Der S&P ist nicht die US-Bör­se

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - ALFONS CORTES

Trends sind mehr als ei­ne Trend­li­nie auf ei­nem Chart. Sie sind die Ord­nung, die sich ein Markt durch Ver­such und Irr­tum ge­ge­ben hat. Un­ter ih­rem Re­gime wer­den die kurs­re­le­van­ten The­men aus­ge­wählt. Bei­spiels­wei­se starr­te der Markt bis Mit­te der Acht­zi­ger­jah­re je­den drit­ten Frei­tag des Mo­nats auf die US-Geld­men­gen­da­ten, vor al­lem auf M3. Fried­rich von Hay­ek sag­te da­mals ge­gen­über der FuW, er hal­te nichts da­von: «Man weiss oh­ne­hin nie, wie gross ei­ne Geld­men­ge ist.» Heu­te wer­den die­se Da­ten kaum mehr be­ach­tet.

Tech­ni­sche Er­run­gen­schaf­ten wie Ei­sen­bahn, Au­to, Te­le­fo­nie, Di­gi­ta­li­sie­rung wa­ren bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad nach­voll­zieh­ba­re Kurstrei­ber. An­de­re, wie die Eu­pho­rie für Ke­gel­bahn­ak­ti­en in den Fünf­zi­ger­jah­ren oder die in­zwi­schen ver­schmäh­ten Kon­glo­me­ra­te in den Sech­zi­gern bis Mit­te der Sieb­zi­ger, sind zu­min­dest aus der Re­tro­spek­ti­ve eher merk­wür­dig. Doch stets, wenn es er­kenn­ba­re Sym­bio­sen zwi­schen The­men und Kurs­ver­lauf gab, setz­ten Sek­to­ren, Län­der, Re­gio­nen oder gar die Märk­te der Welt selbst dann die Rich­tung fort, wenn sich ad­ver­se fun­da­men­ta­le Ent­wick­lun­gen ein­stell­ten, wie in Ja­pan von 1985 bis 1989 oder welt­weit von April 1998 bis März 2000.

Die ak­tu­el­le Ma­lai­se

Wenn In­di­zes es­sen­zi­ell seit­wärts ten­die­ren, wie der S&P 500 seit März 2015, der sich mit +5,5% über die Zeit kaum be­wegt hat, liegt meis­tens ei­ne Ma­lai­se zu­grun­de. Sie be­steht dar­in, dass die Vor­aus­set­zung für gut ein­schätz­ba­re Re­ak­tio­nen auf Nach­rich­ten fehlt. Re- ak­tio­nen lie­gen vor, wenn Po­pu­la­tio­nen trotz un­ter­schied­li­cher An­sät­ze, wie sie zu ih­ren Ent­schei­dun­gen ge­lan­gen, ei­ne weit­ge­hend über­ein­stim­men­de Er­war­tung ha­ben.

Die Über­ein­stim­mung, was für die Zu­kunft re­le­vant ist, fehlt an der USBör­se und an­ders­wo, mit Aus­nah­me von Ja­pan. Des­halb se­hen wir hef­ti­ge Re­ak­tio­nen auf Nach­rich­ten, teil­wei­se schwer nach­voll­zieh­ba­re Wer­tun­gen der News, stark di­ver­gie­ren­de Trends von Ak­ti­en und Sek­to­ren und als Fol­ge da­von von Mo­nat zu Mo­nat nur ge­rin­ge Ve­rän­de­run­gen der ka­pi­ta­li­sie­rungs­ge­wich­te­ten In­di­zes, ob­wohl es zwi­schen­durch durch­aus zu hef­ti­gen Schwan­kun­gen kommt.

Ti­tel­s­e­lek­ti­on bleibt Trumpf

Mei­nem Mo­dell zu­fol­ge be­fin­den sich nur 52,1% der US-Ak­ti­en in ei­ner po­si­ti­ven tech­ni­schen Ver­fas­sung. Als po­si­tiv gel­ten stei­gen­de Trends, die kei­ne Über­hit­zungs­er­schei­nun­gen zei­ti­gen, ge­nau­so wie Ab­wärts­trends, die in ei­ne Bo­den­bil­dung über­ge­gan­gen sind. Bis sich ein Kon­sen­sus her­aus­kris­tal­li­siert, was ei­ne aus­rei­chend grosse Ko­ali­ti­on aus Bör­sia­nern ver­schie­de­ner «Glau­bens­rich­tun­gen» für wich­tig und rich­tig hält, wer­den kei­ne nach­hal­ti­gen Trends in den In­di­zes ent­ste­hen, wer­den et­li­che Ak­ti­en in ver­schie­de­nen Sek­to­ren ei­ne über­ra­schend po­si­ti­ve Kurs­ent­wick­lung auf­wei­sen und an­de­re ei­ne eben­so über­ra­schend ne­ga­ti­ve.

Man wird sich, wie seit bald zwei Jah­ren und wie üb­ri­gens von 1971 bis 1982, von Ak­tie zu Ak­tie durch­ar­bei­ten, strik­te Ein­stiegs- und Aus­stiegs­re­geln fest­set­zen und ein­hal­ten müs­sen. Vor al­lem soll­te man sich hü­ten, die Be­deu­tung des ei­ge­nen Wis­sens zu hoch ein­zu­schät­zen. Nie­mand kann ro­bus­te Pro­gno­sen ab­ge­ben. Man kann aber sehr wohl die Ord­nung er­ken­nen, die sich ein Markt durch Ver­such und Irr­tum auf­er­legt hat. Sie ist gül­tig, bis ei­ne neue Ord­nung er­kenn­bar wird. Die jet­zi­ge ist ei­ne hoch­gra­dig nach­rich­ten­sen­si­ti­ve, he­te­ro­ge­ne Markt­struk­tur, wie sie vor und nach den Wah­len in den USA vor­zu­fin­den war und ist. Die Mei­nung des Au­tors muss nicht mit der der Re­dak­ti­on über­ein­stim­men.

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