Rei­ter auf to­tem Pferd

Finanz und Wirtschaft - - MONITOR - HEINZ RÜTTIMANN,

Die US-Märk­te ken­nen kein Hal­ten, Schwei­zer Ak­ti­en tun sich schwe­rer.

Dem sehr neu­gie­ri­gen und mu­ti­gen fran­zö­si­schen Ent­de­cker Médard Chouart des Gro­s­eil­liers, der im 17. Jahr­hun­dert die Da­ko­ta-In­dia­ner be­sucht hat­te, ha­ben wir die Er­kennt­nis zu ver­dan­ken: «Wenn du ent­deckst, dass du ein to­tes Pferd rei­test, stei­ge ab.» Nach der Wahl von Do­nald Trump mö­gen sich vie­le An­lei­hen­in­ves­to­ren genau dar­an er­in­nert ha­ben.

Die Ren­di­ten zehn­jäh­ri­ger USStaats­an­lei­hen stie­gen in kür­zes­ter Zeit von 1,72 auf 2,32% – und be­scher­ten lang­fris­ti­gen An­lei­hen­in­ves­to­ren schmerz­haf­te Ver­lus­te. Es scheint, dass der 35-jäh­ri­ge Bul­len-Bond-Markt lang­sam zu En­de geht. Tot ist tot. Da hilft auch kei­ne stär­ke­re Peit­sche oder Ge­jam­mer, dass man das Pferd über die letz­ten 35 Jah­re schon im­mer so ge­rit­ten ha­be.

Zu­ge­ge­ben, nach den letz­ten zwei Wo­chen riecht es nach Über­trei­bung, und trotz­dem sind lang­jäh­ri­ge An­lei­hen­an­la­gen bis auf wei­te­res un­at­trak­tiv. Ei­ne Al­ter­na­ti­ve bil­den US-Un­ter­neh­mens­an­lei­hen mit nied­ri­ger Bo­ni­tät. Der ver­bes­ser­te Wirt­schafts­aus­blick für die USA soll­te de­ren Aus­fall­wahr­schein­lich­keit wei­ter sen­ken und die Kur­se stei­gen las­sen. Gleich­zei­tig ver­spre­chen die hö­he­ren Ren­di­ten ei­nen grös­se­ren Puf­fer ge­gen­über Zins­er­hö­hun­gen der US-No­ten­bank (Fed). Der nächst­mög­li­che Zins­schritt am 14. De­zem­ber ist mit hun­dert­pro­zen­ti­ger Wahr­schein­lich­keit ein­ge­preist.

Über­trei­bung

Al­les an­de­re als tot sind die US-Ak­ti­en­märk­te. Seit An­fang No­vem­ber ha­ben der S&P 500 mit +4,8%, der Dow Jo­nes mit +6,2% und der Rus­sell 2000 mit +14,3% zu ei­nem re­gel­rech­ten Sprung an­ge­setzt und gleich­zei­tig neue All­zeit­hochs er­reicht. Plötz­lich scheint sich die Wahl von Trump für die Ak­ti­en­märk­te vom Sau­lus zum Pau­lus zu wan­deln. Die Aus­sich­ten auf Steu­er­sen­kun­gen, In­fra­struk­tur­aus­ga­ben und den Bü­ro­kra­tie­ab­bau be­feu­ern die Ral­ly.

Al­les, was Do­nald Trump in die­sen Ta­gen ver­spricht, wird für ba­re Mün­ze ge­nom­men. Die An­zei­chen ei­ner Über­trei­bung meh­ren sich, und das Ri­si­ko, vom Pferd ge­wor­fen zu wer­den, steigt. Nach der jüngs­ten Ral­ly ist der Ein­stiegs­zeit­punkt nicht ide­al – auch des­halb nicht, da die meis­ten In­ves­to­ren ih­re Bü­cher in zwei Wo­chen schlies­sen. Die be­vor­zug­ten Sek­to­ren blei­ben Luft­fahrt, Ver­tei­di­gung, In­fra­struk­tur, Fi­nanz­ti­tel und Phar­ma. Al­les an­de­re als gros­se Sprün­ge nach vor­ne voll­führ­ten Schwei­zer Ak­ti­en. Der SMI hat seit Jah­res­an­fang rund 9% ver­lo­ren. Al­le gros­sen Sek­to­ren – de­fen­si­ve Kon­sum­gü­ter, Phar­ma und Fi­nanz­ti­tel – ha­ben Ter­rain preis­ge­ge­ben. Bei den zwei letzt­ge­nann­ten ist der Ein­stiegs­zeit­punkt we­sent­lich güns­ti­ger als in den USA, die preis­trei­ben­den Fak­to­ren sind ähn­lich.

Wer sich nicht in­ter­na­tio­nal ex­po­nie­ren will, setzt wei­ter auf klein und mit­tel­gross ka­pi­ta­li­sier­te Un­ter­neh­men der Schweiz. So hat der SPI 20 Midd­le Cap seit Jah­res­be­ginn 7,8% zu­ge­legt. Der po­si­ti­ve Trend bleibt in­takt. Zum ei­nen ret­tet man sich da­mit in den Fran­ken, und zum an­de­ren sind die­se Fir­men stär­ker auf die hei­mi­sche Wirt­schaft aus­ge­rich­tet.

Zu­rück im Stall

Wie schnell man vom ho­hen Ross fal­len kann, zeigt sich bei den Schwel­len­län­dern. Noch kürz­lich ge­fei­ert von den In­ves­to­ren, ging es nach Trumps Wahl schnur­stracks zu­rück in den Stall. An die Teil­nah­me ei­ner Spring­kon­kur­renz ist für die nächs­ten paar Mo­na­te nicht mehr zu den­ken. Bis vor kur­zem lag der MSCI Emer­ging Mar­kets seit Jah­res­an­fang noch 15% im Plus. Seit Trumps Wahl ist es noch die Hälf­te. Am 20. Ja­nu­ar 2017 über­nimmt der neue Prä­si­dent die Re­gie­rungs­ge­schäf­te. Schwel­len­län­der müs­sen mit Peit­schen­hie­ben rech­nen.

Be­vor nicht mehr Klar­heit über Trumps Im­mi­gra­ti­ons-, Aus­landsund Han­dels­po­li­tik herrscht, wer­den sich die In­ves­to­ren mit En­ga­ge­ments zu­rück­hal­ten. Der stär­ke­re Dol­lar und die stei­gen­den USAn­lei­hen­ren­di­ten lie­fer­ten ei­nen Vor­ge­schmack. Ein Ein­stieg ist dann wie­der ge­ge­ben, wenn Schwel­len­län­der nach un­ten über­schies­sen und bei In­ves­to­ren die Ein­sicht ein­kehrt, dass auch in den USA die Bäu­me nicht ein­fach in den Him­mel wach­sen.

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