Sin­ken­der Zins

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE -

Der rea­le Zins ist der Preis für die Kre­dit­ver­ga­be. Im wirt­schaft­li­chen Gleich­ge­wicht – der Voll­aus­las­tung ei­ner Volks­wirt­schaft – herrscht laut dem schwe­di­schen Öko­no­men Knut Wick­sell der na­tür­li­che Zins. Wick­sell de­fi­nier­te 1898 die­sen Zins so, dass mit ihm Preis­sta­bi­li­tät ein­her­geht. Wird der Zins un­ter die­sen na­tür­li­chen Satz ge­drückt, wird zu viel Kre­dit auf­ge­nom­men. Die Wirt­schaft läuft heiss, die In­fla­ti­on steigt. Ein zu ho­her Zins drückt die Wirt­schaft da­ge­gen un­ter ihr Po­ten­zi­al.

Die No­ten­ban­ken stre­ben Preis­sta­bi­li­tät an. Im­pli­zit ver­sucht die Geld­po­li­tik da­her mit ih­ren Leit­zin­sen den – nicht of­fen­sicht­li­chen – na­tür­li­chen Zins zu tref­fen. Herrscht De­fla­ti­on, ist das ein Zei­chen, dass ein nied­ri­ge­rer Zins an­ge­bracht wä­re. In­fla­ti­on muss da­ge­gen mit ho­hen Zin­sen be­kämpft wer­den.

Schon Wick­sell hat­te er­kannt, dass der na­tür­li­che Zins nicht kon­stant ist. Die Re­al­zin­sen sin­ken glo­bal seit Jahr­zehn­ten (vgl. Gra­fik 3). Das hat nicht zu mehr In­fla­ti­on ge­führt, was man von nied­ri­ge­ren Zin­sen ei­gent­lich er­war­ten könn­te. Die Öko­no­men Lu­kasz Ra­chel und Tho­mas Smith von der bri­ti­schen No­ten­bank neh­men da­her an, dass der na­tür­li­che Zins ge­sun­ken ist. Sie ver­wei­sen auf Fak­to­ren, die das An­ge­bot (Er­spar­nis­se) und die Nach­fra­ge (In­ves­ti­tio­nen) von Ka­pi­tal be­ein­fluss­ten.

Es ge­be hö­he­re Er­spar­nis­se durch die ve­rän­der­te Al­ters­struk­tur der Be­völ­ke­rung, be­ob­ach­ten die Öko­no­men. Ein hö­he­rer An­teil von Men­schen im ar­beits­fä­hi­gen Al­ter ha­be mehr Er­spar­nis­se zur Fol­ge, da sie für ih­re Pen­si­on vor­sorg­ten. Der Ef­fekt könn­te sich um­keh­ren, wenn mehr Men­schen in Ren­te ge­hen. Aus­ser­dem sei­en die Spar­quo­ten durch ei­ne wach­sen­de Un­gleich­heit in vie­len Län­dern ge­stie­gen. Men­schen mit mehr Ver­mö­gen le­gen mehr zu­rück.

Auf der Nach­fra­ge­sei­te sind die In­ves­ti­tio­nen laut den Öko­no­men der Bank of En­g­land zu­rück­ge­fal­len. Ein Haupt­grund: Ka­pi­tal­gü­ter sei­en re­la­tiv zum all­ge­mei­nen Preis­ni­veau güns­ti­ger. «Ein ge­ge­be­nes In­ves­ti­ti­ons­pro­jekt kos­tet des­halb we­ni­ger», schrei­ben die Au­to­ren der Stu­die. «Das In­ves­ti­ti­ons­vo­lu­men als An­teil am Brut­to­in­land­pro­dukt sinkt da­durch.» Auch die öf­fent­li­che Hand hält sich laut den Au­to­ren mit ih­rer Nach­fra­ge nach Ka­pi­tal zu­rück: «Die öf­fent­li­chen In­ves­ti­tio­nen sind seit den Acht­zi­ger­jah­ren auf ei­nem ab­stei­gen­den Trend.» Dank der Schwel­len­län­der, be­son­ders we­gen der In­ves­ti­tio­nen Chi­nas, wer­de die­se Ten­denz aber seit ei­ni­gen Jah­ren ge­bro­chen.

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