Po­li­tik lähmt Bra­si­li­en

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - Bu

Die Chan­ce auf ei­nen Re­gie­rungs­wech­sel be­weg­ten die Kur­se.

Bra­si­li­en scheint es gar nicht so schlecht zu ge­hen. Die Bör­se hat seit Jah­res­an­fang fast 30% zu­ge­legt. Der Re­al be­haup­tet sich die­ses Jahr als ei­ne der stärks­ten Wäh­run­gen ge­gen­über dem Dol­lar. Doch die­se In­di­ka­to­ren ver­mit­teln ei­nen fal­schen Ein­druck. Denn dem Land geht es so schlecht wie zu­letzt vor 25 Jah­ren: Das gilt für Wirt­schaft, die Po­li­tik, aber auch für die Ge­sell­schaft als Gan­zes. Und es sieht nicht aus, als könn­te sich das bald än­dern. So er­klär­te Ilan Gold­fa­jn, der Chef­öko­nom von Itau Uni­ban­co, jetzt, dass Bra­si­li­ens Wirt­schaft im bes­ten Fal­le am Jah­res­en­de auf­hö­ren wer­de, wei­ter zu schrump­fen. 2017 wer­de Bra­si­li­en in Sta­gna­ti­on ver­har­ren. Erst ab 2018 könn­ten sich ers­te An­zei­chen ei­ner Auf­hel­lung er­ge­ben. Dass Gold­fa­jns eher düs­te­re Pro­gno­sen ein­hel­lig als op­ti­mis­tisch in­ter­pre­tiert wur­den, zeigt, wie de­pres­siv die Stim­mung in Bra­si­li­en der­zeit ist.

Grund da­für ist die po­li­ti­sche Kri­se. Prä­si­den­tin Dil­ma Rousseff re­giert schon seit Mo­na­ten nicht mehr, son­dern kämpft nur noch für ih­ren Macht­er­halt. Es läuft ein Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren ge­gen sie, das sie in den nächs­ten Wo­chen aus dem Amt be­för­dern könn­te. Vor­der­grün­dig geht es um Haus­halts­ma­ni­pu­la­tio­nen un­ter ih­rer Ägi­de. Doch tat­säch­lich wol­len vie­le Bra­si­lia­ner ih­re Ab­set­zung, weil sie die Wirt­schaft mit ei­ner ka­ta­stro­pha­len Po­li­tik in die Sack­gas­se ei­ner Stag­fla­ti­on ge­führt hat. Mil­lio­nen Bra­si­lia­ner sind in den letz­ten Wo­chen ge­gen Rousseff auf die Stras­se ge­gan­gen.

Op­po­si­ti­on hält sich be­deckt

Doch in­zwi­schen hat die Re­gie­rung ih­re An­hän­ger bei den Ge­werk­schaf­ten und der Ar­bei­ter­par­tei mo­bi­li­sie­ren kön­nen. Vor al­lem der Ex-Prä­si­dent Luiz Inácio Lu­la da Sil­va spielt da­bei wie­der die ent­schei­den­de Rol­le. Ihr Vor­gän­ger ist vor al­lem ver­ant­wort­lich für das Pos­ten­ge­scha­cher mit den Split­ter­par­tei­en und Ab­trün­ni­gen der Op­po­si­ti­on, um Rousseff die Stim­men im Kon­gress zu si­chern.

Ge­lingt es Rousseff/Lu­la, das Im­peach­ment-Ver­fah­ren ab­zu­schmet­tern, dann dürf­te Lu­la de fac­to die Re­gie­rung lei­ten. Ge­gen ihn lau­fen je­doch Er­mitt­lun­gen we­gen Kor­rup­ti­on. Doch auch die Al­ter­na­ti­ve klingt nicht viel bes­ser: Bei ei­ner Amts­ent­he­bung Rouss­effs wür­de ver­mut­lich ihr Vi­ze Mi­chel Te­mer an­tre­ten. Aber auch das ist un­ge­wiss: Der Obers­te Ge­richts­hof hat eben­falls ein Im­peach­ment-Ver­fah­ren ge­gen ihn an­ge­strengt.

Die Num­mer drei in der po­li­ti­schen Macht­fol­ge wä­re für al­le Bra­si­lia­ner un­trag­bar als Rousseff-Nach­fol­ger: Es ist Edu­ar­do Cun­ha, der Prä­si­dent des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses, der knie­tief im Kor­rup­ti­ons­sumpf um den Staats­kon­zern Pe­tro­bras wa­tet. Doch mit ju­ris­ti­schen Win­kel­zü­gen ge­lang es ihm bis­her, im Amt zu blei­ben. Die bür­ger­li­che Op­po­si­ti­on hält sich im Kor­rup­ti­ons­skan­dal be­deckt: Auch ih­re Po­li­ti­ker ha­ben von den Schmier­geld­zah­lun­gen der Bau­kon­zer­ne und da­mit in­di­rekt vom Pe­tro­bras-Skan­dal pro­fi­tiert.

Schul­den­berg wächst schnell

Für die Wirt­schaft, die Un­ter­neh­men und die Men­schen ist Si­tua­ti­on fa­tal. Denn ganz egal, wie die po­li­ti­sche Kri­se wei­ter­geht, es be­steht noch lan­ge kein Kon­sens dar­über, dass der Staats­haus­halt jetzt drin­gend sa­niert wer­den müss­te. Die Fi­nan­zen lau­fen to­tal aus dem Ru­der: 2015 be­trug das De­fi­zit mehr als 10% des Brut­to­in­land­pro­dukts. Den Mil­lio­nen De­mons­tran­ten für und ge­gen Rousseff ist noch kei­nes­falls be­wusst, dass har­te Ein­schnit­te und Re­form­mass­nah­men not­wen­dig sind, da­mit Bra­si­li­ens Wirt­schaft wie­der auf die Bei­ne kommt und auch mit­tel­fris­tig wach­sen kann.

Aus die­sen Grün­den soll­ten An­le­ger der­zeit nicht in bra­si­lia­ni­sche An­lei­hen oder Ak­ti­en in­ves­tie­ren. Denn auch der jüngs­te Bör­sen­boom ent­puppt sich in der län­ge­ren Be­trach­tung nur als ei­ne leich­te Wert­be­rich­ti­gung. In Dol­lar ist der Bo­ve­s­pa seit vier Jah­ren im Sink­flug.

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