den oder gar brach­lie­gen. Im Is­la­mic Ban­king da­ge­gen be­steht das Zins­ver­bot bis heu­te fort. Al­le Geld­ge­schäf­te wer­den be­hin­dert, was ei­ne op­ti­ma­le Al­lo­ka­ti­on ver­hin­dert. Un­se­re Zen­tral­ban­ken ge­fähr­den mit ih­rer Null­zins­po­li­tik die Al­lo­ka­ti­on ge­nau­so wie das Zins­ver­bot von frü­her. Sie ris­kie­ren ei­ne wei­te­re Er­lah­mung der Wirt­schaft und da­mit un­mit­tel­bar un­se­ren Wohl­stand. Zur­zeit herrscht bei der öf­fent­li­chen Hand die strik­te De­vi­se: Spa­ren. War­um ei­gent­lich? Ih­re aus­ge­wie­se­ne Schuld be­tra­ge ge­gen­wär­tig noch ge­gen 40% der jähr­li­chen Wirt­schafts­leis­tung (BIP). Auch das ist näm­lich ein Grund für den seit ge­rau­mer Zeit star­ken Fran­ken. Die Maas­trich­tK­ri­te­ri­en ge­ben EU-Län­dern ei­ne Li­mi­te von 60% vor. Aber nur we­ni­ge ver­mö­gen sie ein­zu­hal­ten.

Zur­zeit sind die Zin­sen auf his­to­risch nie ge­kannt tie­fem Ni­veau. War­um al­so nicht aus­nahms­wei­se vor­zei­tig/un­zei­tig An­lei­hen auf­neh­men/aus­ge­ben, die die öf­fent­li­che Hand, vor­ab den Bund, nichts kos­ten? Zum Bei­spiel je 5 Mrd. Fr. über fünf, zehn, fünf­zehn und zwan­zig Jah­re. Das wä­ren dann ins­ge­samt 20 Mrd. Fr. zu­sätz­li­che Schul­den. Vie­le In­fra­struk­tur­in­ves­ti­tio­nen, wie di­ver­se Strassen- und Bahn­tun­nel­pro­jek­te bis hin zur Sa­nie­rung des Weis­sen­stein­tun­nels und der vie­len noch un­ge­si­cher­ten Bahn­über­gän­ge im Land, könn­ten frü­her als vor­ge­se­hen in An­griff ge­nom­men wer­den. Selbst die Mo­der­ni­sie­rung der Ar­mee – und hier­bei auch der Kauf neu­er Kampf­flug­zeu­ge, wo­bei die Fran­ken­stär­ke in die­sem Fall gar von Vor­teil ist.

Falls das Zins­ni­veau wäh­rend der er­wähn­ten Zeit­span­nen wie­der steigt, wo­von aus­zu­ge­hen ist, be­ginnt der Kurs die­ser Null­pro­zent-An­lei­hen­ob­li­ga­tio­nen zu sin­ken. Der Bund kann dann al­len­falls ei­nen Teil suk­zes­si­ve am Markt mit ei­nem Di­sa­gio zu­rück­kau­fen und er­zielt Ge­winn. Da könn­te zwar ge­schluss­fol­gert wer­den, der Bund über­vor­tei­le In­ves­to­ren, u. a. Pen­si­ons­kas­sen und Ver­si­che­run­gen. Da­zu braucht es nicht un­be­dingt zu kom­men. Tei­le die­ser An­lei­hen­ob­li­ga­tio­nen kön­nen bis zur Fäl­lig­keit ge­hal­ten wer­den. Gross­in­ves­to­ren zah­len mo­men­tan eh Ne­ga­tiv­zin­sen bis zu 0,75% p. a.

Last but not least könn­ten in spä­te­ren Jah­ren fäl­lig wer­den­de, ver­zins­li­che An­lei­hen – teil­wei­se – durch vor­zei­tig auf­ge­nom­me­ne, noch nicht be­an­spruch­te Null­pro­zen­ter ab­ge­löst wer­den, was die Null­pro­zent-Zins­pha­se ver­län­gert. Für ein­mal nicht beim Per­so­nal, son­dern bei den Zin­sen spa­ren!

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