Staats­kri­se we­gen ei­ner Scha­ma­nin

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ALEX­AN­DER TRENTIN

Es war ein trau­ma­ti­sches Er­leb­nis. 1974 er­fuhr Park Geun-hye in ih­rem Stu­di­en­ort Gre­no­ble, dass ih­re Mut­ter er­schos­sen wor­den war. Der An­schlag galt dem Va­ter, Süd­ko­reas Dik­ta­tor Park Chung­hee. Sie kehr­te zu­rück nach Hau­se und am­tier­te fak­tisch als «First La­dy». Kur­ze Zeit spä­ter mel­de­te sich ein Sek­ten­füh­rer bei ihr. Er be­haup­te­te, die See­le der Mut­ter ha­be ihn be­sucht. Über die Zeit er­lang­te er «ge­rüch­te­wei­se die voll­stän­di­ge Kon­trol­le über Parks Kör­per und See­le», schreibt die US-Bot­schaft in Seoul in ei­ner von Wi­ki­leaks pu­bli­zier­ten De­pe­sche. Die Toch­ter des Sek­ten­füh­rers, Choi Soon-sil, wur­de ei­ne en­ge Freun­din von Park. 1979 fiel dann Parks Va­ter ei­nem At­ten­tat zum Op­fer. Noch heu­te ver­eh­ren vie­le den Dik­ta­tor, da er die Wirt­schaft vor­an­brach­te.

Park wur­de 2013 selbst zur Prä­si­den­tin. Die Freund­schaft mit der Scha­ma­nin Choi dau­er­te an – und wühlt nun das po­li­ti­sche Le­ben in Süd­ko­rea auf. Com­pu­ter­da­tei­en zei­gen, dass Choi die Prä­si­den­tin sehr eng be­ra­ten hat – ob­wohl sie nicht für Staats­ge­heim­nis­se au­to­ri­siert war. So hat sie Re­den der Prä­si­den­tin über­ar­bei­tet. Und: Mäch­ti­ge Gross­kon­zer­ne wie Samsung, LG und Hy­un­dai sol­len um­ge­rech­net 70 Mio. Fr. an zwei Stif­tun­gen von Chois Toch­ter über­wie­sen ha­ben. An­schei­nend, um sich Ein­fluss auf die Po­li­tik der Prä­si­den­tin zu si­chern. Jun­ge Ko­rea­ner ge­hen zu Zehn­tau­sen­den auf die Strasse, um ge­gen Prä­si­den­tin Park zu pro­tes­tie­ren. Ge­mäss der gröss­ten Zei­tung Ko­reas ist Park die Fä­hig­keit zur Füh­rung des Lan­des «völ­lig ab­han­den­ge­kom­men». Die Prä­si­den­tin muss we­gen ih­rer Im­mu­ni­tät kein Straf­ver­fah­ren be­fürch­ten. Sie hat sich zwar va­ge ent­schul­digt, strei­tet feh­ler­haf­tes Han­deln aber ab. Trotz­dem hat sie am Frei­tag zehn ho­he Be­am­te ent­las­sen.

Parks Amts­zeit läuft bis En­de nächs­ten Jah­res. Doch die Auf­re­gung um den Skan­dal wird kaum nach­las­sen, die Me­di­en be­rich­ten wei­ter. So wur­de Choi nun ver­haf­tet und soll bald aus­sa­gen. Vie­le Ex­per­ten se­hen die Prä­si­den­tin schwer an­ge­schla­gen, ih­re Zu­stim­mungs­ra­te in der Be­völ­ke­rung ist ge­mäss Um­fra­gen auf 14% ge­fal­len.

Ein klas­si­scher Kor­rup­ti­ons­fall – bei­lei­be kein Ein­zel­fall für ei­nen ko­rea­ni­schen Prä­si­den­ten – wä­re wohl ein­fa­cher zu ver­dau­en als der bi­zar­re Skan­dal. Im­mer mehr Ge­rüch­te wer­den her­um­ge­reicht. Da­bei bräuch­te Süd­ko­rea ge­ra­de jetzt ei­ne star­ke Füh­rungs­fi­gur, um ge­sell­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Re­for­men – bei­spiels­wei­se das Auf­bre­chen der über­mäch­ti­gen Gross­kon­zer­ne – an­zu­pa­cken.

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