Bais­se oder nicht Bais­se?

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - AL­FONS COR­TÉS,

Nichts sei äl­ter als die Zei­tung von ges­tern, heisst es. Gu­te Zei­tun­gen brin­gen in­des im­mer wie­der Bei­trä­ge von zeit­lo­ser Re­le­vanz, die es wert sind, auf­be­wahrt und bei Be­darf wie­der kon­sul­tiert zu wer­den. Ein sol­cher ist in der FuW vom 19. März er­schie­nen («Schein­si­cher­heit in der Ban­ken­re­gu­lie­rung» von Dr. Si­mon Zemp). Ei­ne Fest­stel­lung dar­aus: «In­for­ma­tio­nen als sol­che exis­tie­ren nicht. Sie sind viel­mehr an den je­wei­li­gen Be­ob­ach­ter und sei­ne spe­zi­fi­schen men­ta­len Struk­tu­ren ge­bun­den.»

Das ist die ent­schei­den­de Er­kennt­nis. Die Bör­se ist nichts an­de­res als ei­ne Ver­net­zung von Mil­lio­nen von Ge­hir­nen. Wir brau­chen die ko­gni­ti­ve Neu­ro­wis­sen­schaft, um ein Kon­zept zu bil­den, wie Men­schen In­for­ma­tio­nen re­zi­pie­ren, sie in­ter­pre­tie­ren und Per­zep­te bil­den. Wir brau­chen Evo­lu­tio­na­ry Fi­nan­ce, um zu ver­ste­hen, wie sich die je­wei­li­gen Per­zep­te ag­gre­giert aus­wir­ken. Wir brau­chen Öko­no­mik, um die we­sent­li­chen In­for­ma­tio­nen aus dem be­nach­bar­ten so­zia­len Sys­tem, ge­nannt Wirt­schaft, ein­zu­ord­nen. In die­sen drei Dis­zi­pli­nen ein­ge­bet­tet liegt die tech­ni­sche Ana­ly­se, die uns die Kunst des Mach­ba­ren ver­mit­telt.

Die Kunst des Mach­ba­ren

Als sol­che ver­ste­he ich un­ter vie­len an­de­ren Mög­lich­kei­ten mein Struk­tur­mo­dell. In Struk­tur A be­fin­det sich ein Markt, des­sen Haupt­in­dex und min­des­tens 80% sei­ner Kon­sti­tu­en­ten stei­gen. Ge­le­gent­li­che Preis­schocks dau­ern Ta­ge bis Wo­chen, da­nach setzt sich der Trend fort. Wel­che Nach­rich­ten als gut und wel­che als schlecht ver­stan­den wer­den, ist leicht zu er­mit­teln. Die gu­ten wer­den ho­no­riert, die schlech­ten lö­sen, wenn über­haupt, nur kur­ze Schocks aus – der klas­si­sche Bul­len­markt. Da­von sind wir weit ent­fernt.

Struk­tur D ist das Spie­gel­bild von A und steht für den ty­pi­schen Bä­ren­markt. Sie herrsch­te bis zum 11. Fe­bru­ar vor. Dann folgt Struk­tur E, ge­kenn­zeich­net durch ein­zel­ne Sek­to­ren von sub­stan­zi­el­ler Ka­pi­ta­li­sie­rung, die nicht wei­ter fal­len, wäh­rend die In­di­zes ih­ren Ab­wärts­trend be­schleu­ni­gen oder in zeit­rau­ben­de trend­lo­se Vo­la­ti­li­tät über­ge­hen. Vor al­lem er­ho­len sich die Kur­se nach ne­ga­ti­ven Nach­rich­ten rasch, und es wer­den an­de­re Nach­rich­ten als kurs­re­le­vant an­ge­se­hen als vor­her.

Der Zu­stand der Leit­bör­se

Ein­zel­ne sol­che Er­schei­nun­gen gab es jüngst zum Bei­spiel im Öl­sek­tor. Sie wa­ren aber zu ver­streut, um das Eti­kett Struk­tur E zu ver­die­nen, des­sen Spie­gel­bild in der Hausse die Struk­tur B ist, die letz­tes Jahr die US-Bör­se kenn­zeich­ne­te und die jetzt nicht zur Dis­kus­si­on steht. Die er­füll­ten Aus­schluss­kri­te­ri­en las­sen C üb­rig: ei­ne Tran­si­ti­ons­pha­se, ge­zeich­net durch Ral­lys, die Ta­ge bis Wo­chen dau­ern und un­ver­mit­telt in die Ge­gen­rich­tung dre­hen.

In Struk­tur C set­ze ich die US-Bör­se und in­ter­pre­tie­re sie als Kon­so­li­die­rung ei­ner Struk­tur D. Kon­so­li­die­run­gen set­zen sehr oft auf Hö­he des 40-Mo­na­teDurch­schnitts ein – welt­weit, nicht nur in den USA. So im März 2008, wor­auf hin ei­ne Ral­ly bis Mai 2008 von 14,5% folg­te, oder im De­zem­ber 2000, vor ei­ner Ral­ly bis En­de Ja­nu­ar 2001 von 10,2%, und er­neut im Fe­bru­ar 2016. In sol­chen Pha­sen gibt es Aus­sicht auf Er­folg, wenn die Di­ver­si­fi­ka­ti­on über Sek­to­ren ge­schieht und nicht über Län­der und gleich­zei­tig in D-Pha­sen Ab­si­che­run­gen ein­ge­setzt wer­den wie et­wa durch den Ver­kauf von In­dex-Fu­tures.

Er­folg ist als Wert­er­halt zu de­fi­nie­ren. Wie wert­voll die­ser ist, zeigt sich am En­de der Bais­se, wenn die In­di­zes ein Viel­fa­ches vom Port­fo­lio auf­ho­len müs­sen, um das Ni­veau zu er­rei­chen, das vor der Bais­se re­gis­triert wur­de. Die Mei­nung des Au­tors muss nicht mit der der Re­dak­ti­on über­ein­stim­men.

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