Wann kip­pen teu­re Bör­sen?

Finanz und Wirtschaft - - MÄRKTE - AL­FONS CORTÉS

Teu­re Bör­sen wer­den bil­li­ger – durch stei­gen­de Un­ter­neh­mens­ge­win­ne, rück­läu­fi­ge Zin­sen und/oder fal­len­de Kur­se. Doch auf Letz­te­res zu set­zen, hat schon man­chen Ver­druss ge­bracht. Es gibt näm­lich kei­ne fi­xe Zahl, ab der teu­re Märk­te in ei­ne Bais­se mün­den. Das hat mich vor Jah­ren schon ver­an­lasst, da­nach zu su­chen, was sonst noch vor­lie­gen muss, da­mit der Be­ginn ei­ner Bais­se an­ge­nom­men wer­den kann. Die Ant­wort fällt deut­lich aus: ei­ne he­te­ro­ge­ne Markt­struk­tur. Als ho­mo­gen be­zeich­ne ich Bör­sen­pha­sen, in de­nen 80% der Ak­ti­en Trends auf­wei­sen, de­ren Rich­tung, nicht aber de­ren Mo­men­tum mit dem Trend des Re­fe­ren­z­in­dex über­ein­stimmt. Al­les, was dar­un­ter liegt, gilt als he­te­ro­gen.

Die Ra­tio liegt in der So­zi­al­psy­cho­lo­gie, de­ren Reich die Be­ha­vioral Fi­nan­ce, die ver­hal­tens­ori­en­tier­te Fi­nan­zöko­no­mie, aus un­ver­ständ­li­chen Grün­den nie be­tre­ten hat. Der Kon­text, der von der Um­welt un­ter an­de­rem durch die The­men­wahl, die Prä­sen­ta­ti­on der The­men (sub­til, markt­schreie­risch), Preis­si­gna­le (wie Vo­la­ti­li­tät) ge­schaf­fen wird, übt gros­sen Ein­fluss auf die In­ter­pre­ta­ti­on des Mel­de­flus­ses aus.

Die Mus­ter­fra­ge

In «Com­ple­xi­ty and the Eco­no­my» er­wähnt Bri­an Ar­thur vom San­ta Fe In­sti­tu­te mehr­fach in un­ter­schied­li­chen For­mu­lie­run­gen, dass die Kern­fra­ge an der Bör­se laute, wie In­di­vi­du­en auf das Mus­ter re­agie­ren wer­den, das sie selbst durch ih­re Hand­lun­gen mit­ver­ur­sacht ha­ben, und wel­ches Mus­ter ih­re Reaktionen dar­auf aus­lö­sen wer­den.

Wer sich die­ser The­ma­tik an­nä­hern möch­te, kann mit Ge­winn und Ge­nuss das Buch «Der Lu­zi­fer-Ef­fekt» des So­zi­al­psy­cho­lo­gen Phi­lip Zim­bar­do le­sen. Es geht um die Un­ter­schei­dung zwi­schen dis­po­si­tio­na­len Fak­to­ren, de­nen sich so­wohl Ben­ja­min Gra­ham als auch die ge­sam­te For­schung der Be­ha­vioral Fi­nan­ce zu­wand­ten, und si­tua­ti­ven Fak­to­ren. Da­zu ge­hört al­les, wo­mit sich ei­ne se­riö­se tech­ni­sche Ana­ly­se aus­ein­an­der­setzt, dar­un­ter pro­mi­nen­te Be­stand­tei­le wie Mo­men­tum und nur dem ge­üb­ten Be­ob­ach­ter sich öff­nen­de Fak­to­ren wie die Markt­brei­te.

Wich­ti­ge Markt­brei­te

Um es kurz zu ma­chen: Von 1643 Ak­ti­en im MSCI-Welt­in­dex be­fin­den sich 1171, das heisst 71%, in ei­nem mit ih­rer je­wei­li­gen Mess­lat­te über­ein­stim­men­den Trend. Von elf Sek­to­ren er­fül­len vier die Kri­te­ri­en, um als ho­mo­gen zu gel­ten. Sie stel­len 49,4% der Ka­pi­ta­li­sie­rung des MSCI Welt dar. Das be­deu­tet, dass ir­gend­ei­ne er­schre­cken­de Nach­richt aus ei­nem von den Bör­sen mit ab­wech­seln­dem Ge­wicht be­ob­ach­te­ten Be­reich (bei­spiels­wei­se der Po­li­tik, die an der Bör­se nicht im­mer, wie der Volks­mund sagt, auf kur­zen Bei­nen da­her­kommt) ei­nen gros­sen Kurs­schock aus­lö­sen kann.

Von prak­ti­scher Be­deu­tung wird die Er­kennt­nis sein, dass in sol­chen Si­tua­tio­nen die Di­ver­si­fi­ka­ti­on des Ak­ti­en­port­fo­li­os über Län­der kei­nen Nut­zen brin­gen wird, weil al­le Län­der­indi­zes in die glei­che Rich­tung ge­hen, hin­ge­gen nicht al­le Sek­to­ren. Wäh­rend zum Bei­spiel die Bais­se in Bank­ak­ti­en im Ju­ni 2007 be­gann, setz­te sie in Öl- und Mi­nen­ti­teln im Mai 2008 ein. Der DJ US Ho­me Con­struc­tion, in dem Nutz­nies­ser der Im­mo­bi­li­en­bla­se ent­hal­ten sind, hat­te ganz im Ge­gen­satz da­zu sei­nen Hö­he­punkt be­reits im Ju­li 2005 er­reicht.

Dar­aus geht her­vor: In ei­ner (noch?) glo­ba­li­sier­ten Welt ist die Be­ob­ach­tung des Markt­ge­sche­hens über die Sek­to­ren un­end­lich er­gie­bi­ger als die Be­trach­tung über die Län­der­indi­zes. Die Mei­nung des Au­tors muss nicht mit der der Re­dak­ti­on über­ein­stim­men.

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