Ist das die Zins­wen­de?

Finanz und Wirtschaft - - MONITOR - JAN BOPP,

Po­li­ti­sche Un­si­cher­heit las­tet auf den eu­ro­päi­schen Ak­ti­en­märk­ten.

Das jüngs­te Sit­zungs­pro­to­koll der US-No­ten­bank (Fed) hat nur das be­stä­tigt, was vie­le be­reits ver­mu­tet hat­ten: Die Zins­an­he­bung am 14. De­zem­ber scheint aus­ge­macht. Mitt­ler­wei­le ist ei­ne Wahr­schein­lich­keit von fast 100% für ei­ne Leit­zins­an­he­bung des Fed nächs­ten Mo­nat ein­ge­preist. Ei­ni­ge Mit­glie­der des Fed-Of­fen­markt­aus­schus­ses hal­ten dies schon des­halb für not­wen­dig, um die Glaub­wür­dig­keit der Zen­tral­bank zu wah­ren. Zu­dem rückt das wei­te­re Vor­ge­hen des Fed 2017 und 2018 in den Fo­kus der In­ves­to­ren. Man fragt sich, ob der Markt bis­lang ei­nen zu lang­sa­men Zins­er­hö­hungs­pfad ein­preist. Die Ren­di­te zehn­jäh­ri­ger US-Tre­a­su­ries hat am Mitt­woch 2,41% er­reicht.

Bis 3,25% ist chart­tech­nisch al­ler­dings noch Luft. Erst Ren­di­ten ober­halb die­ses Ni­veaus wür­den den 35-jäh­ri­gen Ab­wärts­trend der US-Tre­a­su­ries in Ge­fahr brin­gen und wo­mög­lich ei­ne Zins­wen­de ein­lei­ten. Bis da­hin ist es al­so noch ein wei­ter Weg. Im Zu­ge stei­gen­der US-Ren­di­ten und über­ra­schend star­ker Kon­junk­tur­da­ten stieg der Dol­lar­index auf den höchs­ten Stand seit März 2003. Ge­gen­über dem Eu­ro no­tier­te der Dol­lar zwi­schen­zeit­lich nur noch knapp ober­halb wich­ti­ger Ver­lauf­stiefs im Be­reich um 1.05 $/€.

US-Ak­ti­en haus­sie­ren

Soll­ten die No­tie­run­gen un­ter das Zwölf­jah­res­tief vom März 2015 bei 1.0458 $/€ fal­len, rückt die Pa­ri­tät un­mit­tel­bar in den Fo­kus. Der­zeit scheint das Wäh­rungs­paar je­doch zu­nächst in ei­ne Kon­so­li­die­rungs­pha­se über­zu­ge­hen.

Trotz an­zie­hen­der Ren­di­ten und fes­tem Dol­lar ha­ben sich die Ak­ti­en­märk­te in den USA zu neu­en Re­kord­hochs auf­ge­macht. Gleich vier der gros­sen Ak­ti­en­in­di­zes han­del­ten in die­ser Wo­che zu neu­en Höchst­stän­den – das gab es das letz­te Mal En­de 1999. Der Dow Jo­nes In­dus­tri­als schaff­te den Sprung über 19 000, der brei­te­re S&P 500 no­tier­te erst­mals über 2200, auch der Nas­daq und der klei­ne­re Wer­te um­fas­sen­de Rus­sell 2000 er­reich­ten All­zeit­hochs.

In den Mo­na­ten zu­vor hat­ten Trumps nicht im­mer kon­sis­ten­te Äus­se­run­gen zur Wirt­schafts­po­li­tik und Un­wäg­bar­kei­ten in den Han­dels­be­zie­hun­gen In­ves­to­ren gros­se Sor­gen be­rei­tet. Nun treibt die Hoff­nung auf ei­nen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung, ge­tra­gen von mas­si­ven In­fra­struk­tur­pro­gram­men, De­re­gu­lie­rungs­er­war­tun­gen und Steu­er­sen­kun­gen, die Kur­se. Ent­spre­chend stark war auch die Ro­ta­ti­on in­ner­halb der Ak­ti­en­märk­te in Bran­chen, die von die- ser Ent­wick­lung be­son­ders pro­fi­tie­ren: Fi­nanz-, Ener­gie- und Grund­stoff­ak­ti­en.

In Eu­ro­pa ist die Si­tua­ti­on et­was kom­pli­zier­ter. Po­li­ti­sche Un­si­cher­heit wird den Kon­ti­nent auch in den kom­men­den Mo­na­ten be­glei­ten. Am 4. De­zem­ber ent­schei­det Ita­li­en über ei­ne tief­grei­fen­de Ver­fas­sungs­re­form. Zwar be­trifft die Re­form nur in­nen­po­li­ti­sche Ab­läu­fe, doch geht es mitt­ler­wei­le um viel mehr.

Ita­li­en im Fo­kus

Es geht um Zu­stim­mung oder Ab­leh­nung von Mi­nis­ter­prä­si­dent Mat­teo Ren­zi, ei­nem der letz­ten ver­blie­be­nen, wich­ti­gen «Eu­ro­pä­er» in der EU. Die po­li­ti­schen Flieh­kräf­te im Eu­ro­raum sind spä­tes­tens seit dem Br­ex­it-Re­fe­ren­dum deut­lich zu spü­ren. Und die Wah­len in Frank­reich, den Nie­der­lan­den und Deutsch­land im kom­men­den Jahr könn­ten die Zwei­fel am Eu­ro wei­ter schü­ren. Ent­spre­chend le­thar­gisch zei­gen sich eu­ro­päi­sche Ak­ti­en­märk­te, die sich seit Mo­na­ten nur in ei­ner en­gen Span­ne be­we­gen und den An­schluss an US-Ak­ti­en ver­lie­ren.

Und auch eu­ro­päi­sche Staats­an­lei­hen – vor al­lem aus der Pe­ri­phe­rie – er­lit­ten si­gni­fi­kan­te Kurs­ver­lus­te. Zehn­jäh­ri­ge spa­ni­sche Staats­an­lei­hen ren­tie­ren et­wa 1,57% – ein Plus von rund 70 Bp seit An­fang Ok­to­ber. Grös­se­rem Druck se­hen sich nur ita­lie­ni­sche Pa­pie­re aus­ge­setzt. Die zehn­jäh­ri­ge BTP-Ren­di­te ran­giert bei et­wa 2,11% auf dem höchs­ten Ni­veau seit Ju­li 2015. Sie hat sich in knapp drei Mo­na­ten fast ver­dop­pelt – ein Kurs­ver­lust von rund 27%. Grund ge­nug für die EZB, ihr An­kauf­pro­gramm über März 2017 zu ver­län­gern. Denn die im­men­se Schul­den­last der Pe­ri­phe­rie ist un­ter die­sen Be­din­gun­gen kaum nach­hal­tig zu re­fi­nan­zie­ren.

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