Al­ters­vor­sor­ge 2020

Finanz und Wirtschaft - - PRAKTIKUS/PORTRÄT - ERICH SCHWYN, THO­MAS FINK,

Die Vor­schlä­ge der Eid­ge­nös­si­schen Rä­te zur AHV zei­gen das üb­li­che Bild von scheu­klap­pen­ar­ti­gen Wenn-dann-Lö­sun­gen. Ein Rund­um­blick über das The­ma hin­aus ist drin­gend nö­tig. Als in den letz­ten Jahr­zehn­ten des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts die Fi­nanz­wirt­schaft blind­wü­tig über die Re­al­wirt­schaft zu herr­schen be­gann, mit dem be­kann­ten De­sas­ter 2008, hat kei­ne Be­hör­de und kei­ne Par­tei re­agiert. Die Po­li­ti­ker sonn­ten sich im ver­klär­ten Strah­len­glanz der Fi­nanz­gu­rus. Mit der gläu­bi­gen Ge­wiss­heit, im rich­ti­gen Boot zu sit­zen, hoff­ten sie, vom hei­li­gen Licht der Gött­li­chen min­des­tens ge­streift zu wer­den. Statt­des­sen er­lit­ten sie rea­len Schiff­bruch mit har­tem Auf­schlag im Land der Wirk­lich­keit.

Weil das De­sas­ter auch die öf­fent­li­chen Haus­hal­te in die Tie­fe riss, hö­ren wir land­auf, land­ab nur noch vom Spa­ren. Es emp­fiehlt sich, auch die Sei­te der Er­lö­se ei­ner Kon­trol­le zu un­ter­zie­hen. 80% des für die Wirt­schaft ge­schöpf­ten Gel­des ist so­ge­nann­tes Buch­geld (Giral­geld), das selt­sa­mer­wei­se nicht dem Wäh­rungs­mo­no­pol des Staa­tes un­ter­stellt ist. Da­zu ge­hö­ren auch die Lohn­kon­ti der Ar­beit­neh­mer, die nicht mehr bar be­zah­len, son­dern mit der Bank­kar­te über das Lohn­kon­to um­bu­chen. Die­ses Geld kommt nicht von der Na­tio­nal­bank, son­dern über ge­währ­te Kre­di­te von den Banken.

Im Ge­gen­satz zu Mün­zen und No­ten, die bei der Fa­b­ri­ka­ti­on noch kos­ten, ist Giral­geld gra­tis und er­zeugt 100% Ge­winn. Die­sen Ge­winn, der wie bei Mün­zen und No­ten der All­ge­mein­heit ge­hört, heim­sen die Banken ein.

In der Schweiz wa­ren von 2003 bis 2012 im Durch­schnitt 340 Mrd. Fr. im Um­lauf. Von der Schwei­ze­ri­schen Na­tio­nal­bank ka­men 40 Mrd. Bar­geld, die Banken er­zeug­ten 300 Mrd. Fr. Giral­geld, al­so 87% al­ler Fran­ken. Dar­aus re­sul­tie­ren ge­mäss «Voll­geld», von May­er/Hu­ber (S. 60), jähr­lich 5 Mrd. Fr. an Zin­sen. Die Fra­ge stellt sich, ob von die­sem von der Po­li­tik ver­schmäh­ten jähr­li­chen Er­lös nicht auch et­was für die AHV ab­fal­len könn­te. FuW Nr. 17 vom 4. März In mei­ner Ei­gen­schaft als lang­jäh­ri­ger Ex­per­te für be­ruf­li­che Vor­sor­ge ha­be ich die ver­schie­de­nen Mo­del­le (Bun­des­rat, Stän­de­rat, Na­tio­nal­rat) mit dem BVG-Vor­sor­ge­plan ver­gli­chen. Das Er­geb­nis lau­tet: Wer un­ter 30 in die BVG-Vor­sor­ge ein­tritt (der Re­gel­fall), be­kommt nach den drei Mo­del­len ei­ne glei­che ho­he Al­ters­ren­te wie bis­her, bei Ein­kom­men von un­ter 60 000 Fr. so­gar ei­ne hö­he­re Al­ters­ren­te. Der Ar­beit­ge­ber­ver­band kommt in sei­ner Dokumentation auf das glei­che Er­geb­nis. Je spä­ter man in das Er­werbs­le­ben resp. in die BVG-Vor­sor­ge ein­tritt und je hö­her der Lohn, des­to schlech­ter schnei­den die neu­en Mo­del­le ab. Wer z. B. erst mit 49 mit dem Spar­pro­zess be­ginnt, hat bei ei­nem Lohn von 84 800 Fr. 8,2% we­ni­ger Al­ters­ren­te. Die­se Dif­fe­renz ver­rin­gert sich mit tie­fe­rem Lohn, und bei ei­nem Lohn von un­ter 50 000 Fr. re­sul­tiert ei­ne leicht hö­he­re Al­ters­ren­te.

Bei ei­nem Ver­gleich der Mo­del­le muss stets der «Nor­mal­fall» im Zen­trum ste­hen, al­so Per­so­nen, die mit 20 bis 30 ins Be­rufs­le­ben ein­stei­gen, nicht aber Wie­der- und Spä­te­in­stei­ger. Die BVG-Re­form sieht vor, dass der Spar­pro­zess ver­stärkt in jün­ge­ren Jah­ren er­folgt, dar­aus re­sul­tiert zwangs­läu­fig ei­ne ge­wis­se Ver­schlech­te­rung für Spä­te­in­stei­ger. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass al­le, die in jün­ge­ren Jah­ren aus der Vor­sor­ge aus­tre­ten, ei­ne be­deu­tend hö­he­re Aus­tritts­leis­tung er­hal­ten – na­ment­lich auch Frau­en, die z. B. mit 35 den Er­werbs­pro­zess un­ter­bre­chen oder be­en­den.

Nur bei der Ein­tritts­ge­ne­ra­ti­on gibt es wirk­li­che Verlierer: Wer bei der Um­stel­lung über ein BVG-Al­ters­gut­ha­ben ver­fügt, er­lei­det ei­ne «Ent­wer­tung» sei­nes BVG-Al­ters­gut­ha­bens, und die TeilAl­ters­ren­te, die nach dem neu­en Vor­sor­ge­plan an­ge­spart wird, fällt et­was tie­fer aus: am deut­lichs­ten beim Lohn über 80 000 Fr.; im Lohn­be­reich un­ter 50 000 Fr. re­sul­tiert so­gar ei­ne leich­te Er­hö­hung der BVG-Al­ters­ren­te.

Bun­des­rat und Par­la­ment se­hen in ih­ren Mo­del­len aber vor, dass die Hö­he der BVG-Min­dest­al­ters­ren­te bei über 45-Jäh­ri­gen ga­ran­tiert wer­den soll (Be­sitz­stand). Fa­zit: Die AHV-Zu­satz­ren­te er­weist sich als un­nö­tig. Da hat man die Sa­che zu we­nig genau an­ge­schaut! Hier las­sen sich ei­ni­ge Mil­li­ar­den Fran­ken spa­ren!

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