Sie­ben Jah­re Ma­ra­thon

Finanz und Wirtschaft - - MONITOR - HEINZ RÜTTIMANN,

Ein Um­feld für Qua­li­täts­ak­ti­en und Di­vi­den­den­stra­te­gi­en

Trotz Käl­te und Näs­se ha­ben ver­gan­ge­nen Sonn­tag 9024 Läu­fe­rin­nen und Läu­fer die Stra­pa­zen des 42,195 km lan­gen Zü­rich Ma­ra­thons auf sich ge­nom­men. Der schnells­te Läu­fer brauch­te ge­ra­de mal 2:12 St­un­den, wäh­rend zahl­rei­che Schluss­lich­ter trotz gröss­ter An­stren­gun­gen aus dem Wer­tung ge­nom­men wur­den, weil sie das Zeit­li­mit von 5:30 St­un­den über­schrit­ten.

Die Ent­täu­schung war na­tür­lich gross. Zwi­schen Ma­ra­thon­läu­fern und Ak­ti­en­märk­ten gibt es er­staun­lich vie­le Par­al­le­len. Zum Ei­nen sind da die Top-Ath­le­ten: höchst dis­zi­pli­niert, aus­dau­ernd und mi­nu­ti­ös in der Vor­be­rei­tung. Der S&P 500, trai­niert von Ja­net Yel­len, ist ein sol­cher Ath­let und hat ver­gan­ge­ne Wo­che knapp un­ter­halb sei­nes his­to­ri­schen Hochs ge­schlos­sen.

Nach ei­nem sie­ben­jäh­ri­gen Kurs-Ma­ra­thon deu­tet vie­les auf ei­nen Ziel­ein­lauf hin. Die USWirt­schaft hat ih­ren Höchst­punkt über­schrit­ten, die Löh­ne stei­gen, die Mar­gen sind un­ter Druck und die Be­wer­tun­gen auf er­höh­tem Ni­veau. 2016 wird für den S&P 500 wohl ein vo­la­ti­les Aus­lau­fen mit ei­nem Kurs­ziel von 2050 Punk­ten.

In ei­nem sol­chen Markt­um­feld sind An­le­ger gut be­ra­ten, auf Qua­li­täts­ak­ti­en zu set­zen. Dies sind Fir­men mit sta­bi­lem Ge­winn­wachs­tum, tie­fer Ver­schul­dung und ho­her Ei­gen­ka­pi­tal­ren­di­te, wie et­wa Vi­sa, Cel­ge­ne, Gi­lead oder Star­bucks.

Drei Stol­per­stei­ne

Auf die Spit­ze folgt das gros­se Mit­tel­feld bzw. die eu­ro­päi­schen Ak­ti­en­märk­te. Wie in den USA hän­gen die Teil­neh­mer förm­lich an den Lip­pen ih­res Trai­ners, Ma­rio Draghi. Die Krux ist, dass der Be­treu­er­stab oder die eu­ro­päi­schen Re­gie­run­gen sich nicht kon­se­quent an sei­ne Vor­ga­ben hal­ten und so ein ge­ord­ne­tes Ren­nen fast un­mög­lich wird. Da wird ge­stos­sen und ge­stol­pert und die Zu­schau­er fra­gen sich, wann der nächs­te Läu­fer im Sa­ni­täts­pos­ten we­gen Br­ex­it, Gr­ex­it oder «spa­ni­scher Re­gie­rungs­bil­dung» be­treut wer­den muss.

Für eu­ro­päi­sche An­le­ger ist das ein schwie­ri­ges Um­feld. Im Er­s­teHil­fe-Kas­ten greift man des­halb am bes­ten nach eu­ro­päi­schen Di­vi­den­den­ak­ti­en wie Al­li­anz, Axa, ING oder UPM-Kym­me­ne.

Sie al­le lo­cken mit ei­ner Di­vi­den­den­ren­di­te von über 5% − fan­tas­tisch im Ver­gleich zu Ob­li­ga­tio­nen­ren­di­ten und at­trak­tiv, wenn das rech­ne­ri­sche Kurs­ziel für den Eu­ro Sto­xx 50 En­de 2016 bei rund 3200 zu lie­gen kom­men dürf­te. Wie bei je­dem Ren­nen gibt es auch Über­ra­schungs­kan­di­da­ten, die noch zu ei­nem Schluss­spurt fä­hig sind, und Teil­neh­mer, die es nicht mehr ins Ziel schaf­fen. Trotz An­feue­rungs­ru­fen der Zu­schau­er hat Chi­na bis­her bit­ter ent­täuscht.

Am Trai­ner­kon­zept kann es nicht lie­gen, und der Be­treu­er­stab hat eben­falls seit Län­ge­rem re­agiert und die Er­näh­rung um­ge­stellt. Mit der er­höh­ten Ka­lo­ri­en­zu­fuhr durch Geld- und Fis­kal­po­li­tik, tie­fen Zin­sen und schwä­che­rer Wäh­rung ist es ei­ne Fra­ge der Zeit, bis der Ex­ploit kommt und der Markt ein so­ge­nann­tes Re-ra­ting er­fährt. An­le­ger soll­ten dem chi­ne­si­schen Markt heu­te auf kei­nen Fall den Rü­cken keh­ren und ihm noch ei­ne Chan­ce ge­ben. Die Ge­winn­be­richts­sai­son für das ers­te Quar­tal 2016 hat be­gon­nen, und die er­höh­te Ener­gie­zu­fuhr dürf­te ver­ein­zelt in den Fir­m­en­er­geb­nis­sen zum Vor­schein kom­men. Der wirk­li­che Durch­bruch muss aber bis spä­tes­tens En­de Ju­li oder nach der Ge­winn­be­richts­sai­son für das zwei­te Quar­tal 2016 da sein.

Bra­si­li­en ent­täuscht

Zu den Schluss­lich­tern ge­hört Bra­si­li­en, trotz Ex­ploit. Das Land ist viel zu schnell ge­star­tet und kom­plett de­hy­driert. Trai­ner und Be­treu­er sind heil­los zer­strit­ten, und die Aus­sich­ten, zum Woh­le des Läu­fers rasch ge­mein­sa­me Nen­ner zu fin­den, sind düs­ter.

Der Markt Bra­si­li­en ist mehr­heit­lich sich selbst über­las­sen, und es ist ei­ne Fra­ge der Zeit, bis er ent­täu­schen wird. Ganz all­ge­mein wird er über­schätzt. Die ho­hen Ge­winn­erwar­tun­gen wird er nie und nim­mer er­fül­len kön­nen. Der Rea­li­täts­sinn wird zu­erst bei den In­ves­to­ren ein­set­zen, die nach dem Re-ra­ting ge­kauft ha­ben und heu­te zu den lau­tes­ten An­trei­bern ge­hö­ren.

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