«Ne­ga­ti­ve Zin­sen sind ein Hor­ror»

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - IN­TER­VIEW: CHRISTOPH GISIGER,

Ver­schul­dung der Un­ter­neh­men ist heu­te enorm hoch, und die Kon­kur­se neh­men deut­lich zu. Es wür­de mich nicht ver­wun­dern, wenn die Ra­te der Zah­lungs­aus­fäl­le über die nächs­ten fünf Jah­re auf den höchs­ten Stand in der Ge­schich­te des Junk-Bond-Mark­tes steigt. Wir le­ben in ei­ner Kon­kurs­kul­tur. Ein Zah­lungs­aus­fall ist heu­te kein Schand­mal mehr. Be­gon­nen hat es wäh­rend der Im­mo­bi­li­en­kri­se, als vie­le Ei­gen­heim­be­sit­zer ih­ren Kre­dit­ver­pflich­tun­gen ein­fach nicht mehr nach­kom­men woll­ten. Seit­her ist die To­le­ranz für Zah­lungs­aus­fäl­le enorm ge­stie­gen. Im Fall von Pu­er­to Ri­co et­wa wird dar­über ge­spro­chen, als wä­re es ein Klacks. Was aber, wenn das Bei­spiel Pu­er­to Ri­co Schu­le macht und ein hoch ver­schul­de­ter US-Bun­des­staat wie Il­li­nois ei­nen Kon­kurs plötz­lich auch als bes­te Lö­sung sieht? Was ma­chen dann an­de­re Bun­des­staa­ten wie Con­nec­ti­cut oder Gross­städ­te wie Chi­ca­go und Hous­ton? Es ist schon über­ra­schend, dass die enor­me Trag­wei­te des Schul­den­pro­blems In­ves­to­ren kaum noch in­ter­es­siert. Das, nach­dem sie vor we­ni­gen Jah­ren la­ser­scharf auf The­men wie Grie­chen­land und die USSchul­den­gren­ze fo­kus­siert wa­ren. Der Zir­kus, den wir der­zeit ver­fol­gen, ist nur ein Kin­der­spiel. Die nächs­ten Wah­len wer­den die po­li­ti­sche Land­schaft noch er­heb­lich mehr er­schüt­tern. Bei­de Par­tei­en glau­ben, dass sie den Geist in der Fla­sche hal­ten kön­nen. Wir ste­hen aber vor ei­nem gros­sen Wen­de­punkt, der mit ei­nem Ge­ne­ra­tio­nen­pro­blem zu tun hat. Im Zen­trum ste­hen all die un­ter­fi­nan­zier­ten So­zi­al­leis­tun­gen, die den Ba­by­boo­mern ver­spro­chen wur­den. Sie be­tra­gen al­lein auf na­tio­na­ler Ebe­ne 60 000 Mrd. $. Den­noch will nie­mand das Pro­blem an­pa­cken. Do­nald Trump ver­spricht, die So­zi­al­wer­ke un­ver­än­dert zu las­sen, und Ber­nie San­ders will sie aus­bau­en. Hil­la­ry Cl­in­ton hat sich den Er­halt des Sta­tus quo so­gar zum Wahl­pro­gramm ge­macht. Trump wird ge­win­nen. Cl­in­ton wie auch San­ders sind aus­ge­spro­chen schwa­che Kan­di­da­ten. Cl­in­ton liegt in den Um­fra­gen zwar vor­ne. Die­se la­gen aber schon bei den letz­ten Wah­len falsch. Wenn er ge­winnt, ist das auf kur­ze Sicht wo­mög­lich sehr gut für die US-Wirt­schaft. Er wi­der­spricht sich zwar oft und bleibt meist we­nig kon­kret. Er sagt aber klar, dass er das Mi­li­tär aus­bau­en und ei­ne Mau­er an der Gren­ze zu Me­xi­ko er­rich­ten will. Er dürf­te ein gros­ses In­fra­struk­tur­pro­gramm wie in den Sech­zi­ger­jah­ren lan­cie­ren und viel Geld für Flug­hä­fen, Strassen und Waf­fen aus­ge­ben. Das wird die Staats­kas­se zwar enorm stra­pa­zie­ren. Trump wür­de das aber kaum stö­ren, hat er sich doch als Ge­schäfts­mann mit Schul­den wohl­ge­fühlt und mit di­ver­sen Pro­jek­ten Kon­kurs an­ge­mel­det. Als Prä­si­dent könn­te er al­so ei­nen tem­po­rä­ren, mit Schul­den fi­nan­zier­ten Boom an­hei­zen. Ame­ri­ka ist je­doch be­reits so hoch ver­schul­det, dass man sich fragt, was wohl da­nach kommt. Ich ha­be mir mei­nen Na­men ge­macht, als ich im März 2005 ent­ge­gen der vor­herr­schen­den Mei­nung kor­rekt vor­aus­sag­te, dass es zum to­ta­len Kol­laps der Kre­dit­märk­te kommt. Man muss al­so ei­ne zen­tra­le Idee ent­wi­ckeln, die den Markt be­we­gen wird. Eben­so wich­tig ist In­tui­ti­on, wie an­de­re In­ves­to­ren re­agie­ren, wenn sie auf­wa­chen und sich die­se Idee als rich­tig her­aus­stellt. Sol­che Mo­men­te muss man sich sorg­fäl­tig wäh­len, denn in 80% der Fäl­le ist es an den Märk­ten wie mit ei­nem Münz­wurf. Ent­schei­dend sind die 20%, in de­nen man über­zeugt von ei­ner Idee ist. Der­zeit trifft das auf US-Ak­ti­en zu. Sie sind wie ge­sagt viel zu teuer, spe­zi­ell Ti­tel mit ver­meint­lich ge­rin­ger Vo­la­ti­li­tät.

«Wir ste­hen vor ei­nem gros­sen Wen­de­punkt, der mit ei­nem Ge­ne­ra­tio­nen­pro­blem zu tun hat.» «Wenn et­was ver­meint­lich Si­che­res be­ginnt, an Wert zu ver­lie­ren, dann geht an den Märk­ten die Höl­le los.»

Ak­ti­en­fonds, die sich auf an­geb­lich «si­che­re» Ti­tel mit ge­rin­gen Kurs­schwan­kun­gen kon­zen­trie­ren, ge­hö­ren in Ame­ri­ka mo­men­tan zu den be­lieb­tes­ten An­la­gen. Das Pro­blem dar­an ist, dass Ak­ti­en mit ge­rin­ger Vo­la­ti­li­tät nicht exis­tie­ren. Wer zum Bei­spiel glaubt, dass Ti­tel wie John­son & John­son nicht ein­bre­chen kön­nen, irrt sich ge­wal­tig. Sol­che Fonds ber­gen des­halb ein gra­vie­ren­des Ri­si­ko, und es wird zu bö­sen Über­ra­schun­gen kom­men. Denn wenn et­was, das ver­meint­lich si­cher ist, plötz­lich be­ginnt, an Wert zu ver­lie­ren, dann geht an den Fi­nanz­märk­ten die Höl­le los.

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