Wenn zu­sam­men­wächst, was nicht zu­sam­men­ge­hört

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT -

«Die Ver­ei­ni­gung Ita­li­ens war ei­ne Sün­de wi­der die Ge­schich­te und die Geo­gra­fie» – das sag­te 1899 der His­to­ri­ker und Po­li­ti­ker Gi­us­ti­no Fort­u­n­a­to. Er stamm­te aus der Ba­si­li­ka­ta und ge­hör­te im jun­gen Kö­nig­reich zur Grup­pe der «Me­r­idio­na­lis­ti», die sich mit den wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men des Sü­dens be­fass­ten. Mehr als ein Jahr­hun­dert spä­ter lahmt der Mez­zo­gior­no im­mer noch, und im Sü­den wie im Nor­den der Re­pu­blik dürf­ten heute nur zu vie­le Fort­u­n­a­to zu­stim­men.

Einst aber war Nea­pel, die Ka­pi­ta­le des Kö­nig­reichs bei­der Si­zi­li­en, die weit­aus gröss­te Stadt der gan­zen Halb­in­sel, ja die dritt­gröss­te Eu­ro­pas, nach London und Pa­ris. Ver­gli­chen mit ih­rem Glanz und ih­rer Welt­läu­fig­keit wa­ren Tu­rin, wo die sieg­rei­che Dy­nas­tie des Hau­ses Sa­voy­en re­si­dier­te, und Rom, das der Papst re­gier­te, tiefs­te Pro­vinz. Nea­pel war der Hei­mat­ha­fen der wich­tigs­ten Han­dels­flot­te des Mit­tel­meers, in der Bucht wa­ren Ita­li­ens gröss­te Werf­ten zu Hau­se, die ers­te ita­lie­ni­sche Ei­sen­bahn­stre­cke ent­stand im Sü­den (frei­lich wur­de das Netz dann kaum aus­ge­baut). Na­po­li ge­hör­te 1839 zu den ers­ten Städ­ten in ita­lie­ni­schen Lan­den, die ih­re Stras­sen mit Gas­be­leuch­tung aus­stat­te­ten. Das Rechts­sys­tem im Sü­den galt als das bes­te weit und breit.

Doch mit die­sen An­sät­zen war’s 1860 aus. Der letz­te Bour­bo­ne, Franz II., wur­de ins Exil ver­trie­ben. Da­mit er­losch ein Staat, der auf ei­ne lan­ge, wech­sel­vol­le, stark spa­nisch ge­präg­te Ge­schich­te zu­rück­blick­te: Al­fons V. von Ara­gón hat­te 1442 die Kö­nig­rei­che Nea­pel und Si­zi­li­en zu­sam­men­ge­fügt.

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